Schweizer Trainer-Rundschau: Wicky, Weiler und Favre

Raphael Wicky steht vor der ersten Bewährungsprobe
Raphael Wicky steht vor der ersten Bewährungsprobe © KEYSTONE/PATRICK B. KRAEMER
Drei Schweizer Trainer, drei Auszüge aus ihrer Karriere: Raphael Wicky, neuer Basler Hoffnungsträger, René Weiler, Meistertrainer in Anderlecht und Lucien Favre, Teamentwickler in Nizza. Die Vereinsführung kennt Raphael Wickys Vorstellungen und Pläne schon länger im Detail.

Der aus der Junioren-Abteilung beförderte Coach legte während der Evaluierungsphase im Frühling ein Dossier vor, das die neuen Entscheidungsträger überzeugt hat. «Ich habe über Werte gesprochen, die ich vorlebe, die mir wichtig sind, mit denen ich mich identifiziere.»

Am Tegernsee in Bayern vertiefte er seine Vorstellungen während eines mehrtägigen Camps und thematisierte, wie er den Anforderungskatalog künftig definieren wird – Offenheit, Stolz, Ehrgeiz spielen beim 40-Jährigen eine zentrale Rolle. Er habe seine lange Laufbahn als Bundesliga-Profi auf diesem Fundament aufgebaut, erklärt Wicky im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. «Ich war als Spieler ein ehrlicher Arbeiter und habe eine direkte Kommunikation geschätzt. Die Wahrheit ist manchmal unangenehm, aber sie tut gut.»

Vielleicht hat er deshalb vor allem zwei seiner vielen Ex-Coaches in besonders scharfer Erinnerung behalten: den inzwischen verstorbenen Spanier Luis Aragones (Atlético Madrid) und Huub Stevens (Hamburger SV). Ihre Menschenführung und ausdrücklicher Verzicht auf Schlangenlinien blieben haften. Kopieren will er niemanden, aber zumindest jene Fehler vermeiden, die ihm bei seinen früheren Chefs aufgefallen sind.

Wickys Ankunft an bester nationaler Klubadresse war so explizit nie geplant. «Ich hatte mir keinen Plan zurechtgelegt, wann ich auf Super-League-Stufe tätig sein würde.» Hilfreich war sein Einstieg bei den U14-Junioren von Servette vor rund sieben Jahren: «Ich konnte testen und viel ausprobieren, auch mal Fehler machen.» Mit dem Walliser ist einer jener (Trainer-)Generation oben angekommen, welche die Schweizer Szene im In- und Ausland ab der EM 1996 während einer Dekade prägte.

Im vergangenen Mai verneigte sich in Brüssel eine Anderlechter Klub-Ikone vor René Weiler. «Weiler ist ein Hero, Chapeau. Ich bin ein Fan geworden. Mea Culpa», breitete Gille Van Binst in der Boulevard-Zeitung «La Dernière Heure» aus. Mitte Mai gewann der Royal Sporting Club nach zwei enttäuschenden Saisons wieder einen Titel. Weiler formte unter schwierigen Bedingungen innerhalb von zwölf Monaten eine Mannschaft, die höchsten Ansprüchen gerecht wurde.

Ein paar Wochen später sitzt der Zürcher im österreichischen Städtchen Saalfelden und hält Hof. Eine Stunde lang spielt er mit den belgischen Journalisten den verbalen Doppelpass. Es geht um grundsätzliche Einordnungen, darum, die Erwartungshaltung trotz Champions-League-Teilnahme auf ein gesundes Mass zu senken. «Vor 35 Jahren war Anderlecht einer der 15, 20 besten Klubs Europas, inzwischen haben etwa 250 bis 300 andere Vereine ein höheres Budget als wir.»

Während der kritischen Debatte und Aufarbeitung mit den medialen Beobachtern kommt eine wichtige Qualität Weilers zum Tragen: Der studierte Kommunikations-Wissenschaftler weicht unzimperlichen Fragen nicht aus und lässt sich öffentlich nicht aus dem Konzept bringen. Er kennt alle Facetten der Branche – als früheres Talent, als Sportchef, als Coach in rauen unteren Ligen mit teilweise ungeduldigen Vorgesetzten.

In Belgien geht der Mann mit Jahrgang 73 bereits in sein 17. Trainer-Jahr. Sein innovativer Weg, seine Konsequenz, in Aarau und Nürnberg räumte er seinen Posten vorzeitig, zahlte sich aus. Kürzlich sagte er: «Ein Vorgesetzter einer Gruppe muss viele, auch delikate Entscheide fällen. Könnte ich diese für mich selber nicht treffen, würde ich nicht unbedingt leitender Angestellter sein wollen. Vieles hat bisher geklappt, aber nicht alles. So ist das Leben.»

Tief im Süden Frankreichs arbeitet einer, der Weilers Entwicklung nur schon deshalb aufmerksam verfolgt, weil er schon länger freundschaftlich mit dem belgischen Meistertrainer verbunden ist: Lucien Favre, 59, Autor des französischen Fussball-Märchens namens Nice. Dank seiner Arbeit an der Côte d’Azur rückte «Gym» erstmals seit über vier Jahrzehnten unter die Top 3 der Ligue 1 vor.

Am kommenden Freitag wird Favre erfahren, mit welcher Organisation er es in der Champions-League-Qualifikation zu tun bekommt. «Wir sind noch nicht bereit, es fehlt noch viel», meldet er aus dem Trainingslager. Er unterzieht die neuen Akteure intensiven Tests, der übrige Teil schuftet ebenso hart und lernt neue Übungsformen kennen. Favre hat mit seinem Stab wieder mehrere Elemente entworfen. «Ich habe Spass daran, mich und die Spieler weiterzubilden. Wer stehen bleibt, ist tot.»

Schon seine Teams in Echallens, Yverdon, Genf, Zürich, Berlin oder Mönchengladbach waren für ihre Souplesse, ihre taktische Flexibilität bekannt. Gleiche Muster sind in Nizza zu erkennen, egal in welcher Besetzung der OGC antritt. «Man muss im Leben immer offen sein», sagt Favre dazu nur und meint eigentlich: die eigene und die unaufhörliche Adaption der Spieler.

Ein Brimborium um seine faszinierende Methodik mag der Westschweizer Trainer-Maestro dann aber doch nicht inszenieren. «Am Ende macht die Nase den Unterschied. Man muss den Fussball spüren, man muss das Spiel röntgen, die Situation erkennen, den Moment fühlen.» Und man sollte möglichst wenig Fehler machen: «So wie Zidane in Madrid.»

(SDA)


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