Schweizer Underdog plant Coup in London

Fordert in London den englischen Box-Superstar David Haye: Arnold Gjergjaj
Fordert in London den englischen Box-Superstar David Haye: Arnold Gjergjaj © KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS
Arnold Gjergjaj will in der Nacht auf Sonntag in London einen Coup landen und den englischen Box-Superstar David Haye besiegen. Der Schweizer 13:1-Aussenseiter steht vor dem Fight seines Lebens.

Lange hat der “sanfte Hüne” (1,97 m) aus Pratteln auf eine solche Chance warten müssen. Mit einem behutsamen Aufbau, Zähigkeit und einer imponierenden Schlaghärte katapultierte sich der ehemalige Kriegsflüchtling aus dem Kosovo ins gleissende Scheinwerferlicht.

Bis zu 16’000 Zuschauer in der imposanten O2-Arena werden am “Haye Day” erwartet, das sind acht Mal so viele wie Gjergjaj bislang maximal in der Schweiz bei dessen Auftritten sehen wollten. Wohl mindestens vier Millionen Zuschauer in Grossbritannien und in der Schweiz (SRF zwei überträgt ab 22.40 Uhr) werden das Duell vor dem TV verfolgen. In der Königsklasse des Boxsports ist noch keinem Schweizer auch nur annähernd soviel Aufmerksamkeit zuteil geworden.

Der ehemalige Cruisergewichts- und Schwergewichts-Weltmeister Haye will in seinem zweiten Kampf nach dem Comeback im Januar seinen Gegner allen Unkenrufen zum Trotz nicht unterschätzen. “Ich weiss nicht allzu viel über Gjergjaj. Nur weil er noch gegen keine Weltklasse-Leute angetreten ist, heisst dies nicht, dass er selbst nicht Weltklasse verkörpert.”

Der 31-jährige Gjergjaj boxte bisher nicht in Hayes Liga und legte buchstäblich noch drauf. Ohne Investment von Gjergjajs Bruder Anton, Trainer und Manager Angelo Gallina (seit 2008) sowie weiteren Gönnern hätte die Karriere von Gjergjaj kein solches Highlight mehr erlebt. Der frühere Bauarbeiter mit 45-Stunden-Pensum und spätere Teilzeit-Angestellte eines Lebensmittel-Grossisten (bei seinem Bruder und Laden-Leiter) will nun die Gunst der Stunde nutzen.

Ähnlich wie in der Fiktion “Rocky” kann der beste Schweizer Schwergewichts-Profiboxer aller Zeiten mit einem beherzten Auftritt den Sprung aus der Fast-Anonymität eines Schwergewichts-Europameisters der Nicht-EU-Staaten in die Weltspitze vollziehen.

Diese scheint nach der Entthronung des langjährigen Regenten Wladimir Klitschko und der Aufsplittung der WM-Titel der vier bedeutendsten Weltverbände nicht mehr utopisch weit weg. Vor allem, wenn man beispielsweise die bescheidene Qualität des Amerikaners Charles Martin sah, der unlängst ebenfalls in der O2-Arena als IBF-Weltmeister von Hayes Landsmann Anthony Joshua durch K.o. in der 2. Runde entthront worden war.

Ein WM-Kassenfüller gegen Joshua oder gegen den aktuellen WBA-Super- und WBO-Champion Tyson Fury, dies ist freilich auch das naheliegende Ziel von Haye, der den “regulären” WBA-WM-Titel im Schwergewicht zwischen 2009 und 2011 hielt. Für den 1,91 m grossen Haye ist der Kampf gegen Gjergjaj so gesehen bloss eine lästige Treppenstufe auf dem angestrebten Weg zurück auf den Schwergewichts-Thron. “Haye ist arrogant und denkt bereits an den nächsten Kampf”, folgert Gjergjajs Trainer und Manager Gallina.

Tatsächlich hat Haye dem nicht mehr ganz fit wirkenden, ehemaligen WBO-Champion Shannon Briggs öffentlich ein Duell in Aussicht gestellt, sollte der 44-jährige Amerikaner im Vorprogramm antreten und seinen Kampf gewinnen. Briggs, der in den letzten Jahren mehr als Stalker von Wladimir Klitschko denn als Boxer imponierte, hat mit Haye das Grossmaul gemeinsam.

Der Gegenentwurf zu diesen beiden ist Gjergjaj: Bescheiden, höflich und ausserhalb des Rings in jeder Beziehung zuvorkommend. Doch am Samstag gegen Mitternacht Schweizer Zeit muss die “Kobra” (Gjergjaj) gegen den “Heumacher” rücksichtslos zubeissen.

Im 30. Profikampf will Gjergjaj seine Ungeschlagenheit wahren. Eine “perfekte Vorbereitung” mit ehemaligen Sparringspartnern von Wladimir Klitschko bildet dafür die Grundlage. Über 150 Runden Sparring absolvierte Gjergjaj – so viele wie noch nie vor einem Fight. Gjergjaj sieht sich für die volle Distanz von 10 Runden bereit, macht sich aber auch auf eine explosive Startrunde gefasst.

“Über unsere Taktik werden wir erst nach dem Kampf informieren”, betonte Gallina, als er bei einem öffentlichen Training in Basel zur Schilderung des Gegenrezepts aufgefordert wurde. Gallina ist überzeugt, dass sein Schützling den Ring als Sieger verlassen wird, “sei es nun vorzeitig oder nach Punkten”. Zumal Gjergjaj im Vergleich zu früheren Kämpfen an Beweglichkeit, Erfahrung und Intensität zugelegt habe.

Der letzte Schweizer, der auf der Insel einen bedeutenden Kampf bestritt, war der seinerzeit ebenfalls ungeschlagene Tessiner Roberto Belge. Der nicht mehr aktive Weltergewichts-Profiboxer kämpfte 2010 in Bolton nach 26:0 Siegen und als Titelträger des kleinen IBC-Weltverbandes gegen den Briten Matthew Hatton um den EM-Titel. Belge blieb chancenlos und verlor durch technischen K.o. bereits in der 3. Runde. Prompt wurde Belge von den englischen Medien rückblickend auf dessen Kampfrekord als “overmatched” (überbewertet) verspottet.

Dies soll Gjergjaj nicht passieren, selbst wenn die Wettquoten eine deutliche Sprache sprechen. Bei Haye liegt die Auszahlungsquote bei einem vorzeitigen Sieg in einem der zehn Umgänge zwischen 4,33 (2. Runde) und 29:1 (10. Runde). Gjergjaj wurde Mitte Woche beim gleichen Online-Anbieter zwischen 81:1 (2./3. Runde) und 126:1 (10.) für einen vorzeitigen Erfolg gehandelt.

(SDA)


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