«Selbstdisziplin ist kein Ladenhüter»

Von Claudia Amann
Eine Lehrerin erklärt Schülern etwas im Unterricht.
Eine Lehrerin erklärt Schülern etwas im Unterricht. © (TAGBLATT/Fotolia)
Das Konzept einer Schule ohne Lehrplan und Vorgesetzte stösst nicht bei allen Ostschweizern auf Verständnis. Viel zu sehr scheint in den Köpfen verankert zu sein, dass eine Schule mit Tests, Selektion und Notengebung automatisch eine erfolgreiche Leistungsschule ist. 

In der Ostschweiz soll in absehbarer Zeit eine freie Schule entstehen. Zumindest wenn es nach den Plänen der Initianten des Vereins «läbe lärne lache» geht. Bis dato hat noch kein Kanton seine Zustimmung zur Erstellung dieser als Privatschule geplanten Einrichtung gegeben. Offen dafür zeigen sich aber definitiv welche.

Talente im Vordergrund

Bei diesem Projekt nach dem Vorbild einer US-amerikanischen Schulform geht es darum, Kinder frei entscheiden zu lassen, was sie wann lernen wollen. Dafür sind Coaches bei ihnen, die den Schülern favorisiertes Wissen beibringen. Jüngere sollen von Älteren profitieren – und umgekehrt. Von der Bezeichnung Lehrer will sich die Idee distanzieren.

Voranmeldungen für diese Schule gibt es bereits, auch hätten einige Eltern bereits verlautbart, in die Nähe der Schule ziehen zu wollen – egal, wo in der Ostschweiz diese auch entstehen soll. Organisatorin Monique Sommer und der restliche Verein freut sich über diesen Enthusiasmus. Doch es ist ihnen auch bewusst, dass es Vorurteile gegenüber dem freien Lernen gibt, das so gegensätzlich zum Regelunterricht ist.

«Bei dem freien, demokratischen Lernen sollen keine aufsässigen, unhöflichen Personen heranwachsen, sondern solche, bei denen der Respekt vor anderen über allem steht», sagt Monique Sommer. Die noch unbenannte Schule soll die individuellen Talente der Kinder in den Fokus rücken und forcieren.

Leistung kommt nicht von Noten

«Heute wissen wir, dass ausgerechnet die viel gepriesene Selektion viel zu oft und ziemlich gründlich misslingt», sagt Marlis Angehrn, Leiterin des Schulamts der Stadt St.Gallen. «Der Weg zur erfolgreichen Leistungsschule hat wenig mit Selektion zu tun, viel aber mit Förderung, sprich mit der Fähigkeit, unterschiedlich talentierten Kindern entsprechend unterschiedliche Lernmöglichkeiten zu bieten. Dies gilt für alle Schulprojekte, ob öffentlich oder privat.»

Dr. iur Marlis Angehrn ist seit 1. September 2014 als Leiterin des Schulamts St.Gallen tätig.

Marlis Angehrn ist seit 1.9.2014 als Leiterin des Schulamts der Stadt St.Gallen tätig.

Marlis Angehrn weiss, dass die Hintergrundidee der freien demokratischen Schule schnell auf Widerstand stösst. «Denn die Irrlehre, wonach eine Schule mit Tests, mit Selektion und mit Notengebung automatisch eine erfolgreiche Leistungsschule sei, sitzt trotz anderslautender wissenschaftlicher Befunde nach wie vor in den Köpfen.»

Als Leiterin des Schulamts St.Gallen schaut sie seit vielen Jahren interessiert über den Tellerrand der öffentlichen Schule hinaus. «Meine Erfahrung ist, dass Lernen in erster Linie Beziehungsarbeit ist, es somit primär um Haltungsfragen geht, die erfolgreiches Lernen begünstigen oder eben nicht. Es gibt an alternativ konzipierten wie auch an öffentlichen Schulen Haltungen der dort tätigen Personen, die ich klar ablehne und umgekehrt solche, denen ich vollsten Respekt zolle.»

Treffsicheres System gefragt

Dem Kritikpunkt der neugeplanten Schule, wonach Kinder ihre Talente zu wenig entwickeln können, kann auch Marlis Angehrn viel Gutes abgewinnen. «Unser Schulsystem neigt seit Jahrzehnten dazu, beim Kind danach zu suchen, was es nicht kann, um ihm dann zu sagen: ‘Mit dem wirst du dich ab sofort umso mehr beschäftigen.’» Dabei sei genau das Gegenteil gefragt – nämlich ein treffsicheres System, das herausfindet, was jede und jeder besonders gut oder am ehesten gut kann, um dies zu fördern. «Es geht darum, das Humankapital, von dem wir ein enormes haben, richtig zu messen und zu fördern. Dann ist der gesamtgesellschaftliche Nutzen am grössten.»

Dennoch, oder gerade deswegen, ist die Leiterin des Schulamts der Ansicht, dass Kinder in ihrem Heranwachsen ein gewisses Mass an Disziplin benötigen. «Selbstdisziplin, Neugierde und Eigenverantwortung sind keine Ladenhüter, sondern sie ermöglichen dem Menschen, sich auf etwas zu fokussieren und dafür jene Leidenschaft zu entwickeln, die nötig ist, um eigene Stärken zu entdecken und diese zu nutzen.»


Newsletter abonnieren
0Kommentare
noch 1000 Zeichen