Seniorin sucht nach Gartenzaun-Crasher

Von Stephanie Martina
Maria Häusler hofft, dass sich der Unfallverursacher doch noch bei ihr melden wird
Maria Häusler hofft, dass sich der Unfallverursacher doch noch bei ihr melden wird © Bild: Michael Anderegg
Mitten in der Nacht fuhr ein Autofahrer in den Gartenzaun von Maria Häusler und flüchtete unbemerkt. Die 78-Jährige aus Ettenhausen ist enttäuscht und hofft, dass der Schuldige Anstand beweist und sich bei ihr meldet.

Maria Häusler ist nicht wütend. Sie ist enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass es Menschen gibt, die das Eigentum anderer beschädigen und dann einfach so verschwinden. «Feigling», dachte sich die 78-Jährige im ersten Moment, als sie bemerkt hatte, dass in der Nacht vom 27. Februar ein Autolenker oder eine Autolenkerin in ihren Gartenzaun gefahren war und Fahrerflucht begangen hatte.

Als sie nach 21 Uhr draussen war, um nach ihrer Katze zu sehen, sei noch alles in Ordnung gewesen. Der Zaun stand gerade, das Gartentor war zu. Als sie etwa eine Stunde später nochmals raus gegangen sei, hätte sie ihren Augen kaum getraut: Der Gartenhag war umgekippt und das Tor hing schräg in den Angeln. «Irgendwer musst hineingefahren und danach geflüchtet sein. Aber ich habe nichts gehört. Meine Ohren sind nicht mehr die besten», sagt die Seniorin aus Ettenhausen. Als sie im Dunklen stand und das verbogene Gartentor betrachtete, sei ihre Nachbarin rübergekommen. Gemeinsam hätten sie mit Taschenlampen geschaut, was alles kaputt gegangen war.

«Feigling oder ehrenhafter Eidgenosse?»

Am nächsten Morgen meldete Häusler den Schaden der Polizei und begann, kleine silbergraue Splitter vom Boden aufzusammeln, die vom Unfallauto stammen. Diese Beweismittel gab sie dem Polizisten mit, der vorbeikam, um Fotos zu machen. Doch Häusler hat keine grosse Hoffnung, dass die Polizei den Verursacher aufspüren werde. «Wenn niemand ums Leben gekommen ist, ist es für die Polizei wohl ein Klacks», sagt die Seniorin. Deshalb hat sie die Sache selbst in die Hand genommen und einen Leserbrief mit dem Titel «Das silbergraue Auto» verfasst und an die Wiler Nachrichten geschickt.

Darin fragt sie: «Wer kommt nun für den Schaden auf? Der Drückeberger, der auf und davon ist? Wohl kaum. Die im hohen Alter stehende Seniorin, die von der AHV lebt?» Und dann richtet sie das Wort auch direkt an den Unfallverursacher: «Fahrzeuglenker, schauen Sie doch einmal in den Spiegel. Was sehen Sie da? Einen Feigling mit vollen Hosen? Oder einen ehrenhaften Eidgenossen? Denken Sie daran: Ein ruhiges Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Es ist nie zu spät.»

Kein Donnerwetter

Es sei nicht ihre Art, mit wüsten Worten auf Leute loszugehen. Deshalb habe sie sich für einen Brief entschieden. «Man weiss doch nie, was dahinter steckt, was diese Leute schon alles erlebt und durchgemacht haben», sagt Häusler nachdenklich. Sie selbst hat in ihrem Leben schon schwere Zeiten erlebt. Verluste von geliebten Menschen, Geldsorgen in jungen Jahren und erst vor Kurzem mehrere Monate Bestrahlung gegen Darm-Krebs und eine schwere Lungenentzündung sowie eine Herzoperation, bei der sie beinahe gestorben wäre.

Doch Lebensgeschichte hin oder her: Häusler erwartet, dass sich der Verursacher meldet. Sie hoffe, dass der Lenker in diesen Tagen ab und zu in den Spiegel sehe und dabei daran erinnert werde, dass es noch etwas gutzumachen gebe. «Wenn Menschen etwas angestellt haben, können sie das nie ganz vergessen, bis sie es bereinigt haben», ist die Seniorin überzeugt.

Doch Häusler geht es nicht darum, jemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Es gäbe kein Donnerwetter, sondern ein Gespräch mit einer verständnisvollen alten Frau, der Werte wie Anstand und Ehre am Herzen liegen. Würde sich der Unfallverursacher melden, würde sie freundlich auf die Person zugehen. «Ich würde zu ihm oder ihr sagen, dass es toll ist, dass er oder sie den Mut gefunden hat, zur Tat zu stehen.» Sie könnte sich auch vorstellen, dass sie vorschlagen würde, dass man sich die entstandenen Kosten von über 1000 Franken teilen könnte.

Vorerst lässt sie den Zaun aber so wie er ist. Das Gartentor, das sich nicht mehr schliessen lässt, bindet sie fest. «Es macht keinen Sinn, jetzt etwas zu überstürzen. Ich bin in einem Alter, in dem ich mir das in Ruhe überlegen kann», sagt Häusler und fügt an: «Und wer weiss: Vielleicht meldet sich der Fahrer doch noch. Es ist nie zu spät.»


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