So hilfst du Igeln durch den Winter

Von Stephanie Martina
Igel brauchen genügend Winterspeck, um die kalte Jahreszeit zu überstehen. (Symbolbild)
Igel brauchen genügend Winterspeck, um die kalte Jahreszeit zu überstehen. (Symbolbild) © iStock
Der Winter ist da, doch viele Igel können nicht schlafen. Igelfachfrau Anneliese Girlich sagt, warum diese Tiere noch nicht mit ihrem Winterschlaf begonnen haben und warum ihnen geholfen werden muss.

Frau Gierlich, ist es üblich, anfangs Dezember noch Igel draussen anzutreffen?
Leider ja – und zwar sehr viele. Am letzten Freitag hatte ich 56 Anrufe von Leuten, die draussen abgemagerte, untergewichtige Igel gefunden hatten. Dass es dieses Jahr so viele Igel gibt, die zu dieser Jahreszeit noch nicht mit ihrem Winterschlaf begonnen haben, liegt daran, dass der November so warm war. Deshalb gab es viele späte Würfe, einige Jungtiere sind erst ein paar Wochen alt.

Warum gehen diese Igel nicht vor dem Kälteeinbruch in den Winterschlaf?
Die Igel, die noch draussen sind, sind entweder untergewichtig – wie eben diese Jungigel – oder krank.

Wie sollte man reagieren, wenn man im Winter auf einen Igel trifft?
Wer jetzt tagsüber einen Igel findet, sollte ihn unbedingt ins Haus nehmen und ihn mit der Küchenwaage wiegen. Tiere, die nicht mindestens 600 Gramm auf die Waage bringen, müssen zum Tierarzt.

Und wenn er genügend Winterspeck hat?
Liegt das Gewicht des Tiers über 600 Gramm, ist der Igel in der Lage, den Winterschlaf unbeschadet zu überstehen. Dann rate ich, den Igel in eine mit Zeitungspapier ausgelegte Schachtel zu setzen, ein Loch zu machen, damit der Igel raus kann, und einen Kehrichtsack darüber zu stülpen, damit es trocken bleibt. Diese Schachtel wird dann am Abend draussen an einem geschützten Plätzchen in der Nähe des Ortes hingestellt, wo man den Igel gefunden hat. Man kann dem Igel dieses Nest anbieten. Wenn er irgendwo eine bessere Behausung hat, wird er nicht da bleiben. Aber falls nicht, wird er die Kartonschachtel als Winternest annehmen.

Gibt es weitere Anzeichen, die darauf hinweisen, dass ein Igel Hilfe braucht?
Die Form eines Igels sagt ebenfalls viel über seinen Gesundheitszustand aus. Ein Igel muss, wenn er läuft oder steht, rundlich wirken. Ist er eher länglich oder sieht man seine Hüftknochen, sollte man ihn reinnehmen und eine Fachstelle oder einen Tierarzt kontaktieren.

Länglich statt rundlich: Dieser Igel braucht Hilfe. (Bild: Facebook/Tierhilfe Schweiz)

Wie fängt man einen Igel am besten ein?
Am besten hebt man ihn mit einen Tuch oder Gartenhandschuhen hoch und trägt ihn ins Haus. Die Leute haben oftmals Angst, dass der Igel beissen könnte. Da kann ich sie beruhigen: Igel beissen nicht. Und wenn man Handschuhe trägt, sind auch die Stacheln kein Problem.

Was muss man beachten, wenn man Igel in seine Obhut nimmt?
Eigentlich dürfen Privatpersonen keine Igel bei sich zuhause überwintern. Das Problem ist jedoch, dass alle Igelstationen voll sind. Im Thurgau ist das Problem aktuell besonders gravierend, weil die Betreiberin der Igelstation Kreuzlingen unerwartet verstorben ist und die nächste Igelstation bei Frauenfeld ist. Den Leuten in dieser Region rate ich, einen Tierarzt aufzusuchen, der sich mit Igeln auskennt. Wenn der Tierarzt sagt, die Finder sollen den Igel mit seiner Hilfe wieder aufpäppeln, dann ist das erlaubt und dem Igel ist geholfen.

Welche Tipps wird der Tierarzt Igel-Findern geben?
Die meisten Tierärzte haben wenig Erfahrung mit Igeln. Deshalb landen viele bei mir. Ich erkläre ihnen immer, dass es ein Igel warm haben muss, um an Gewicht zuzulegen, also mindestens 15 Grad. Wenn er bei vier Grad im Keller ist, frisst er nicht. Er braucht eine sehr grosse Schachtel, keinen Schuhkarton. Darin müssen Zeitungspapier und Küchenpapier ausgelegt werden. Laub, Stroh und Heu gehören nicht in die Schachtel. Und zwar deshalb, weil man sehen muss, wie die Verdauung des Igels funktioniert. Die Gesundheit des Igels ist grösstenteils von der Verdauung abhängig und deshalb der wichtigste Anhaltspunkt. Auf Zeitungspapier sieht man schnell, wenn ein Igel Durchfall hat und zudem ist die Schachtel leicht sauber zu halten.

Womit sollte ein Igel gefüttert werden?
Mit Katzen-Trocken- oder Nassfutter. Und ganz wichtig: Der Igel braucht immer Wasser.

Was sind die grössten Fehler, die man machen kann?
Es gibt drei Mythen, die sich rund um den Igel hartnäckig halten: Dass er Wald, Äpfel und Milch mag. Doch der Igel lebt nicht im Wald und will auch nicht dort ausgesetzt werden. Äpfel isst er höchstens, wenn er sehr grossen Hunger hat. Aber der Igel ist kein Vegetarier. Und Milch ist für den Igel unverträglich.

Fällt es den Leuten teilweise schwer, den Igel wieder auszuwildern?
Ja, erst kürzlich hat mich eine Frau angerufen, deren Igel inzwischen 700 Gramm schwer war. Ich erklärte ihr, wie sie ihn mit einer Kartonschachtel auswildern soll, als sie meinte: «Es ist traurig, dass der Igel draussen so kalt haben muss.» Doch die Kälte macht dem Igel nichts aus, er schläft ja, so will es die Natur. Wenn er gesund ist und genügend Winterspeck hat, überlebt er den Winterschlaf. Einen Igel zu überwintern, bedeutet nicht, ihn bis im Frühling durchzufüttern, sondern sich nur solange um ihn zu kümmern, bis er in der Lage ist, den Winter selbst zu meistern. Igel sind Wildtiere, die nach spätestens drei Wochen wieder ausgewildert werden müssen. Ausser er ist krank, aber dann gehört er zum Tierarzt oder in die Igelstation.

Die Fachfrau Anneliese Girlich berät Igel-Finder seit neun Jahren rund um die Uhr über die Hotline von Pro Igel. Alle Infos und Kontaktdaten findest du bei Pro Igel oder beim Ostschweizer Igelfreunde Verein.


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