St.Galler Ex-Junkie sammelt an Weihnachten

Bei Thomas Feurer türmen sich die Spenden für die Gassenweihnacht am 25. Dezember beim St. Galler Waaghaus.
Bei Thomas Feurer türmen sich die Spenden für die Gassenweihnacht am 25. Dezember beim St. Galler Waaghaus. © Tagblatt/Sabrina Stübi
Für die meisten bedeuten die Festtage Feiern im Kreis der Familie. Viele Süchtige, Obdachlose und Randständige bleiben aussen vor. Als Ex-Junkie weiss Thomas Feurer das nur zu gut. Deshalb organisiert er die St.Galler Gassenweihnacht.

Erschienen in der «Ostschweiz am Sonntag» von Kaspar Enz

Thomas Feurer, die Räume des Vereins Endlesslife sind voll mit Spenden für die Gassenweihnacht. Sucht, Obdachlosigkeit scheinen ein grosses Problem zu sein.
Ja, es gibt viele Menschen, die einsam sind. Nicht nur durch Sucht, auch durch psychische Krankheiten. Seit fünf Jahren beobachten wir zunehmend ältere Menschen, die dem Alkohol verfallen. Sie sind nicht obdachlos. Sie haben keine Freunde mehr, und das Tschumpeli in der Beiz können sie sich nicht leisten. Dann enden sie an den gleichen Orten wie die Süchtigen, die auf der Strasse leben. Die sind immer öfter bei uns.

Woher kommt diese Entwicklung?
Vielleicht hat man es früher nicht bemerkt. Aber man ist heute schnell nicht mehr wertvoll für die Gesellschaft. Das verkraftet nicht jeder gleich. Wer keine starken Familienstrukturen hat, ist gefährdet. Das Soziale verlagert sich ins Internet. Dadurch vereinsamen viele.

Wer soll an die Gassenweihnacht kommen?
Die Gassenweihnacht soll ein Ort der Begegnung sein. Die Leute auf der Gasse, die Süchtigen, die Obdachlosen, werden beschenkt: Kleider, Hygieneartikel, Schuhe, die wir gesammelt haben. Aber zu essen bekommen alle. Der Normalbürger soll sehen, wie es ist. Und für die Leute von der Gasse ist es ein Abend, an dem auch sie einmal Respekt und Zugehörigkeit erleben.

Sie waren selber jahrelang süchtig, drei Jahre lang obdachlos. Gab es damals eine Gassenweihnacht?
Es war an einem Heiligen Abend, als ich meiner Mutter gestand, dass ich heroinsüchtig war. Danach rannte ich wieder auf die Gasse. Das war schlimm für mich. Ich wusste noch nicht wohin. Zurück nach Hause, nachdem ich allen gesagt habe, dass ich ein Junkie bin? Ich schämte mich davor. Dabei gab es schon damals eine Gassenweihnacht, im ersten Stock des Waaghauses. Aber ich war neu auf der Gasse, ich wusste das nicht.

Wer hat das damals organisiert?
Zwei wunderbare Menschen. Aber einer von ihnen wurde krank, und die Gassenweihnacht verschwand für eine Zeit. Ich hab wieder damit angefangen. Aber sie sollte draussen sein. Die Menschen von der Gasse findet man auf der Gasse. So sieht man uns auch. Und die Leute von der Gasse kommen eher.

Sie wollen nicht in die warme Stube?
Wenn man obdachlos ist und an einem Ort rein soll, weiss man nie, ob man nicht sein Hab und Gut, Mätteli und Rucksack, verliert, wenn man es draussen lassen muss. Auf der Gasse wird viel gestohlen. Aber man weiss auch nicht, ob es einem gut tut.

Weshalb?
Auch an der Gassenweihnacht bist du nicht bei deiner Familie, wo du eigentlich hingehörst. Dabei müsstest du mit ihnen feiern. An solchen Anlässen kann das hochkommen.

Weihnachten ist also keine schöne Zeit für Randständige?
Nun, man weiss, die Leute sind etwas spendabler, es lässt sich mehr betteln. Ausblenden kann man Weihnachten ja nicht: überall Glühwein, Prunk und Lametta. Und vom ersten Tag an weisst du, dass du nicht dazugehörst.

Bedeutet Sucht auch einen Bruch mit der Familie?
Ich hatte keinen Bruch. Es war damals ich selbst, der auf die Gasse floh, weil ich mich schämte, meiner Mutter und meinem Bruder in die Augen zu schauen. Aber als ich auf dem Tiefpunkt war, stand ich manchmal vor ihrer Tür und schrie, sie solle mich reinlassen, so dass es die Nachbarn hörten. Das war eigentlich Nötigung. Eines Tages sagte sie: «Ich kann nicht mehr.» Das war für mich ein Anstoss, dass ich etwas tun musste. Aber ich verstehe mich gut mit meiner Familie, einen echten Bruch gab es nie. Das kann auch ein Problem sein.

Warum?
Manche Angehörigen unterstützen die Sucht, ohne es zu merken. Ich kenne Fälle, wo Grosseltern ihren Enkeln Drogen kauften, weil es denen schlecht ging.

Sie haben selber zwei Kinder: Man lässt sie nicht einfach fallen.
Das wäre unmöglich. Das geschieht auch fast nie, dass die Eltern ihre Kinder fallen lassen. Sie können einfach nicht mehr. Sie müssen ihre Kraft sparen für eine Zeit, wenn sich wirklich etwas ändert.

Was sollen Eltern tun?
Das kommt auf den Fall an. Hat sich eine Aggressionsbeziehung entwickelt, wird zu Hause gestohlen? Wir haben Therapeuten, die sich damit auskennen, und Selbsthilfegruppen, in denen Eltern Erfahrungen austauschen können.

Kann auch die Gasse eine Heimat, eine Familie sein?
Absolut. Zumindest glaubt man das. Wenn alle auf den gleichen Drogen sind, glaubst du, du hast eine Familie. Grad Heroin: Du kannst im grössten Loch sitzen, es gibt dir mit einem Schuss Wärme und Geborgenheit. Und das verbindest du auch mit den Menschen. Meine Entzugsversuche scheiterten immer deshalb: Ich hatte Heimweh nach der Gasse. Klar, waren es wohl die Drogen, aber ich verband das mit «meinen Leuten».

Ist die Gasse eine echte Heimat?
Nein, es ist eine Pseudoheimat. Wenn ich mit manchen rede, die auf Entzug sind, vermissen sie ihre Leute. Dabei haben sie eben noch geschimpft, wie sie beschissen und bestohlen wurden. Man hat auf der Gasse Freunde, solange man etwas Geld hat. Aber jeder ist ein Einzelkämpfer. In den Entzug musst du selber. In den Knast auch.

Sie selber fühlen sich aber auf der Gasse zu Hause. Sie haben immer noch einen Fuss drin.
Viel schlimmer, ich liebe diese Menschen. Es trifft mich, wenn einer der Älteren stirbt. Ich habe 30 Jahre mit ihnen verbracht. Ich konnte nicht einfach sagen: Ich bin raus, jetzt schaut selber. Es ist ein Privileg, wenn man es rausschafft und noch etwas Verstand übrig hat. Dann kann ich mich auch für sie einsetzen. Aber ich habe eine engere Familie: Meine Frau, meine Kinder, mein Bruder, sie stehen an erster Stelle. Das hat sich bei mir wieder richtig sortiert.

Zur Person
Der 45-jährige St. Galler Thomas Feurer war 15 Jahre lang selber drogenabhängig und lebte teilweise auf der Strasse. Bald nachdem er clean wurde, begann er mit der Gassenarbeit in St. Gallen. Sein Verein Endlesslife hilft Süchtigen und anderen Randständigen. Dabei helfen Fachpersonen, aber auch ehemalige Süchtige mit, oft auf freiwilliger Basis. Der Verein vermittelt Wohnungen und Jobs für die Betroffenen, betreut sie in Selbsthilfegruppen, räumt Wohnungen. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist die Präventionsarbeit an Schulen, die Feurer zusammen mit ehemaligen Süchtigen macht.

Kaum waren Sie clean, haben Sie mit der Gassenarbeit begonnen. Wurden Sie ernst genommen?
Am Anfang hat man gezweifelt. Ich war ein bekannter Junkie, ich hab so viele Leute abgezockt, es war sogar in der Zeitung. Und die Leute von der Gasse glaubten, ich sei bald wieder an der Nadel.

Wie schafft man es, von den Drogen wegzukommen?
Man muss erst mal zu 100 Prozent Nein zu Drogen sagen. 99 Prozent reichen nicht. Ich war im Spital, ich war sieben Monate ans Bett gefesselt. Man zahlt einen Preis für dieses Leben: Ich habe Titan im Rücken, meine Knochen brechen, Arthrose. Spätfolgen von den verschmutzten Drogen, vom draussen Schlafen. Ich fasste den Entschluss und dann kam vieles zusammen: Ich traf meine Frau, heiratete, wir bekamen Kinder. Vieles muss gleichzeitig stimmen.

Was tut Ihr Verein, um zu helfen?
Wir wollen es den Leuten einfacher machen, zu dem Entschluss zu kommen. Wir helfen, Strukturen zu geben, Wohnungen oder Beschäftigung zu vermitteln, auch bei uns. Soziale Strukturen sind wichtig, zum Beispiel zu Leuten, die es geschafft haben. In unseren Selbsthilfegruppen sitzen ja nicht nur die, die ganz tief gefallen sind. Die Sucht ist nicht nur die Gasse. Auch die süchtigen Lehrer und Buschauffeure sind da.

Sucht gibt es überall?
Man diskutiert immer, ob diese oder jene Substanz legal oder illegal sein soll. Aber die Substanzen sind nicht das Problem, sie kriechen dir nicht von selbst in die Nase. Das Problem ist der Mensch: seine Gier, seine Masslosigkeit. Die Anforderungen der modernen Gesellschaft, die viele dazu treibt, nach Medikamenten zu suchen. Oft eben Drogen. Dabei ist man nicht nur nach Drogen süchtig. Es gibt Spielsucht, Shoppingsucht, Geltungssucht. Gibt es Menschen ohne eine Sucht? Wohl nicht viele.

(Kaspar Enz)


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