Tesla-Testfahrt: Ein ganz leiser Höllenritt

Der Tesla geht ganz schön ab. Und er hat Flügeltüren. Fancy.
Der Tesla geht ganz schön ab. Und er hat Flügeltüren. Fancy. © FM1Today/Celia Rogg
Der Elektrofahrzeughersteller Tesla ist zurzeit in aller Munde. Für das Model 3 gingen innert kürzester Zeit hundertausende Bestellungen ein. Höchste Zeit dem Phänomen Tesla mal auf den Grund zu gehen. Unser Redaktor hat sich in die Elektro-Kiste gesetzt.

Bei Tesla dachte ich bis vor kurzem eigentlich nur an ein Elektrofahrzeug. Punkt. Da ich mein Geld meist anderweitig ausgebe, in der Stadt lebe und dementsprechend gar nicht auf ein Auto angewiesen bin, habe ich mir selten Gedanken über einen Fahrzeugkauf gemacht. So verwundert es auch nicht, dass meine Reaktion «Ja, klar, warum nicht» war, als ich gefragt wurde, ob ich denn einen Tesla probefahren will.

Bewusste rote Zahlen

An einem sonnigen Tag finde ich mich unfern des Kybunparks im Westen der Stadt St.Gallen ohne grosse Erwartungen auf einem Parkplatz ein. Ein Tesla-Mitarbeiter beantwortet geduldig meine Fragen, bevor es los geht: «Ja, Tesla schreibt rote Zahlen. Aber bewusst», sagt er zu meiner Verwunderung. Tesla schreibt tatsächlich tiefrote Zahlen. Man könnte meinen, dem Geschäft gehe es gar nicht gut. Doch der Mitarbeiter beschwichtigt: «Tesla könnte durchaus ab morgen bereits schwarze Zahlen schreiben und hohe Gewinne einfahren. Doch dann verlieren wir unseren Vorsprung.»

Vorsprung will bezahlt sein

Wie der Vertreter mir erklärt, investiert Tesla den Löwenanteil des eingenommenen Gelds wieder in Innovationen, Konzepte und mehr Personal. Indikator für die Gesundheit eines Geschäfts sei vor allem der Marktwert der Tesla-Aktie. Diese verzeichnet seit Dezember 2016 ein stetes Wachstum. «Die Leute wissen, dass Tesla rote Zahlen schreibt und doch investieren sie gerne.»  Die Aktienbesitzer wüssten, dass Tesla bald auch für Normalverdiener produziert. «Im nächsten Jahr bringen wir einen massentauglichen Wagen für etwa 35’000 US-Dollar heraus. Dann wird sich zeigen, ob Tesla Erfolg hat oder nicht.» Wohl wahr. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass die Tesla-Aktie überbewertet ist.

Achtung, Auto-Banause!

Dass die erste Testfahrt meines Lebens in einem Tesla stattfinden würde, hätte ich nicht gedacht. Hätte er wählen können, wäre mein Hintern wahrscheinlich eher in einen klassischen Aston Martin oder einen Bentley gesessen. Nicht, weil ich Elektroautos nicht mag, sondern einfach weil ich von Autos so viel Ahnung habe wie von Hydraulikpumpen. Für mich muss ein Auto grundsätzlich fahren können und ein bisschen gut aussehen. Zugegeben: Die stromsparenden Aspekte eines Elektroautos sagen mir eher zu als der Benzinverbrauch eines Hummers.

Der Autopilot macht alles. ALLES.

Meine ersten Beschleunigungsversuche im Tesla Model X P100D (für Besuche der Journalisten nur das Allerbeste – in unserem Fall ist es sogar ein Sieben-Plätzer) sind noch ein wenig zaghaft. Ich merke, dass das Loslassen des Gaspedals den Wagen nicht rollen lässt, sondern bremst. Damit wird die Batterie beim Abwärtsfahren wieder aufgeladen. Der Wagen fährt sich gut. Was ich vermisse, ist das Motorengeräusch. Der Tesla beschleunigt mucksmäuschenstill.

Auf der Einfahrt zur Autobahn wird mir bereits klar, was dieser Wagen alles unter der Motorhaube versteckt hält. Klingt abgedroschen – ist es auch. Unter der Motorhaube eines Tesla ist nämlich gar nichts. Bei diesem Auto ist der Boden des Fahrzeugs der Motor. Der Hubraum ist ein weiterer Kofferraum, wie man sieht:

Eine Person, wenn auch noch so klein wie Sandro, passt aber nicht in den Frontkofferaum des Tesla.

Eine Person, selbst wenn sie so klein ist wie ich, passt nicht in den Frontkofferraum des Teslas. © FM1Today/Celia Rogg

Nach einer Weile auf der Autobahn sagt der Tesla-Mitarbeiter: «Probier mal kurz den Autopiloten aus.» Ein Doppelzug am richtigen Hebel lässt einen Ton erklingen. Das Steuerrad wird steif und der Wagen beschleunigt oder verlangsamt. Er orientiert sich mittels Kameras und Sensoren am vorausfahrenden und am hinterherkommenden Fahrzeug und liest automatisch die Temposignalisationen. Der Fahrer muss das Ganze eigentlich nur noch überwachen. Ein fester Griff ans Steuerrad mit der rechten Hand und das Setzen des Blinkers lässt den Tesla sogar automatisch die Spur wechseln. Tritt man auf die Bremse oder bewegt man das Lenkrad, ist der Autopilot ausgeschaltet.

Mulmiges Gefühl

Das «Lässige» am Autofahren ist für mich noch immer, selber die Gänge oder Fahrbahnen zu wechseln, das Tempo zu erhöhen oder zu drosseln, wann ich will. Im Tesla muss man den Autopiloten zwar nicht benutzen, ist er aber erst einmal drin, macht das Ding alles selbst. Das gefällt mir nicht. Ich habe die gesamte Kontrolle in die Schaltkreise des ständig mit dem Internet verbundenen Blechkastens abgegeben. Ich muss den Autopiloten ausschalten. So viel Kontrolle abzugeben, ist nicht nach meinem Gusto. Tempomaten in Autos bin ich mich mittlerweile gewohnt. Dieses Ultra-Smart-Teil braucht wahrscheinlich noch einige Zeit, bis sämtliche Skepsis verschwunden ist.

«Wie bei Scientology»

Der Tesla-Mitarbeiter versicherte mir schon vor der Testfahrt: «Ich kann nicht beschreiben, wie es sich anfühlt, mit einem Tesla zu beschleunigen.» Das müsse man selbst am eigenen Leib erlebt haben. «Das klingt ja wie bei den Scientology», denke ich mir. Aber gewissermassen sollte der Mann recht behalten. Auf einer langen Geraden ausserhalb der Stadt stelle ich den Wagen kurz an den Rand. «Klick auf ‘Beschleunigung’. Jetzt wähle nicht ‘Sport’, sondern ‘Von Sinnen’ aus und halte den Finger auf dem Touchscreen gedrückt», sagt er vom hinteren Sitz aus. Lange Zeit passiert nichts. Dann erscheint der Text: «Möchtest du alles aus der Maschine rausholen und so richtig beschleunigen?», fragt mich der Computer. Zur Auswahl stehen ein «Nein» und ein «Yeah, Baby!».

Was für eine krasse Beschleunigung

Selbstverständlich klicke ich auf letzteres. Das grosse Touchpad in der Mitte der Konsole wird schwarz. Es erscheinen Sterne, die auf einen zugeflogen kommen. Ähnlich wie eine Reise mit Lichtgeschwindigkeit im Weltall. Damit ist der «Ludicrous Speed» eingeschaltet. Jetzt holt der Wagen alles aus der Batterie raus. Ohne Rücksicht. Ich drücke das Gaspedal bis zum Anschlag und durch die Beschleunigung werde ich unvermittelt (mit einem G) in meinen Sitz gedrückt. Mein Kopf knallt gegen die Kopfstütze und ein Adrenalinschub macht sich in meinem Körper breit. Scheisse, was war das denn. Die Beschleunigung dieses Teils ist wirklich von Sinnen (der Tesla X P100D beschleunigt von 0 auf 100km/h in 3,1 Sekunden). Im Gegensatz zu jedem Benziner oder Dieselfahrzeug muss hier die Automatik nicht noch extra schalten. Der Tesla rast einfach pfeilschnell geradeaus. Ich meine zu wissen, was der Tesla-Mitarbeiter gemeint hat, als er sagte: «Das muss man selber erlebt haben.»

Fazit

Die Testfahrt hat Spass gemacht. Ob das Modell für Normalverdiener auch so viel Spass macht? Wird sich zeigen. Das Modell, das ich gefahren bin, gehört zur ultra-luxuriösen Sorte (Neupreis 189’250 Franken). Es liegt auf der Hand, dass sich dieses Fahrzeug  genauso flüssig fährt wie jeder Benziner in dieser Preisklasse. Pluspunkt beim Tesla: Er verbraucht kein Benzin und Strom ist signifikant billiger. Minuspunkt beim Tesla: Mit einer Akkuladung kommt man knapp 500 Kilometer weit, ausser man ist «von Sinnen». Hinzu kommen knapp neun Stunden Ladezeit für einen vollen Akku (an den Tesla Superchargern kann – laut dem Hersteller – in rund 40 Minuten 75 Prozent der Batterie geladen werden). Für Vielfahrer eher ungeeignet. Ökologisch gesehen ist das Tesla-Phänomen aber sicherlich zu begrüssen.

(saz)


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