Atomausstieg: Umfragen mit widersprüchlichen Resultaten

Es blüht das vorzeitige Aus: Laut einer Umfrage will eine Mehrheit die Schweizer AKW nach einer Laufzeit von 45 Jahren abschalten.
Es blüht das vorzeitige Aus: Laut einer Umfrage will eine Mehrheit die Schweizer AKW nach einer Laufzeit von 45 Jahren abschalten. © KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER
Die Zustimmung zur Atomausstiegsinitiative schwindet gemäss der SRG-Trendumfrage. Die Tamedia-Umfrage sieht sie hingegen weiterhin leicht steigend bei hohen 57 Prozent. Der Unterschied lässt sich nicht genau erklären.

In der SRG-Trendumfrage hätten noch 48 Prozent bestimmt oder eher für die Initiative der Grünen gestimmt, wenn am 6. November abgestimmt worden wäre. 46 Prozent dagegen lehnten das Volksbegehren bestimmt oder eher ab.

Das spricht für eine Patt-Situation, wie aus der am Mittwoch veröffentlichten zweiten Umfrage hervorgeht, die vom Forschungsinstitut gfs.bern realisiert wurde. Die Entwicklung der Stimmabsichten gegenüber der ersten Welle der Befragung weise allerdings auf einen Nein-Trend hin.

So habe die Gegnerschaft innert vier Wochen um zehn Prozentpunkte zugelegt. Die Befürwortung dagegen sei um neun Prozentpunkte gesunken.

Die parteipolitische Polarisierung der Stimmabsichten habe leicht zugenommen. An der Basis der Grünen seien stabile 93 Prozent für die eigene Initiative und fünf Prozent seien dagegen. Auch bei der SP überwiege das Ja mit 76 zu 18 Prozent deutlich und sei stabil. Parteiungebundene hätten sich auch in der zweiten Umfrage in das befürwortende Lager eingereiht.

Den Gegenpol bildeten die Sympathisanten der SVP und der FDP. Beide Wählergruppen seien noch deutlicher als vor einem Monat gegen die Atomausstiegsinitiative und in beiden Wählergruppen habe ein Nein-Aufbau auf Kosten des Ja stattgefunden. Bei der CVP sei die finale Position noch offen. Argumentativ neigten die Wählenden zum Ja, allerdings wirke die Energiestrategie als Alternative.

Die grösste Unsicherheit zum Abstimmungsausgang besteht laut gfs.bern in den Regionen der Sprachminderheiten, denn die Meinungsbildung sei dort nur unterdurchschnittlich ausgeprägt.

Geblieben ist auch der Geschlechterunterschied. Frauen befürworten die Vorlage im Verhältnis von 56 zu 37, Männer lehnen sie mit 39 zu 56 ab.

Das bisher auffindbare Muster entspricht gemäss dem Forschungsinstitut dem Normalfall bei einer linken Volksinitiative. Sie schneide besser ab als andere, weil parteipolitisch Ungebundene sie mehrheitlich unterstützten. Der negative Trend in der Meinungsbildung werde von Rechts und vom Land her bestimmt.

Die zweite Welle der SRG-SSR-Trendbefragung zur Volksabstimmung am 27. November wurde vom Forschungsinstitut gfs.bern zwischen dem 2. und 9. November bei 1406 repräsentativ ausgewählten Stimmberechtigten durchgeführt.

In der ebenfalls am Mittwoch publizierten dritten Online-Umfrage des Verlagshauses Tamedia kommt die Initiative besser weg. Der Anteil der Befürworter stieg sogar leicht um einen Prozentpunkt auf 57 Prozent. 42 Prozent der Befragten wollten die Volksinitiative dagegen bestimmt oder eher ablehnen. Ein Prozent war weiterhin unentschlossen.

Damit bleiben die Werte im Vergleich zu früheren Umfragen auch elf Tage vor der Abstimmung stabil. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass Initiativen in der Regel an Zustimmung verlieren, je näher der Abstimmungssonntag rückt.

Nicht nur im rot-grünen Lager findet die Initiative mehrheitlich Zustimmung, sondern auch bei Mitte-Wählerinnen und -Wählern, wie Tamedia schrieb. Der CVP nahe Stehende würden zu 53 Prozent Ja sagen, der BDP nahe Stehende zu 55 Prozent. Bei den SVP- und FDP-Wählern wären es 29 respektive 34 Prozent.

Die Umfrage war am 10. und 11. November aufgeschaltet worden. Die Resultate basieren auf 15’462 demografisch, geografisch und politisch gewichteten Antworten. Die Fehlermarge liegt bei plus/minus 1,2 Prozent. Insgesamt nahmen 23’347 Personen an der Umfrage teil.

Wodurch die deutlichen Unterschiede zwischen den beiden Umfragen zustande kamen, darüber lasse sich nur spekulieren, sagte Fabio Wasserfallen, einer der beiden von Tamedia mit der Umfrage betrauten Soziologen. Tamedia veranlasse die Umfrage seit 2014 und seither seien 60 Prozent der Resultate näher an der Realität gewesen als die SRG-Umfrage.

Claude Longchamp, der Direktor von gfs.bern, bezweifelte, dass dies auch bei der aktuellen Abstimmung der Fall ist. Generell nehme die Zustimmung zu einer Initiative während der Kampagne ab.

Das stimme schon, räumte Wasserfallen ein. Hier gehe es aber um eine klare Sachfrage und «eher Ja» oder «eher Nein» seien viel seltener genannt worden.

Eventuell spielt ein Jugend-Effekt eine Rolle, sagte Longchamp. Ein rechtsgerichteter älterer Landbewohner nehme wohl weniger an einer Online-Befragung teil. Allerdings spiele bei der Atomausstiegsinitiative das Alter eine untergeordnete Rolle, erklärten beide Experten.

Hauptproblem einer Online-Umfrage sei aber, dass jedermann antworten könne, sagte Longchamp. Sein Institut befrage nur Stimmberechtigte.

(SDA)


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