Valentin Stocker und die unzähligen Fragmente

Valentin Stocker erzielte in der 89. Minuten den 3:2-Siegtreffer gegen Ungarn
Valentin Stocker erzielte in der 89. Minuten den 3:2-Siegtreffer gegen Ungarn © KEYSTONE/EPA KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS
Den Unterschied beim 3:2 des Schweizer Nationalteams in Ungarn erzwingt einer, der während Monaten nahezu isoliert war: Valentin Stocker, ein früheres Juwel, das an Glanz und Zuspruch verloren hatte.

Stocker und das Nationalteam, eine über achtjährige Verbindung, ein Projekt ohne Konstanz, dafür mit Wellenbewegungen. Ein Auf und Ab, Irritationen, vereinzelte Exploits, Tore in grossen Momenten, persönliche Enttäuschungen. Kurzum: Eine Angelegenheit, die schwierig zu deuten ist.

Der Ex-Basler gehört seit seinem erfolgreichen Debüt gegen Zypern mit Unterbrüchen zum Kreis des Nationalteams. An jenem heissen Sommertag in Genf schoss er das erste Tor der SFV-Ära von Ottmar Hitzfeld. Was folgte, korrespondierte nicht mit dem vielversprechenden Einstand. Kein Aufgebot für die WM 2010. Nur 45 Minuten bei seinem ersten und nach wie vor einzigen Turnier in Brasilien vor zwei Jahren. Im letzten Mai der nächste Tiefschlag – keine EM-Nominierung.

Aber es existieren auch Schlüsselszenen. Zwar nur Fragmente und doch dokumentieren sie gut, dass es falsch und zu simpel wäre, Stocker nur auf die Rolle des ewigen Jokers zu reduzieren. Er besitzt die Klasse, ein Drehbuch zu verändern, Einfluss zu nehmen, unter erschwerten Bedingungen für entscheidende Inputs zu sorgen – im heiklen Herbst 2010 mit einer Doublette gegen Wales oder im vergangenen September, als er in der kursweisenden Partie gegen Slowenien mit dem 2:2 spät den Umschwung einleitete.

Und nun tauchte der feine Techniker, der sich nicht nur über taktische Formeln Gedanken macht, sondern immer auch das grosse Teambild verstehen will, plötzlich wieder auf. Das Siegtor in Budapest löste Emotionen und Reaktionen aus. Captain Stephan Lichtsteiner reagierte höchst erfreut auf den Coup seines Copains: «Ich bin extrem froh und glücklich für Vale.»

Während elf Monaten hatte Petkovic ohne ihn geplant. Stocker, nach einer Flut von Trophäen und Komplimenten in Basel ein nationaler Hoffnungsträger, stagnierte, zweifelte, ging beinahe vergessen. Dann das Comeback an einem Abend der Eruptionen und Umstürze. «Wenn man arbeitet und nie aufgibt, kann man es schaffen.» Juve-Verteidiger Lichtsteiner dachte dabei primär an den Matchwinner Stocker.

Die suboptimale Konstellation Stockers hing in jüngerer Vergangenheit immer eng mit der unvorteilhaften Entwicklung in Berlin zusammen. Empfangen haben sie ihn in der deutschen Hauptstadt einst wie einen kleinen König. Nur Jos Luhukay hielt sich nicht an die PR-Vorgaben des Vereins. Stocker geriet früh in Bedrängnis, verlor seinen Platz, sass auf der Tribüne.

«Viel weiter ging es nicht mehr abwärts. Gar nicht oder keine Rolle zu spielen, ist schwierig», bestätigte der Rückkehrer vor ein paar Tagen in einem Hintergrundgespräch mit dem Schweizer Radio. Ihm fiel schwer, an eine Chance zu glauben, etwas an der festgefahrenen Situation zu ändern. Ernsthafte Gedanken an einen Transfer keimten auf.

Pal Dardai, nach Luhukays Freistellung der starke Mann an der Linie, signalisierte Stocker immer wieder, lieber auf körperlich robustere Professionals zu setzen. Der Schweizer lehnte sich auf. Still und leise, ohne Wirbel und Zirkus in der medialen Hertha-Entourage, auf dem Platz, mit Leistung und in einer offenbar überzeugenden Art.

Der frühere Schweizer Serienmeister ist in den letzten Wochen ausserhalb der breiten öffentlichen Wahrnehmung wieder in Schwung gekommen. «Ich bin sehr gut drauf», meldete Stocker unmittelbar vor dem Camp-Start aus Berlin. Ein Tor, Assists, gute Kritiken im Liga-Alltag. Er profitierte von Ausfällen, aber er war bereit, die womöglich letzte Chance zu packen, und ist plötzlich ein Faktor beim ersten Bayern-Verfolger.

«Ich rutschte in den Fokus.» Erinnerungen werden wach, seine magistralen Jahre beim FCB kommen Beobachtern in den Sinn. Wohl auch ihm. Die Tristesse, der Stillstand, die Degradierung mit Spielen im Berliner Team der Amateure vor knapp 250 Zuschauern, die negativen Schwingungen nehmen ab, die alte Raffinesse kommt wieder zum Vorschein.

(SDA)


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