Die meisten gehen leer aus

Viele Arbeitnehmer erhalten nächstes Jahr gleich viel Lohn wie in diesem. Ein Mitarbeiter eines Tessiner Industriebetriebs. (Symbolbild)
Viele Arbeitnehmer erhalten nächstes Jahr gleich viel Lohn wie in diesem. Ein Mitarbeiter eines Tessiner Industriebetriebs. (Symbolbild) © KEYSTONE/TI-PRESS/GABRIELE PUTZU
Zahlreiche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhalten im nächsten Jahr keinen höheren Lohn. Die meisten allerdings dürfen sich auf einen kleinen Lohnanstieg freuen. Trotz Minusteuerung fressen die gestiegenen Krankenkassenprämien den Reallohnanstieg aber weg.

Verbreitet resultierte aus der Lohnrunde für 2016 ein Anstieg zwischen 0,5 und 1 Prozent, wie der Gewerkschaftsdachverband Travail.Suisse am Montag vor den Medien in Bern bilanzierte. Dieser wird in den meisten Fällen individuell gewährt.

Bei einer Minusteuerung von 1 Prozent im laufenden Jahr würde unter dem Strich ein Reallohnanstieg stehen. Die gestiegenen Krankenkassenprämien machen das aber zunichte.

Überhaupt sei bei den diesjährigen Lohnverhandlungen vielerorts die Minusteuerung vorgeschoben worden, beklagt Travail.Suisse. Besonders in Industrie und Gewerbe resultierte eine Nullrunde. Die Betroffenen müssten also trotz geringerer Lebenshaltungskosten den Gürtel enger schnallen.

Wie Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse sagte, malten die Arbeitgeber zu Beginn der Verhandlungen wegen der Frankenstärke Stellenabbau, Arbeitszeitverlängerung und Lohnverzicht den Teufel an die Wand.

Vielen blüht eine “Nullrunde”

Auch wenn sich die Situation nach der Aufgabe des Euro-Mindestkurses durch die Nationalbank nicht wie prophezeit verschlechtert habe, seien die Lohnverhandlungen “äusserst zäh” und mühsam verlaufen. Die Frage lautete gemäss Fischer: Wo liegt etwas drin und wo stehen die Arbeitsplätze im Vordergrund?

Im Ganzen müsse die Lohnrunde 2016 als unbefriedigend beurteilt werden, sagte Fischer. Seitens der Arbeitgeber habe es eindeutig an sozialpartnerschaftlichem Verständnis gefehlt. Stattdessen propagierten bürgerliche Politiker eine Lockerung des Arbeitsgesetzes etwa bei der Arbeitszeiterfassung, den Ruhezeitvorschriften und der Sonntagsarbeit.

Auch bei den Frauenlöhnen und beim Vaterschaftsurlaub habe es kaum Fortschritte gegeben. Beim ersten Punkt müssten die Vorschläge des Bundesrats mit griffigen Massnahmen ergänzt werden, die Freiwilligkeit habe nachweislich nichts gebracht. Beim zweiten Punkt würden die Delegierten von Travail.Suisse im April über eine Initiative für 20 Tage Vaterschaftsurlaub befinden.

“Essig statt Wein”: So apostrophierte Arno Kerst, Präsident der Gewerkschaft Syna, die Lohnrunde. Zahlreiche Arbeitnehmer hätten mit einer Verlängerung der Arbeitszeit zum Gedeihen ihres Betriebs beigetragen. Als Dank dafür müssten sie ohne Lohnerhöhung auskommen und hätten nicht einmal eine befristete Garantie ihres Arbeitsplatzes.

Viele Verhandlungen ohne Ergebnis

In vielen Branchen, etwa bei der Gesundheit, werde eine “Pflästerli-Politik” mit individuellen Lohnerhöhungen betrieben, wenn es an Personal fehle. In neun zu Syna gehörenden Branchen gebe es 2016 keine Lohnerhöhung, in fünf davon bereits zum zweiten Mal oder seit noch längerer Zeit.

Eric Dubuis, Westschweizer Sekretär der Hotel & Gastro Union, bezeichnete als positivsten Punkt des Jahres die Verlängerung des Gesamtarbeitsvertrags im Gastgewerbe bis Ende 2016. Die Verhandlungen für die Zeit danach seien angelaufen.

Stefan Müller-Altermatt, Präsident von Transfair und CVP-Nationalrat (SO), erklärte, bei seiner Klientel mache sich Unmut breit. Abgesehen von individuellen Lohnerhöhungen und Einmalzahlungen habe nichts herausgeschaut. Transfair vertritt Arbeitnehmende aus den Bereichen Verkehr, Kommunikation, Post und Logistik sowie öffentliche Verwaltung.

Beim Bund stünden nach einer Nullrunde wegen des “happigen Sparprogramms” 500 bis 700 Stellen auf der Kippe, sagte Müller-Altermatt. Die eidgenössischen Räte hätten in der Wintersession zudem die Vollzeitstellen der Bundesverwaltung bei 35’000 eingefroren. Es sei aber ein Unsinn, eine Verwaltung über die Stellenzahl statt über die Aufgaben zu steuern – Aufgaben, die ihr letztlich das Parlament zuweise.

Überhaupt sei auffallend, dass die Lohnverhandlungen in etlichen Unternehmen des Service public ohne Ergebnis geblieben seien. Müller-Altermatt nannte dabei etwa die Südostbahn. In anderen Betrieben des öffentlichen Verkehrs habe die Lohnrunde merklich im Schatten des Spardrucks der öffentlichen Hand und des Nachholbedarfs im Unterhalt der Infrastruktur gestanden.

(SDA)


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