Vorteil Rechsteiner

Wer wird Ständerat? Paul Rechsteiner oder Thomas Müller (rechts)
Wer wird Ständerat? Paul Rechsteiner oder Thomas Müller (rechts) © KEYSTONE/Eddy Risch
Beide sind Anwälte, haben Jahrgang 1952 und gehören nicht zu den „gmögigsten“ Politikern des Landes. Dennoch sind die Unterschiede zwischen den Ständeratskandidaten Paul Rechsteiner und Thomas Müller riesig.

Rechsteiner oder Müller: Dieses Wochenende klärt das St.Galler Stimmvolk definitiv, wen es neben Karin Keller-Sutter als zweiten Ständerat nach Bern schickt. Die Ausgangslage ist offen. Rechsteiner weist jedoch leichte Vorteile auf. Viele sehen nicht ein, wieso das gut harmonisierende Duo Rechsteiner/Keller-Sutter getrennt werden soll. Zudem gibt es wohl keinen Politiker, der Nicht-Gleichgesinnten so auf den Wecker geht wie Müller.

Die Liste der müllerschen Aussetzer ist recht lang. International Aufsehen verursachte er während des Bankgeheimnis-Konflikts mit Deutschland. Er rückte den damaligen Finanzminister Peer Steinbrück kurzerhand in die Nähe der Nazis. In der Schweiz fällt Müller durch seinen Feldzug gegen die Sozialhilfe auf. Sein Rorschach trat als erste Stadt aus der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe aus. Der “Beobachter” warf ihm zudem vor, er habe persönlich verhindert, dass sich eine Sozialhilfe-Empfängerin in Rorschach niedergelassen habe.

Müller aber nur auf sein – sagen wir es mal so – pittoreskes Verhalten zu reduzieren, wäre nicht fair. Der Anwalt kann Erfolge vorweisen: Unter seiner Führung wurde der FCSG Meister. Seit er Stadtpräsident ist, hat sich das Sorgenkind Rorschach weiterentwickelt. Schulden und Steuerfuss sanken, die Seepromenade ist lebendiger geworden.

Unterschiedliche politische Gewichtsklassen

Wie Müller ist auch Rechsteiner Anwalt. Und wie sein Kontrahent ist der SP-Politiker für Nicht-Gleichgesinnte häufig ein rotes Tuch. Paul Rechsteiner politisiert seit 29 Jahren in Bern, er ist damit dienstältester Bundesparlamentarier überhaupt. Seit 1998 ist er zudem Präsident des Gewerkschaftsbundes und vertritt klar gewerkschaftliche Positionen. Für viele Unternehmer ist er deshalb unwählbar. Seit er Ständerat ist, setzt sich Rechsteiner vermehrt für seine Region ein – mit Erfolg. Er hat es gemeinsam mit Karin Keller-Sutter geschafft, der Ostschweiz in der Fernverkehrsplanung auf Bundesebene mehr Gewicht zu geben.

Rechsteiner ist ein Mann der Mieter, er stand schon dem St.Galler Mieterverband vor. Müller ist Vorstandsmitglied des Hauseigentümerverbandes Schweiz. Rechsteiner gilt als einer der einflussreichsten Politiker des Landes. Müller kann hier nicht mithalten, wird er doch häufig als Hinterbänkler bezeichnet. In Ratings schneidet er schlecht ab.

Trocken gegen hemdsärmelig

Im Auftreten haben beide Politiker ihre Auffälligkeiten. Bei Rechsteiner fällt zuerst der anachronistische Schnauz auf. Darüber hinaus zeichnet er sich durch eine extreme Sachlichkeit auf: Er wirkt fast schon brötig und humorlos. Seine Reden elektrisieren die Massen nicht, er zielt auf den Kopf. Thomas Müller gibt sich im Gegensatz dazu gerne hemdsärmelig. Er spricht eher den Bauch an. Er ist ein Polteri und argumentiert stramm nationalkonservativ.

Holt Müller diesmal alle SVP-Stimmen?

Zum Schluss ein bisschen Wahlarithmetik: Im ersten Wahlgang hatte Rechsteiner die Nase deutlich vorn. Der SP-Kandidat brachte es auf 62 944 Stimmen, Thomas Müller auf 50 629. Bitter für Müller: Sogar sein Rorschach gab Rechsteiner den Vorzug. Im zweiten Durchgang werden die Karten neu gemischt. SVP und FDP haben sich für Müller ausgesprochen. Nimmt man die Ergebnisse der Nationalratswahlen, könnte dies für Müller reichen, da beide Parteien zusammen auf 50,1 Prozent Wähleranteil kommen. Nur: Schon im ersten Wahlgang blieb Müller hinter dem Potenzial der SVP zurück. Das heisst, nicht alle SVP-Wähler sprachen sich für ihn aus. Rechsteiner ist im linken Lager unbestritten. Darüber hinaus haben sich Bürgerliche im Vorfeld für ihn ausgesprochen. Er profitiert vom Groll der CVP auf Müller. Bis heute verzeihen sie ihm nicht, dass er 2011 Fahnenflucht beging und von der CVP zur SVP wechselte.

2011 gewann Rechsteiner denkbar knapp gegen Toni Brunner. Durchaus möglich, dass es am Sonntag erneut so spannend wird.

(red)

 


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