Wie lange werden sich die Oldies noch wehren?

Prototyp des jungen Wilden: Remo Käser bejubelt seinen Kranzgewinn in Estavayer
Prototyp des jungen Wilden: Remo Käser bejubelt seinen Kranzgewinn in Estavayer © KEYSTONE/PETER SCHNEIDER
Wann werden die jungen, frechen Schwinger die hochdekorierten Routiniers verdrängen? Das Eidgenössische Fest hat gezeigt, dass die Wachablösung noch nicht vollzogen ist. Aber sie ist wohl im Gang.Matthias Glarner ist der erste Ü30-Schwingerkönig seit 76 Jahren.

Das allein ist nach dem Fest in Estavayer ein kräftiger Hinweis darauf, dass die Älteren noch etwas zu bestellen haben. Andererseits sind Samuel Giger, Remo Käser und Schlussgangteilnehmer Armon Orlik auf den Plätzen 2, 3 und 5 im Schlussklassement zusammen erst 58 Jahre alt und damit drei Jahre jünger, als es die Berner Tenöre Matthias Sempach und Christian Stucki in der Summe sind. Und sogar 16 Jahre jünger als Arnold Forrer und Martin Grab, die in Estavayer am Ende ihrer Karriere verzweifelt um ihren siebten eidgenössischen Kranz kämpften.

Was Samuel Giger (18), Remo Käser (19) und besonders Armon Orlik (21) an Angriffslust und Vielseitigkeit zeigten, gehörte nebst dem Triumph von Matthias Glarner zum Besten vom Besten an dem begeisternden Fest.

Die Zeit arbeitet für die starken, aufstrebenden Jungen. Zu ihnen zählen auch den Entlebucher Joel Wicki, dessen verletzungsbedingtes Fehlen auch die Fans anderer Verbände bedauerten. Aber auch der 19-jährige Nordwestschweizer Nick Alpiger ist einer von ihnen, ebenso der baumlange Zuger Pirmin Reichmuth, vom dem man nach zwei Kreuzbandrissen noch nicht die absoluten Höchstleistungen erwarten darf. Aber Alpiger wie Reichmuth errangen ihren ersten eidgenössischen Kranz im 10. Rang mit je fünf Siegen souverän. Vielleicht wird es sogar den seit Jahren schwächelnden Südwestschweizern gelingen, zwei Junge an die Spitze heranzuführenden. Sie hoffen auf die Freiburger Benjamin Gapany und Steven Moser.

Der im solothurnischen Biberist wohnende und gleichwohl für den Berner Verband schwingende Philipp Roth bettete im 8. Gang in Estavayer Nöldi Forrer ins Sägemehl. Kranz für Roth, kein Kranz für Forrer. Es war beinahe ein Symbol für die Wachablösung der Generationen.

Während all die Orlik, Giger, Wicki und Käser 2019 am Eidgenössischen in Zug nebst ihrer spektakulären schwingerischen Brillanz auch noch die Erfahrung aus weiteren drei Jahren Praxis auf die Waagschale legen werden, wird man dannzumal die heutigen reifen Topschwinger als Senioren bezeichnen können.

Im Berner Verband kommt nahezu die ganze goldene Generation in die Jahre. Die Könige Matthias Sempach und Matthias Glarner, aber auch Christian Stucki, Matthias Siegenthaler und Simon Anderegg werden 33 oder 34 Jahre alt sein, Willy Graber noch älter. Nur Schwingerkönig Kilian Wenger wird die 30 noch nicht erreicht haben. Weitere Topschwinger werden knapp oder deutlich über 30 sein: beispielsweise Christian Schuler, Andreas Ulrich, Philipp Laimbacher, Andi Imhof, Daniel Bösch und Michael Bless sowie die weiteren Berner Florian Gnägi und Bernhard Kämpf. Auch das Nordwestschweizer Triumvirat Bruno Gisler, Christoph Bieri und Mario Thürig wird zum breiten Bestand der Alten gehören.

Bevor man die Oldies abschreibt und ihnen nicht mehr zutraut, dass sie im Kampf um den Königstitel ein Wörtchen mitreden können, sollte man zuerst beachten, dass der Schwingsport nicht stehenbleibt. Haben sich die alternden Schwinger in früheren Jahrzehnten eher in Schicksal des physischen und konditionellen Defizits ergeben, können heute auch die älteren Schwinger auf moderne Trainingslehren zurückgreifen. Auf Methoden, mit denen sie ihre Existenz im Sägemehl verlängern können. Gerade die Besten wie Sempach oder Sportlehrer Glarner kennen ihren Körper so gut, dass sie damit zielgerichtet umgehen können.

Ein Blick auf die Altersstrukturen lässt viele Fans und Experten vorhersagen, dass die Berner ihre Dominanz nach neun Jahren an einen anderen Verband werden abgeben müssen. So sieht es etwa der zweimalige Schwingerkönig Ernst Schläpfer. Die gültige Antwort wird man aber erst am 24./25. August 2019 in Zug bekommen. Man wartet also am besten ab. Denn zwei Dinge sind im Schwingen besonders gefährlich: Stuckis Kurzzug und Hochrechnungen jeglicher Art.

(SDA)


Newsletter abonnieren
0Kommentare
noch 1000 Zeichen