Winterdienst: «Die Leute sind ungeduldig»

Von Lara Abderhalden
Bei der Schneeräumung haben die Bürgerinnen und Bürger hohe Ansprüche. (Themenbild)
Bei der Schneeräumung haben die Bürgerinnen und Bürger hohe Ansprüche. (Themenbild) © Keystone/APA/Helmut Fohringer
Seit vier Wochen wird in Chur im Dauereinsatz Schnee geräumt. Nicht bei allen kommt dieser Dienst aber gut an. Immer wieder gibt es Reklamationen, das können auch andere Gemeinden im FM1-Land bestätigen.

Bei der Gemeinde Neckertal im Toggenburg gingen kürzlich über 100 Telefonanrufe ein, weil die Bürger mit der Schneeräumung unzufrieden waren. Sie beschimpften den Winterdienst, wie in einer Mitteilung zu lesen war: «Grundsätzlich ist für die Anliegen der Bürger, die mit den Schneemassen gefordert oder überfordert sind, grosses Verständnis vorhanden. Kein Verständnis haben wir aber für die verbalen Übergriffe, denen die Dienstleister ausgesetzt waren.» Der Winterdienst setze Prioritäten und dazu würden Vorplätze und Quartierstrassen nicht gehören. «Ebenso kann sich der anfallende Schnee nicht einfach in Luft auflösen», heisst es im Schreiben weiter.

Die Gemeindepräsidentin von Neckertal, Vreni Wild, sagt im «Toggenburger Tagblatt»: «Anrufe mit Beschimpfungen gehören sich nicht.» Die Telefonanrufe seien teils in unflätigem Ton gewesen.

«Leute wollen mit Halbschuhen zur Arbeit»

In anderen Gemeinden im FM1-Land kennt man das Problem. In Wildhaus-Alt St.Johann gebe es immer wieder «hässige» Bürger, bestätigt Sabrina Lusti, Gemeinderatsschreiberin: «Am schlimmsten ist es an Tagen, an denen es ununterbrochen schneit und wir verständlicherweise mit den Räumungsarbeiten nicht mehr nachkommen.» Da würde das Telefon ab und zu klingeln: «Die meisten Anrufer sind anständig, aber rund fünf Prozent sind unverbesserlich.» Es komme auch zu Beschimpfungen. «Die meisten wollen aber lediglich wissen, wann der Winterdienst kommt», sagt Sabrina Lusti.

Sie ist sich sicher, dass ihre Gemeinde einen der besten Winterdienste hat, die Beschimpfungen seien deshalb manchmal etwas weit her geholt: «Es ist eine Wohlstandserscheinung: Man ist sich gewohnt, dass die Strassen immer geräumt sind.»

Dieses Phänomen kennt man auch in Chur: «Die Leute haben manchmal das Gefühl, dass sie in den Halbschuhen zur Arbeit gehen können, auch wenn es die ganze Nacht geschneit hat», sagt Urs Crotta, Leiter Dienststelle Grün- und Werkbetriebe der Stadt Chur. Viele hätten vergessen, wie die Winter sind: «Man ist ungeduldiger, nimmt die Situation nicht mehr wie sie ist oder hat zum Teil zu wenig Verständnis.»

Kontakt mit den Leuten suchen

In Chur müssen insgesamt 120 Kilometer Strassen vom Schnee befreit werden, hinzu kommen Trottoirs und Velowege. Dies mit einer Höhendifferenz von über 250 Metern auf Stadtgebiet. Die Leute würden manchmal vergessen, dass die Räumung dieser Strassen eine Weile dauert, meint Crotta. In Chur gebe es hauptsächlich Reklamationen, weil zu selten geräumt wird. Aber auch das Gegenteil kommt vor: «Manchmal wird uns vorgeworfen, wir würden zu häufig salzen oder pfaden.»

Zum Teil sei es Motzen auf hohem Niveau: «Es gibt Leute, die rufen uns sauer an, wenn sie beispielsweise auf dem Eis ‹auf den Sack› fliegen. Das sind Individualinteressen.» Zum Teil komme es bei der Schneeräumung aber tatsächlich zu Fehlern, dessen ist sich Urs Crotta bewusst: «In diesem Fall suchen wir den Kontakt mit den Leuten und versuchen, herauszufinden, was wir verbessern können.»

Selber schuld an Reklamationen?

Im Appenzellerland halten sich die Reklamationen in Grenzen: «Klar gibt es ab und zu ein paar Anrufe, vor allem, weil sich die Leute so viel Schnee nicht gewohnt sind», sagt Bruno Fronebener, Leiter Strassenunterhalt in Appenzell Ausserrhoden. Er ist zuständig für die Schneeräumung auf den Kantonsstrassen. «Zwei Winter in Folge schneite es nur selten, diesen Dezember hatten wir eine Menge schweren Schnee.» Dies habe die Leute zum Teil verärgert, weil sie plötzlich ihre Einfahrt hätten freischaufeln müssen. In der Stadt St.Gallen würden jeweils einzelne Reklamationen eingehen, heisst es auf Anfrage. Der Winterdienst sei jedoch immer ein Kompromiss, die Bevölkerung habe unterschiedliche Erwartungen, da könne es schon einzelne Verärgerungen geben.

Die Reklamationen haben die Winterdienste teils selbst zu verantworten, erklärt Urs Crotta aus Chur. «Hier beisst sich die Katze in den eigenen Schwanz: Wir haben mittlerweile ein so hohes Niveau bei der Schneeräumung, dass auch auf hohem Niveau reklamiert wird.»


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