«Wir müssen uns wieder neu erfinden»

Joachim Löw im Gespräch mit Marco von Ah
Joachim Löw im Gespräch mit Marco von Ah © KEYSTONE/ENNIO LEANZA
Im Rahmen eines Sport-Symposiums äussert sich Jogi Löw zu Ideen und Projekten der Weltmeister-Auswahl. Der erfolgreichste DFB-Trainer streift dabei auch den Schweizer WM-Kontrahenten Brasilien.

Russland 2018, gegen drei Milliarden TV-Zuschauer werden die kommende WM nach FIFA-Prognosen verfolgen, 800’000 Tickets sind wenige Tage nach der Auslosung bereits abgesetzt worden. Mit der wichtigsten Fussball-Bühne befassten sich in Zürich verschiedene hochrangige Referenten im Rahmen des «Swiss Sport Forum» – unter ihnen der Weltmeister-Trainer Jogi Löw und der Schweizer Nationalcoach Vladimir Petkovic.

Vor rund 300 Gästen äusserte sich Löw ausführlich zu den mittelfristigen Entwicklungen im Spitzenfussball. «Der Spieler ist gläsern geworden. Man kann aus jedem Training unheimlich viele Daten abschöpfen. Nur muss jeder für sich definieren, welche Angaben relevant sind», so der DFB-Stratege. Der richtige Umgang mit der Flut von Informationen sei wichtig, aber die physisch messbaren Faktoren würden an Grenzen stossen.

«Wir werden keinen mehr finden, der die 100 Meter unter 10 Sekunden läuft. Die Zukunft liegt im mentalen Bereich.» Löw führte im Detail aus, welchen taktischen und kognitiven Schwerpunkten er höchste Priorität schenken wird: “Wer lernt wie schnell? Die Zeit wird immer knapper, um Lösungen zu finden. Wer behält die Orientierung, wer hat die Lösung bereit, wer erkennt unter Druck die freien Räume? Da müssen wir die Spieler stärker schulen.”

Für ihn steht generell die Entwicklung an oberster Stelle – auch in strategischer Hinsicht im personellen Bereich. «Die Statistik steht nicht im Vordergrund. 2014 nach dem Titelgewinn haben wir uns gesagt: Wir müssen uns wieder neu erfinden, neue Wegen gehen, wir dürfen die Dinge nicht verwalten.» Eine entsprechend fortschrittliche Idee sei auch gewesen, beim erfolgreichen Confederations Cup mit einer international unerfahrenen Equipe zu experimentieren.

Der erfolgreichste Trainer der 117-jährigen DFB-Geschichte äusserte sich auch zum Thema Stress. «Es gibt verschiedene Leute, die in gewissen Drucksituationen helfen. Viele Aufgaben kann ich delegieren. Während einer Endrunde spüre ich den Stress fast überhaupt nicht. Der Stress kommt erst später, wenn ich nach Hause gehe, wenn ich alleine bin.»

Dann erst beginne die Aufarbeitung, dann keimen andere Fragen auf, gewährte Löw einen etwas tieferen Einblick: “Was mache ich überhaupt zu Hause? Es kann ein paar Wochen dauern, bis man eine neue Richtung findet, eine neue Motivation.”

Löw, der Deutschland in 158 Spielen zu 106 Siegen coachte, hat sein Commitment längst abgegeben und seinen Vertrag bis 2020 verlängert. Beim DFB haben sich die Exponenten festgelegt: «Wir wollen den Titel nicht verteidigen, sondern ihn wieder gewinnen», erklärte DFB-Verbandschef Reinhard Grindel.

Vielleicht spielt auf dem Weg zur fünften Trophäe auch die Schweiz eine Rolle. Als Gruppensieger würde der Titelträger auf die Nummer 2 der Gruppe E treffen – womöglich die Schweiz. Die Performance der SFV-Vertreter verfolgt Löw, der in den Neunzigerjahren seine Trainerkarriere in der Ostschweiz lancierte, aufmerksam: «Sie machen eine Klassearbeit, der Verband ist sehr gut strukturiert.»

Zum Schweizer WM-Startgegner Brasilien fiel Löw Bemerkenswertes ein: «Der neue Trainer hat vieles verändert. Der Wille zur enormen Defensivarbeit ist erkennbar. Neymar, Jesus, Coutinho, diese herausragenden Spieler rennen alle für die Mannschaft.» Das 1:7-Debakel gegen Deutschland im WM-Halbfinal in Belo Horizonte sei verarbeitet, glaubt Löw: «Sie haben Kraft geschöpft aus der historischen Niederlage gegen uns. So naiv wie vor dreieinhalb Jahren spielt Brasilien leider nicht mehr.»

(SDA)


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