«Wurde wie die grösste Kriminelle behandelt»

Marija Milunovic im Skype-Interview mit TVO.
Marija Milunovic im Skype-Interview mit TVO. © TVO/Skype
Marija Milunovic ist seit einem Tag in Serbien. Die 17-Jährige wurde am Dienstag aus der Schweiz ausgeschafft. Sie schildert, wie es ihr jetzt geht und was die Verhaftung mit ihr gemacht hat. 

Marija Milunovic wirkt angeschlagen. Entgegen ihren Fotos auf Facebook lächelt sie im Skype-Interview nicht. Die 17-Jährige ist ungeschminkt und hat Augenringe. Man merkt ihr den Stress an. «Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können. Ich bin traurig und muss ständig an meine Mutter denken.»

Ungewisse Zukunft und Angst

«Ich frage mich ständig, wie es meiner Mutter geht. Sie ist jetzt ganz allein, so wie ich.» Marija Milunovics Zukunft ist unsicher. Das weiss auch die Teenagerin: «Ich überlege die ganze Zeit, was ich denn nur machen könnte.» Marija weilt zurzeit in einem Hotel, unweit des Wohnortes ihres Vaters in Serbien.

«Die Verhaftung war unglaublich»

Auf die Verhaftung und das Ausschaffungsgefängnis angesprochen, wirkt Marija noch immer sichtlich geschockt: «Sie haben mich behandelt, als wäre ich eine Schwerkriminelle.» So etwas habe sie noch nie erlebt. «Ich hatte solche Angst. Mir fehlen jetzt noch die Worte.» Die Beamten hätten Waffen getragen und sie auf Schritt und Tritt bewacht. Und dabei habe sie nie etwas Verbotenes getan. «Ich durfte nicht einmal alleine auf die Toilette.» Marijas Stimme wird brüchig, sie muss sich ein wenig fassen, bevor sie das Interview weiterführen kann.

«Ich will nicht zu meinem Vater»

«Ich habe erfahren, dass mein Vater nicht mehr mit der Frau zusammen ist, die er vor zwei Jahren hatte.» Marija will vorerst nicht zu ihm, weil sie Angst vor seiner Reaktion hat. «Es ist jetzt alles neu für mich und ich möchte mir die Zeit nehmen.» Früher, ganz früher sei das Verhältnis zu ihrem Vater noch gut gewesen. Doch vor zwei Jahren fingen die Konflikte an. «Dann wurde ich von ihm auch misshandelt», sagt Marija. Und doch muss sie, irgendwo unterkommen: «Es ist nicht so einfach. Ich kann nicht einfach zu Bekannten gehen und sagen: ‘Ich lebe jetzt wieder hier.’»

Kontakt zu Mutter und Anwalt

«Meine Mutter schreibt mir jeweils per Messenger», sagt Marija. Ihr Anwalt, Urs Bertschinger, halte sie per E-Mail auf dem Laufenden. «Er hat mir auch mitgeteilt, dass ich den Entscheid aus dem Fürstentum Liechtenstein aus dem Ausland mitverfolgen muss.» Sie müsse mit ihrer Mutter nun schauen, wie es für sie weiter geht. «Ich kann nicht ewig im Hotel bleiben, so viel Geld habe ich nicht.» Mindestens zwei Wochen muss Marija in Serbien ausharren.

«Ich habe alles verloren»

«Wenn ich nicht in die Schweiz zurück kann, muss ich bei Null anfangen», sagt Marija. Die Schule, das soziale Umfeld, den Fussball: «Ich habe alles verloren.» Sie hoffe nun, dass sie die Au-Pair Stelle im Fürstentum Liechtenstein antreten und das damit verbundene Aufenthaltsrecht bekommt. «Ich will so schnell wie möglich wieder zurück zu meiner Mutter.» Ob das klappt ist fraglich. Über Ausgeschaffte kann ein Einreiseverbot für den gesamten Schengenraum verhängt werden.

Der Grund für die Marijas Ausweisung ist, dass Mutter Svetlana bestimmte gesetzliche Fristen nicht eingehalten hatte: Gemäss Ausländergesetz muss ein Kind spätestens fünf Jahren nach Ankunft eines Elternteils in die Schweiz nachgenommen werden, ist es älter als zwölf Jahre, beträgt die Frist nur noch ein Jahr. Für einen späteren Nachzug müssen «wichtige familiäre Gründe» vorliegen. Weder die St.Galler Regierung, das Verwaltungsgericht noch das Bundesgericht sahen diese Gründe als gegeben.
Marija lebte knapp drei Jahre in der Schweiz. Sie hatte sich integriert, rasch deutsch gelernt und hätte gar eine Lehrstelle antreten können. Eine Übersicht der Ereignisse gibt es hier.


Newsletter abonnieren
18Kommentare
noch 1000 Zeichen

HTML-Version von diesem Artikel