Zehn-Milliarden-Geschäft mit dem Tod

Ein Flüchtlingsboot im März 2017 vor der Küste Libyens.
Ein Flüchtlingsboot im März 2017 vor der Küste Libyens. © AP/Santi Palacios
Der Menschenschmuggel ist ein Milliardengeschäft. Regierungen auf der ganzen Welt versuchen, den Schleppern das Handwerk zu legen und Grenzen zu schliessen. Manchmal bewirken sie das Gegenteil.

Das Schleppergeschäft brummt auf der ganzen Welt. Die Gefahren für Flüchtlinge sind tödlich, aber die Nachfrage bleibt riesig: Schlepper machen weltweit einen Umsatz von zehn Milliarden Dollar, das schätzt zumindest die Internationale Organisation für Migration (IOM). «Es könnte sogar noch mehr sein», sagt Frank Laczko, Chef der Abteilung für Migrationsforschung bei der IOM in Berlin. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Der Direktor des Global Migration Data Analysis Centre der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Frank Laczko. (Bild: KEYSTONE/DPA/Gregor Fischer)

Der Direktor des Global Migration Data Analysis Centre der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Frank Laczko (Bild: KEYSTONE/DPA/Gregor Fischer)

Welle um Welle verzweifelter Menschen begibt sich auf den Weg, um Krieg und Not zu entfliehen. Jedes Jahr überwinden Zehntausende illegal – meist mit Hilfe von Menschenschmugglern – Grenzen weltweit.

Mehrere Tausend Todesfälle

Laczko ist einer der führenden Experten in der Migrationsforschung. Er beklagt, wie wenig über das Geschäft mit dem Leid bekannt ist: Wie viele Schlepper gibt es? Wie viele Menschen werden jedes Jahr geschmuggelt? Wie viele Migranten sterben auf ihrer Reise? Die IOM registriert jedes Jahr mehrere Tausend Todesfälle. Doch das ist wohl nur die Spitze des gewaltigen Bergs.

Die Kunden der Schmuggler wollen alle vor etwas fliehen: vor dem Krieg in Syrien, vor politischer Unterdrückung und willkürlichen Festnahmen im Iran, vor religiöser Verfolgung in Myanmar, vor den Taliban in Afghanistan und – in den häufigsten Fällen – vor schwierigen Lebensumständen, vor Armut und Perspektivlosigkeit.

Mit Hilfe von Kriminellen begeben sie sich auf Reisen, die viele Monate oder sogar Jahre dauern können. Dafür bezahlen sie von wenigen Hundert bis zu vielen Tausend Dollar.

Der Boom des Schleppergeschäfts verläuft auf vielen Routen: Afrikanische Migranten, die Gewalt und Hunger entkommen wollen, durchqueren zu Fuss gefährliche Wüstengebiete, um Libyen zu erreichen. Dort angekommen, warten sie an den Küsten des im Chaos versunkenen Staates, um das Mittelmeer in kaum seetüchtigen Booten zu überqueren. Die Zahl der Todesopfer kletterte 2016 stark.

Verzweiflung hält das Geschäft am Laufen

Flüchtlinge aus dem syrischen Kriegsgebiet geben Schmugglern ihr letztes Geld, um zur türkischen Grenze zu gelangen. Und das, obwohl die Gefahr, von Grenzposten erwischt oder sogar beschossen zu werden, steigt. Hunderttausende der muslimischen Rohingya, die vor Verfolgung in Myanmar geflohen sind, warten in verwahrlosten Lagern in Bangladesch auf ihre nächste Möglichkeit, mit Hilfe von Schleppern nach Indien, Nepal oder Pakistan zu kommen.

Migranten aus Zentralamerika, die der Gewalt und Armut den Rücken kehren, zahlen Schmuggler, um über Mexiko die USA zu erreichen. Wegen der schärferen Kontrollen der US-Grenzpolizei ist ihre Zahl zuletzt gesunken.

Die Schmuggler

Die Schmuggler arbeiten typischerweise in lose organisierten Netzwerken mit manchmal grosser geografischer Reichweite. Sie spezialisieren sich dabei: Es gibt Anwerber, die auf Kundenfang gehen. Dann sind da die Fälscher, die Pässe machen und Geburtsurkunden.

Die Besitzer von Unterkünften, die Geschleppte während ihrer heimlichen Reisen beherbergen. Fahrer und Führer, die Migranten zu Grenzen lotsen. Und korrupte Grenzbeamte, die die Hand aufhalten, damit sie Menschen durchlassen.

Wie jede boomende Industrie entwickelt sich auch das Schleppergeschäft weiter. Wegen der Aussicht auf dicke Profite drängen, so berichten Ermittler, transnationale, organisierte kriminelle Gruppen in einigen Regionen wie etwa in Mexiko und den Vereinigten Staaten immer stärker in den Markt.

Nach Informationen der UNO-Behörde zur Drogen- und Verbrechensbekämpfung UNODC expandieren Gruppen, die früher nur auf bestimmten Routen oder in bestimmten Regionen aktiv waren, in neue Gebiete.

«Migranten als eine von vielen Waren»

«Einige haben sich zusammengeschlossen oder kooperieren und dehnen dabei ihre geografische Reichweite und die Bandbreite ihrer kriminellen Aktivitäten aus», erläutert die UNODC. «Für einige kriminelle Gruppen sind Migranten einfach eine von vielen Waren, die man wie Drogen oder Waffen schmuggeln kann.»

Experten beobachten eine wachsende Brutalität der Schlepper. Das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF berichtet, dass vor Konflikten in Afrika flüchtende Frauen und Kinder in inoffiziellen Inhaftierungslagern in Libyen geschlagen oder vergewaltigt würden. Zudem gebe es für sie in diesen Lagern oft nicht genug zu essen.

UNICEF urteilt, dass diese Lager nichts anderes als Gefängnisse seien, in denen Menschen als Geiseln gehalten und zur Prostitution oder anderer Arbeit gezwungen würden. Die weltweite Zahl von Kindern und Jugendlichen, die allein als Flüchtlinge unterwegs sind, hat sich seit 2010 verfünffacht, berichtete das Kinderhilfswerk Mitte Mai.

Die Zielländer

Viele Länder reagieren auf den Zustrom von Menschen mit drastisch verschärften Grenzkontrollen. Experten warnen jedoch, dass solche Antworten auf den Menschenschmuggel diesen erst befeuern, anstatt ihn zu bekämpfen.

Video «Verzweiflung und Tod auf dem Mittelmeer» des weltweiten Recherche-Projekts «MINDS Global Spotlight» zum Thema Schlepperkriminalität:

Je schwieriger es für verzweifelte Menschen wird, desto wahrscheinlicher suchen sie Hilfe von Schleppern, um ihr Zielland zu erreichen. Salil Shetty, der Generalsekretär von Amnesty International, ist ein ausgesprochener Kritiker von solch harten Ansätzen wie etwa dem Australiens. Die australische Marine zwingt Schmugglerboote mit Kurs auf Australien auf See zur Umkehr und schickt Bootsflüchtlinge in Lager in anderen Ländern.

Shetty sagt, diese harten Abschottungsmassnahmen verletzten nicht nur die internationale Flüchtlings- und Menschenrechtskonvention. Sie förderten auch das Schleppergeschäft, statt es zu schwächen.

«Menschen, die nichts zu verlieren haben»

«Egal, wie hoch die Mauern sind oder wie gut die Küstenwache bewaffnet ist, Menschen, die nichts zu verlieren haben, werden einen Weg finden, um unerträglichen Situationen zu entkommen. Auch wenn das bedeutet, dass sie dabei ihr Leben auf gefährlichen Reisen riskieren», sagt Shetty.

Natürlich beeinflussen auch Massnahmen wie die Schliessung der Balkanroute und das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei das Schmuggelgeschäft. Über die östliche Mittelmeerroute kommen mittlerweile viel weniger Menschen nach Europa. Der Umsatz der Schlepper sank. Aber ein Teil der Menschen sucht auch andere Routen – wie den Weg über das oft todbringende Mittelmeer.

Und je höher die Hürden, desto wichtiger werden Schlepper beim Versuch, sie zu überwinden. Demetrios G. Papademetriou vom Migration Policy Institute in Washington stimmt dem zu. Grenzschutzmassnahmen kurbelten auch Geschäfte an: «Schärfere Grenzkontrollen bedeuten, dass immer mehr Menschen sich auf Schleuser verlassen», sagt er.

Die Kunden

Krieg und Verfolgung haben mehr Menschen vertrieben als je zuvor, sagt das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Im UNHCR-Bericht aus dem vergangenen Jahr ist von 65,3 Millionen Vertriebene durch Krieg und Gewalt die Rede. Im Jahr davor waren es 59,5 Millionen gewesen.

Rund 41 Millionen von ihnen bleiben im Heimatland, doch der Rest hat sich in fremde Länder aufgemacht. Dazu kommen Leute, die aus anderen Gründen gehen. Selbst die UNO-Migrationsbehörde kann keine Gesamtzahl illegaler Migranten nennen.

Auch um genau festzustellen, wie viele Menschen dabei jedes Jahr gegen Bezahlung über internationale Grenzen geschleppt werden, sind die vorhandenen Daten zu diffus und unvollständig.

Europol etwa schätzt, dass 90 Prozent der Migranten, die illegal europäische Grenzen überqueren, dies mit Hilfe von Menschenschmugglern tun. Bei chinesischen Migranten, die nach Kanada wollen, soll es ähnlich sein. Und etwa 80 Prozent der bis zu drei Millionen illegal in Malaysia und Thailand lebenden Menschen haben Schlepper und andere Kriminelle dafür bezahlt, dort hinzukommen.

Tödlicher Weg mit tausenden Opfern

Im Jahr 2016 sind 7870 Migranten auf ihrer Reise ums Leben gekommen, ein trauriger Rekord – darunter 5100 im Mittelmeer. 2015 waren es auf der weltweit tödlichsten Fluchtroute noch 3800 Todesopfer.

In diesem Jahr sind nach Angaben des Missing Migrants Project von IOM bereits mehr als 2100 Menschen auf der Flucht gestorben oder werden vermisst – über 1500 davon bei der Überquerung des Mittelmeers, das Afrika mit Europa verbindet.

Die wahre Opferzahl ist sicher höher. Niemand weiss etwa, wie viele Afrikaner auf dem Weg nach Libyen – einer zentralen Station Richtung Europa – bei der Durchquerung der Sahara umgekommen sind.

Grosser Gewinn, kleines Risiko

Menschenschmuggel ist ein Verbrechen, das hohe Gewinne verspricht und wenig Risiko birgt. Die Bezahlung läuft in den wichtigsten Schlepper-Korridoren häufig mit dem Hawala-System: dem traditionellen Überweisungssystem der muslimischen Welt.

Hawala basiert auf mündlichen Versicherungen, es untersteht keiner Kontrolle und hinterlässt keine Spuren. Das Geld wird einem Vertrauensmann übergeben, der einen weiteren Vertrauensmann beim Empfänger mit der Auszahlung beauftragt. Einfach gesagt: Geld wird verschoben, ohne dass es bewegt wird. Ein Netz aus Vermittlern zieht sich durch den Nahen Osten, Nordafrika und das Horn von Afrika.

Auch Bargeld wird viel genutzt. Europol und andere Behörden weisen auf grosse, grenzüberschreitende Bargeldlieferungen hin. Das Geld wird etwa durch Immobilienkäufe gewaschen.

Die Ermittler kämpfen bei ihrer Aufklärungsarbeit auch mit unwilligen Migranten. Viele wollen nicht verraten, wen sie bezahlt haben. Zum Teil weil sie Angst haben, oder weil sie die Schlepper wieder brauchen, wenn sie Verwandten bei der Flucht helfen wollen.

Die Behörden arbeiten zwar international enger zusammen. Doch häufig stehen nicht die grossen Bosse vor Gericht, sondern Mittelsmänner und kleine Fische, wie etwa die Führer von Flüchtlingsbooten und die Fahrer von Lastwagen.

Ein Wochenende im Mai

Allein am Wochenende vom 6. und 7. Mai überquerten mehr als 6000 Menschen das Mittelmeer mit Ziel Italien. 70 starben. Filippo Grandi des UNO-Hochkommissars für Flüchtlinge sagt, geschlossene Grenzen können humanitäre Probleme nicht lösen. Die rund 6000 Menschen überquerten das Mittelmeer an diesen beiden Tagen trotz der EU-Marinemission gegen Menschenschmuggel: Die Operation «Sophia» soll die Schlepperei unterbinden und verhindern, dass Migranten im Mittelmeer ertrinken.

Einige Beobachter sehen die Lage im Mittelmeer als Beweis dafür, dass es so nicht funktioniert. Kernauftrag der Mission war es, Schleppern das Handwerk legen und Schmugglerboote kapern.

Doch vielfach wurde Operation «Sophia» zum Seenot-Retter. Seit Beginn vor mehr als anderthalb Jahren bis Anfang 2017 wurden 101 Schmuggler und Schlepper gefasst, 387 Boote untüchtig gemacht und mehr als 33’000 Migranten auf See gerettet – etwa 13 Prozent jener, die in diesem Zeitraum versucht hatten, das Mittelmeer zu überqueren, sagt der Leiter der Mission, Manlio Scopigno.

Die Patrouillen wenige Kilometer vor der Küste Libyens hätten das Geschäft der Schlepper oft einfacher und billiger gemacht, kritisieren Kritiker.

Wenn Grenzen keine Antwort sind, was dann?

Migrationsexperten sind sich einig: Die Weltgemeinschaft hat bislang versagt, mit der Massenbewegung umzugehen. Auch Staats- und Regierungschefs äussern sich so, doch passiert wenig. Die UNO-Mitgliedsstaaten streben nun neue, weltweite Übereinkünfte an, um Rechte von Flüchtlingen und Migranten schützen, Leben zu retten und die Verantwortung für Migration zu teilen.

Grandi, der UNO-Flüchtlingskommissar, nutzte eine Abstimmung bei der Generalversammlung vergangenes Jahr, um die Welt daran zu erinnern, dass alle mit ins Boot müssten: «Keine Regierung kann den Strom von Flüchtlingen allein angehen. Internationale Zusammenarbeit ist der einzige Weg nach vorne.»

Die endgültigen Verhandlungen für einen Migrationspakt in der UNO – genannt «Global Compact on Migration» – sind für 2018 vorgesehen. IOM-Experte Frank Laczko erwartet eine schwierige Debatte. Dennoch ist er optimistisch: «Zumindest beginnen sie nun mit dieser Diskussion.»

(sda)


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