30 Jahre WWW: Was bringt die Zukunft?

Der erste Webbrowser hat Berners-Lee vor 30 Jahren entwickelt.
Der erste Webbrowser hat Berners-Lee vor 30 Jahren entwickelt. © St.Galler Tagblatt/ Urs Bucher
Sich per Brief verabreden oder eine Zugverbindung auswendig lernen: Das war gestern. Was ist morgen? Nach 30 Jahren World Wide Web äussern sich Experten zu den nächsten dreissig.

Es könnte ein Tag wie heute gewesen sein als Tim Berners-Lee im März 1989 sein Projekt vorstellte. Nachdem die letzten Tage von Niederschlägen und sogar Schneefall geprägt waren, zeigte sich ab und zu die Sonne. In Genf präsentierte der britische Physiker seine Idee, um den weltweiten Austausch von Informationen zu erleichtern. «Damals konnte man sich nicht vorstellen, dass das World Wide Web wirklich nützlich wird», sagt Georges T. Roos, Schweizer Zukunftsforscher, zu FM1Today. «WWW stand zu jener Zeit für weltweites Warten», sagt Roos und schmunzelt.

«Hat zu verrückten Veränderungen geführt»

30 Jahre später zählen die Erfindungen von Berners-Lee zu den einflussreichsten überhaupt. «Es war lange nicht klar, dass dies zu so verrückten Veränderungen führt», sagt Roos. In der kurzen Zeit hat das Internet eine unersetzbare Stellung in der Geschäftswelt, im Privatleben sowie in der ganzen Gesellschaft eingenommen. «Es ging rasant vorwärts.»

Der Zukunftsforscher Georges T. Roos hat Vertrauen in die nächsten 30 Jahre des Webs. © Georges T. Roos

«Bis ein Roboter ein besserer Chirurg ist als der Mensch»

Wenn das Tempo der Veränderungen anhält, stellt sich die Frage, was denn in Zukunft auf uns zu kommt. «Wir werden in einer intelligenten Welt leben», sagt Roos. Damit meint der Forscher, dass reale Gegenstände unter einander vernetzt sein und mit uns kommunizieren werden. Diese Technologien sind unter den Namen «Internet der Dinge» zusammengefasst. Beispielweise könnte dann ein Lift mitteilen: «Hallo, ich stehe bald still wegen dem kaputten Teilchen xy.»

Auch Jakub Samochowiec, Sozialpsychologe bei der unabhängigen Denkfabrik vom Gottlieb Duttweiler Institut, sieht solche Entwicklung als plausibel. Er befasst sich insbesondere mit gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen. «Unsere Welt wird immer mehr vermessen», sagt Samochowiec. Diese Daten können von Maschinen gelesen werden, die wiederum uns Informationen geben wie im Beispiel mit dem Lift. So können Prozesse automatisiert und optimiert werden. Dabei spielt auch Künstliche Intelligenz eine grosse Rolle. «Bis ein Roboter ein dereinst besserer Chirurg ist als der Mensch», sagt Roos.

Jakub Samochowiec sieht die technische Zukunft grundsätzlich positiv. © Gottlieb Duttweiler Institut

«Es wird nicht nur besser, es wird auch immer schlechter»

Die Zukunftsmusik der Experten klingt nicht nur harmonisch. Der Basler Roos sieht durchaus negative Auswirkungen des technischen Vormarschs: «Es wird nicht nur besser, es wird auch immer schlechter.» Zunehmendes Sammeln und Auswerten von Daten könne auf eine Überwachung hinsteuern. «Oder in der Politik zu Wahlmanipulationen führen», sagt Roos. Solche Folgen müssten unbedingt angepackt werden.

Die Gefahr einer Totalüberwachung sieht auch Samochowiec. Wenn ein Unternehmen eine Monopolstellung inne hätte, könne dieses die Daten leicht für andere Zwecke missbrauchen. «Wir müssen auf die neuen Technologien aktiv reagieren, um sie in die richtigen Bahnen zu lenken», sagt Samochowiec. Er bedauert, dass sich die Politik nicht darum kümmere und an der Devise «weiter machen wie bisher» festhalte.

Grundsätzlich blickt Samochowiec aber gelassen in die Zukunft. Dass sich viele Sorgen über die weitere Digitalisierung machen, erklärt der Sozialpsychologe so: «Negative Tendenzen werden leichter erkannt.» Beispielsweise habe die Anzahl der Hungernden abgenommen, doch die langsame Veränderung werde kaum wahrgenommen.

«Web kann sich zum Bessern verändern»

Ebenso befasst sich der Begründer des ersten Browsers, Berners-Lee, mit möglichen Konsequenzen seiner 30-jährigen Errungenschaft. So schrieb er kürzlich in einem offenen Brief zum Jubiläum: «Angesichts des Missbrauchs des Webs ist es verständlich, dass viele Leute unsicher sind, ob das Web wirklich einen positiven Einfluss hat.» Der Physiker warnt insbesondere vor Datenmissbrauch, Desinformationen und Zensur. Der 63-Jährige glaubt trotzdem, dass sich das Web in den nächsten 30 Jahren zum Bessern verändern kann.

(lou)


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