Lex Netflix

Konsumentenabzocke oder Filmförderung?

Leonie Projer, 1. Mai 2022, 06:17 Uhr
In zwei Wochen stimmt die Bevölkerung darüber ab, ob Streamingplattformen künftig einen Anteil ihres Gewinns in die Schweizer Filmproduktion stecken müssen. Wir haben bei einer Gegnerin und einem Befürworter der Vorlage den Puls gefühlt.
In Europa kennen einige Länder eine obligatorische Abgabepflicht für Streamingservices. Der Anteil variiert von 1% in Portugal bis zu 26% in Frankreich.
© Keystone/AP/STEVEN SENNE

Die Vorlage «Lex Netflix» würde dazu führen, dass Streamingplattformen wie Netflix, Disney+ und Co. in Zukunft 4% ihres Bruttogewinnes in das unabhängige Schweizer Filmschaffen investieren oder eine Ersatzabgabe zahlen müssen. Zudem sollen europäische Produktionen 30% der Inhalte auf den Portalen ausmachen und prominent platziert werden. Diese Vorgabe müssen die Streamingservices in Ländern der EU bereits erfüllen. Gegen die Gesetzesänderung wurde das Referendum ergriffen, weshalb am 15. Mai das Volk darüber entscheidet.$

Für die Aargauer SVP-Nationalrätin Martina Bircher ist klar: wenn die Gesetzesänderung angenommen wird, würde dies dem Schweizer Filmmarkt mehr schaden als nutzen. «Die Streamingplattformen müssten ihre Abopreise erhöhen oder würden sich möglicherweise sogar komplett aus dem Schweizer Markt zurückziehen, weil die Vorlagen von Seiten des Staats zu hoch wären.» Am Ende müssten vor allem die Jungen die Folgen ausbaden, weil sie die Hauptnutzerinnen und -nutzer der Plattformen ausmachen, so Bircher. Diese Sorge teilt der Aargauer Regisseur Rolf Lang nicht. «Die Schweizerinnen und Schweizer haben eine hohe Kaufkraft. Netflix und Co. wissen, dass ihnen sehr viel Geld entgehen würde, wenn sie sich aus der Schweiz zurückziehen würden.»

Für Lang geht es bei Lex Netflix nicht primär darum, mehr Geld zur Verfügung zu haben. Die Vorlage führe dazu, dass alle im Filmmarkt gleich lange Spiesse hätten. «Bisher galt die Investitionspflicht für herkömmliche Kanäle wie nationale TV-Sender. Diese werden aber immer unwichtiger. Das neue Gesetz passt sich an unsere digitale Welt an, in der Streamingservices die grossen Player sind.» Von dem reinivestierten Geld verspricht sich der Regisseur mehr Innovation im nationalen Filmmarkt. Als Beispiel nennt er die Serie «Tschugger», die aus einer Kooperation von Sky und SRF entstanden ist. Und er stellt eine Verbindung zum Spitzensport her: «Wer mehr Spitzen will im Sinne von Qualität, muss auch in die Breite investieren und Talente fördern.»

Reichen die bereits vorhandenen Fördergelder aus?

Bircher ist hingegen nicht überzeugt, dass mehr Geld zu einer besseren Filmqualität führen würde. Die bereits vorhandenen Fördergelder reichen ihrer Meinung nach aus. «Es wird bereits sehr viel Geld in die Filmförderung investiert. Schlussendlich handelt es sich auch bei Filmen um ein Produkt, welches sich an der Nachfrage orientieren muss. Die Vorlage versucht unnötig viel Geld zu investieren.» Die Nachfrage nach Schweizer Filmen sei ihrer Meinung nach sehr gering.  «Die Filmschaffenden müssen sich am Interesse des Publikums orientieren. Für Nischenproduktionen ist dieses nicht vorhanden.» Dem widerspricht Rolf Lang. Laut ihm ist sehr wohl Interesse an Schweizer Filmen da. Die momentane Förderung reiche aber nicht aus. Sein eigener Film über die Badenfahrt sei nur zu Stand gekommen, weil er selbst bereit war, Geld in das Projekt zu investieren. «Ich erlebe es selten, dass mir ein Produzent sagt, dass das Budget eines Filmes komplett abgedeckt sei. Wer reich werden will, sollte nicht in die Filmbranche gehen.»

Das Video des Bundes zur Abstimmungsvorlage:

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Quelle: TeleM1

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 1. Mai 2022 06:17
aktualisiert: 1. Mai 2022 06:17
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