Als Vorarlberg zur Schweiz gehören wollte

Von Nina Müller
Mit diesen Plakaten warben die Befürworter 1919 für den Kanton Vorarlberg.
Mit diesen Plakaten warben die Befürworter 1919 für den Kanton Vorarlberg. © zVg
Vor 100 Jahren wäre das Land Vorarlberg beinahe zu einem Schweizer Kanton geworden. 81 Prozent der Vorarlberger stimmten für einen Zusammenschluss, trotzdem ist es nie zu einem Kanton Vorarlberg gekommen.

Eis essen im Schallert, Kino im Cineplexx und Shoppen im Messepark: Für Rheintaler sind Grenzübergänge ein fester Bestandteil ihrer Kindheit. Viele Grenzkinder haben auch Freunde auf der anderen Seite des Ufers. Dass wir beinahe zu einer Nation geworden wären, ist in den Köpfen vieler Rheintaler längst verblasst.

Julia (27) ist in Höchst aufgewachsen und studiert zurzeit Geschichte an der Universität in Wien. «Bei uns gibt es viele, welche die Geschichte vom Kanton Vorarlberg noch kennen», sagt Julia. Der geplante Zusammenschluss sei Teil des Geschichtsunterrichts in Vorarlberg, aber die Geschichte werde eher wie eine lustige Anekdote erzählt. «Wenn wir darüber sprechen, dann meistens mehr, weil wir es lustig finden. Heute ist das für viele einfach nicht mehr nachvollziehbar», sagt Julia.

Vorarlberg wollte nicht zu Deutschland gehören

Der Österreicher Markus Schmidgall weiss genau Bescheid über die Geschichte des «Kantons Vorarlberg». Schmidgall ist Archivar im Vorarlberger Landesarchiv in Bregenz. Er hat sich intensiv mit der Umbruchphase 1918/1919 in und um Vorarlberg befasst. «Ende des ersten Weltkrieges brachen in Österreich-Ungarn alte Nationalitätenkonflikte wieder auf. Die Ungaren und die Böhmen strebten nach mehr Selbständigkeit oder im besten Fall nach vollständiger Loslösung von Wien», sagt Schmidgall.

Auch Vorarlberg wollte die Situation nutzen, um sich ein wenig loszulösen. Aus geographischer Sicht kamen da nur die Schweiz und Deutschland in Frage. Viele Vorarlberger hatten aber Angst vor einem Zusammenschluss mit Deutschland. Eine klare Mehrheit sprach sich für einen Verbindung mit den Helvetiern aus. Nur Bludenz und Hittisau waren mehrheitlich dagegen. «Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Gemeinden zu weit weg von der Schweizer Grenze liegen», sagt Schmidgall.

81 Prozent der Vorarlberger waren für einen Zusammenschluss

Ein wichtiger Drahtzieher war Ferdinand Riedmann, Lehrer und Kinobesitzer aus Lustenau. Er war zu einem grossen Teil für die Mobilisierung der Vorarlberger verantwortlich. Er war der Meinung, dass die alte landsmannschaftliche Verbundenheit mit den Schweizern viel stärker sei als die mit den Deutschen. «Er machte überall Werbung für den Zusammenschluss und das auch mit Erfolg: 81 Prozent der Vorarlberger stimmten für den Kanton Vorarlberg», sagt der Archivar. In der Schweiz fand die Idee eines Zusammenschlusses hingegen nicht so viel Anklang.

Der Lustenauer Ferdinand Riedmann setzte sich intensiv für einen Zusammenschluss ein. (Bild: zVg)

«Eidgenossen, helft euren Brüdern in der Not»

Auf der helvetischen Seite des Rheins scheiterte das Projekt auf Bundesebene. Der neue grosse Kanton Vorarlberg hätte das innere Gefüge der Schweiz verschoben: Es wäre zu einer katholischen Konfessionsmehrheit und einem Übergewicht von deutschsprachigen Landesteilen gekommen.

Durch Vorarlberg wäre die Schweiz massiv gewachsen. (Bild: Google Maps)

Vor allem Edmund Schulthess, ehemaliges Bundesratsmitglied, hatte sich aus wirtschaftlichen Gründen gegen den Vorstoss gestellt. Wegen den Kriegsfolgen gab es in Vorarlberg viele Menschen, die Not litten. «Schulthess wollte finanziell nicht für diese Personen aufkommen. Er war der Ansicht, dass die Schweizer das nicht hätten stemmen können», sagt Schmidgall. Es hatte aber auch bei uns Befürworter gegeben. Ulrich Vetsch, Mitglied des Kantonsrats St.Gallen und Augenarzt, gründete im Jahr 1919 ein Aktionskomitee mit dem Namen «Pro Vorarlberg».

Von ihm stammt das berühmte Plakat: «Eidgenossen, helft euren Brüdern in der Not!» Auch Unterschriften hatte der Arzt gesammelt, jedoch war er mit 27’000 Unterschriften an der 50’000er Marke gescheitert. Dies war aber nicht der ausschlaggebende Grund, warum es nie zu einem Kanton Vorarlberg kam. Der Vertrag von Saint-Germain verhinderte den Zusammenschluss, denn die Alliierten hatten Vorarlberg den Zusammenschluss schlicht und einfach verboten. So blieb Vorarlberg, als eigener Bund, Teil von Österreich.

Zusammenschluss wäre kaum umsetzbar gewesen

Heute ist Vorarlberg einer der wirtschaftlich stärksten Bundesländern in Österreich. Auf der Schweizer Seite des Rheintals werden immer wieder Stimmen laut, die den Entschluss gegen einen Kanton Vorarlberg bereuen. Jedoch ist heute auch klar, dass ein Zusammenschluss sehr schwierig bis unmöglich umsetzbar gewesen wäre. «Ein so grosses Gebilde zu integrieren, wäre sozial und wirtschaftlich eine riesige Hürde gewesen», sagt Schmidgall.

Durch das Schengen-Abkommen hat sich ein Zusammenschluss aber so gut wie erübrigt. Schweizer und Vorarlberger sind sich heute näher denn je. Auch Julia ist der Meinung, dass es nicht viele Unterschiede zwischen den Schweizern und den Vorarlbergern gebe. Trotzdem würde sie mit «Nein» stimmen, wenn es heute nochmals so eine Abstimmung geben würde. «Ich fühle mich wohl in Österreich und ich mag unseren Sozialstaat sehr gerne», sagt Julia. Mit dem Schweizer Sozialsystem könnte die Vorarlbergerin nicht viel anfangen.

Für die Vorarlberger hat sich also alles zum Guten gewendet und wer weiss, vielleicht würden die Rheintaler bei solch einem Sozialsystem mittlerweile lieber zu Vorarlberg gehören als umgekehrt. Jedenfalls gibt es kaum ein Dörfchen in Vorarlberg, in dem keine Schweizer anzutreffen sind, sei es nun um zu shoppen, Ski fahren oder einfach Zeit mit guten Freunden jenseits des Rheins zu verbringen.


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