«Freundlich und respektvoll begegnen»

Laurien Gschwend, 5. Februar 2017, 08:49 Uhr
Wichtiger Treffpunkt für Randständige: Die Gassenküche in St.Gallen. (Archiv)
Wichtiger Treffpunkt für Randständige: Die Gassenküche in St.Gallen. (Archiv)
© TAGBLATT/Urs Bucher
Für Randständige, die auf der Strasse leben, ist die kalte Jahreszeit besonders hart. Wie man am besten mit ihnen umgeht, weiss Jürg Niggli, Geschäftsleiter der Stiftung Suchthilfe in St.Gallen.

Am Feierabend schnell ins geheizte Zuhause kuscheln - dieser Luxus bleibt vielen Randständigen verwehrt. Oft schlafen sie auch bei eisigen Temperaturen draussen. Einen Ort, den sie mit leerem Magen und frierendem Körper aufsuchen können, ist die Gassenküche in St.Gallen. «Im Winter ist die Gassenküche stärker frequentiert», sagt Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe in St.Gallen, gegenüber FM1-Pfarrerin Charlotte Küng für die Sendung «Gott und d'Welt».

«Niemand geht hungrig aus Gassenküche»

Wer in der Gassenküche eine warme Mahlzeit zu sich nehmen möchte, bezahlt drei Franken. «Das ist gut bezahlbar. Wer die Summe nicht aufbringen kann, kann bei uns arbeiten und den Betrag abverdienen», sagt Niggli, «es geht niemand hungrig aus der Gassenküche». Aber nicht nur eine warme Speise im Magen sei bei den Randständigen willkommen, sondern auch die menschliche Nähe, die man ihnen gebe.

Jürg Niggli © TAGBLATT/Ralph Ribi
Jürg Niggli © TAGBLATT/Ralph Ribi

Naturalien oder etwas Geld spenden

«Hesch mir no es bitzeli Münz?» - diese Frage ist uns allen bekannt. Und meist wissen wir in solchen Situationen gar nicht, was zu tun ist. «Eigentlich braucht in der Schweiz niemand zusätzliches Geld, weil er von der Sozialhilfe oder der IV leben kann», erklärt Jürg Niggli. Trotzdem, so der Leiter der Stiftung Suchthilfe, mache es Freude, den Menschen auf der Strasse etwas geben zu können. Entweder, man spende Naturalien und gehe mit den Betroffenen beispielsweise in eine Bäckerei, oder man gebe ihnen einige Franken.

Menschen nicht abwerten

Auch wenn man aus Prinzip kein Geld geben wolle, solle man freundlich und respektvoll bleiben. «Man kann zum Beispiel fragen, wie es der Person geht, Bezug auf das kalte Wetter nehmen und kurz begründen, weshalb man nicht spenden möchte.» Es bringe wenig, die Menschen abzuwerten. «Niemand weiss, wie sein Leben in zehn Jahren aussieht», sagt Niggli.

Gesellschaft behindert Integration

In der Schweiz lebt eine halbe Million Menschen unter der Armutsgrenze. Als Randständige nehmen wir vor allem jene Personen wahr, die auf den Strassen leben und Suchtmittel konsumieren. Sie geraten aufgrund von Todesfällen oder Krankheiten aus der Bahn, finden irgendwann nicht mehr aus der Arbeitslosigkeit hinaus. Die heutige Gesellschaft und der technische Fortschritt seien Gründe für die erschwerte Integration, findet Jürg Niggli.

«Zeit für philosophische Gedanken»

Aber was ist überhaupt der Rand? «Man könnte auch sagen, jemand befinde sich am Rand des Lebens, wenn er das Zentrum des Lebens nicht findet. Unsere Leute befinden sich in der Mitte ihres Lebens und haben Zeit für philosophische Gedanken», sagt Niggli. Alles sei relativ.

Die aktuelle «Gott und d'Welt»-Ausgabe zum Nachhören:

"GuW 382 Im Winter auf der Strasse 1" von 05.02.2017.


"GuW 382 Im Winter auf der Strasse 2" von 05.02.2017.

"GuW 382 Im Winter auf der Strasse 3" von 05.02.2017.

Laurien Gschwend
Quelle: lag
veröffentlicht: 5. Februar 2017 08:49
aktualisiert: 5. Februar 2017 08:49