Corona an St.Galler Schulen

Besorgte Eltern: «Fühle mich ohnmächtig ausgeliefert»

Dario Brazerol, 2. Dezember 2020, 14:31 Uhr
An den Schweizer Mittelschulen gilt eine Maskenpflicht.
© Keystone
Mangelnde Kommunikation, zu lasche Quarantäneregeln – einige Eltern stören sich über das Vorgehen von St.Galler Mittelschulen in der Coronakrise. Das Amt für Mittelschulen betont, sich an die Vorgaben des Kantons zu halten. Den Eltern reicht das nicht.

«Mein Sohn wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Ich gehe stark davon aus, dass er sich in der Schule angesteckt hat», sagt die Mutter eines Schülers an einer Kanti im Kanton St.Gallen. Über die Infektion des Lehrers seien weder die Eltern noch die Schülerinnen und Schüler informiert worden. Ein No-Go für die besorgte Mutter.

Nur wenig Unmut aus der Elternschaft

«Es stört mich, wenn es seitens des Kantons heisst, die Schule sei kein Ort der Ansteckung», sagt die Mutter. Ihr Anliegen hat sie auch schon mit den zuständigen kantonalen Stellen besprochen. Diese halten an den Corona-Massnahmen an Mittelschulen fest. Unmut aus der Schülerschaft oder von den Eltern gebe es nur selten, schreibt das Amt für Mittelschulen auf Anfrage von FM1Today: «Vereinzelt melden sich Eltern und auch Schülerinnen oder Schüler, die mit der aktuellen Lösung nicht zufrieden sind. Es sind aber nicht viele.»

«Umgang mit Coronafällen ist ein Skandal»

Eine weitere Mutter wendet sich in einem Schreiben an FM1Today. «Der Umgang mit Coronafällen an der Kantonsschule ist ein Skandal. Ich weiss, dass die Kantonsschule nach den Vorgaben des Kantons handelt, aber auch hier muss man sich fragen, ob die Verantwortlichen die Situation noch im Griff haben», schreibt sie. «Man beharrt immer noch darauf, dass Masken und Lüften reichen. Und die Kommunikation mit den Eltern ist eine Katastrophe – damit schafft man unsere Unsicherheit nicht aus der Welt.»

Gemäss des Schutzkonzepts für die st.gallischen Mittelschulen müssen die generellen Hygiene- und Verhaltensregeln, also beispielsweise Abstandhalten oder die Maskenpflicht, eingehalten werden. Würden diese Regeln befolgt, bestehe kein gesteigertes Risiko für eine Corona-Infektion, schreibt der Kanton. Der Unterricht findet weiterhin als Präsenzunterricht statt. Treten trotz Schutzmassnahmen Coronafälle in den Klassen auf, entscheidet die Schulleitung gemeinsam mit dem Kantonsarztamt, ob die gesamte Klasse in den Fernunterricht übergehen muss.

Keine freiwillige Quarantäne für Jugendliche und Lehrpersonen

Eine freiwillige Quarantäne für Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler, welche engen Kontakt mit einer infizierten Person hatten, sei nicht vorgesehen, heisst es seitens des Kantons: «Es gelten die Regelungen, die der Kanton St.Gallen zur Quarantäne erlassen hat.» Das heisst: Nur wer im gleichen Haushalt wie eine infizierte Person lebt, muss in Quarantäne. Ein kategorisches Verbot für die freiwillige Quarantäne gebe es zumindest für die Lehrpersonen nicht: «Lehrpersonen, die dies wünschen, nehmen mit der Schulleitung Kontakt auf, und es wird unter Abwägung der verschiedenen Interessen eine Lösung gesucht», schreibt das Amt für Mittelschulen.

Ab wie vielen infizierten Schülerinnen und Schülern eine Klasse in Quarantäne muss, ist nicht definiert: «Es gibt keine fixe Zahl. Es sind jeweils die individuellen Umstände beziehungsweise Gründe für die Quarantäne zu berücksichtigen.» Auch ab wie vielen Coronafällen ein ganzes Schulhaus auf Fernunterricht umstellen muss, ist nicht klar: «Eine Obergrenze wurde nicht festgelegt. Es ist das strategische Ziel der Regierung, möglichst lange am Präsenzunterricht festzuhalten.»

«Mittelschüler sind urteilsfähig»

Auch die Lehrperson des Sohnes der eingangs erwähnten Mutter wurde positiv auf das Virus getestet. Die Klasse wurde erst in Quarantäne geschickt, als der dritte Schüler ebenfalls positiv getestet wurde, mittlerweile seien es vier Infizierte. Die Eltern wurden über die Schülerinnen und Schüler informiert, nicht direkt von der Schule. «Mittelschülerinnen und -schüler sind urteilsfähig», begründet das Amt für Mittelschulen dieses Vorgehen. Diese Meinung teilen auch gewisse Eltern. Eine weitere Mutter sagt: «Meinem 17-jährigen Sohn traue ich es durchaus zu, dass er mich über die Coronafälle in der Schule informiert.» Allerdings: Über die Infektion der Lehrperson wurden weder Schülerinnen und Schüler noch Eltern informiert.

Die Mutter des infizierten Schülers wünscht sich in Zukunft mehr Transparenz vom Kanton und der Schule: «Die positiven Coronafälle werden uns Eltern gar nicht mehr mitgeteilt. Die Kommunikation sollte besser werden und Personen, welche engen Kontakt mit Infizierten hatten, sollen in Quarantäne dürfen.»

«Ich fühle mich in der aktuellen Situation ohnmächtig ausgeliefert», sagt die Mutter. Ihr sei ein Twitter-Zitat zugesendet worden, welches der aktuellen Situation im Kanton entspreche: «Ich fühle mich in der Schule gerade, als wären wir auf der Titanic. In den untersten Kabinen läuft schon das Wasser rein, aber bei uns spielt noch die Musikkapelle und wir servieren Sekt. Nebenan diskutieren sie darüber, ob es Eisberge gibt.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 24. November 2020 06:06
aktualisiert: 2. Dezember 2020 14:31