Kommentar

Coronavirus: Das Nachtleben nicht für die seriöse Arbeit bestrafen

René Rödiger, 12. Oktober 2020, 13:45 Uhr
Strenge Regeln: Maskenpflicht im Club und Registrierung mit ID beim Einlass – hier bei einer Party im Zürcher Hive.
© Keystone/Symbolbild
Die Fallzahlen in der ganzen Schweiz steigen seit Tagen wieder an. Als ständiges Echo dieser Entwicklung kommt der Ruf nach Einschränkungen für Restaurants, Bars und Clubs. Weitere Restriktionen im Nachtleben sind jedoch ein Armutszeugnis für die Politik. Ein Kommentar.

In allen Kantonen steigen die Fälle bestätigter Corona-Infektionen im Oktober zum teil rasant an. Dass auch die Positivitätsrate hoch ist, ist kein gutes Zeichen.

Mit jedem dieser Fälle sind auch die Contact Tracer gefordert. Und diese sind schon länger am Anschlag. Wie wichtig die Contact Tracer sind, zeigt eine Studie vom September, die sich mit den unterschiedlichen Lockerungs-Ansätzen von Madrid und New York beschäftigte. Beide Grossstädte verzeichneten hohe Fallzahlen und beschlossen einen äusserst restriktiven Lockdown. Als sich die Lage etwas beruhigte lockerte Madrid die Zügel, New York wartete zu, bis genügend Contact Tracer zur Verfügung standen. Das Resultat dieser Strategien sieht man heute: Madrid ist wieder ein Corona-Hotspot, New York kommt (bisher) einigermassen glimpflich durch die Krise.

Der falsche Sündenbock

Die Studie zeigt klar, dass der Flaschenhals bei der Bekämpfung des Coronavirus die Contact Tracer sind. Es ist deshalb besonders schlimm, wenn nun als Reaktion auf den erneuten Anstieg der Corona-Infektionen auf das Nachtleben eingeprügelt wird. Dass die Contact Tracer überhaupt so viel zu tun haben, ist nämlich der Erfolg genau dieses Nachtlebens. Es ist einer der wenigen Orte, wo die Kontaktdaten aller Leute schon seit längerem mehrheitlich seriös gesammelt werden und penibel auf die Umsetzung eines Schutzkonzepts geachtet wird.

Die meisten neuen Infektionen werden an privaten Veranstaltungen und im Familienkreis registriert – ohne Kontaktdaten, ohne Schutzkonzept. Sogar Bundesrat Alain Berset sagte bei der Frage nach Schliessungen von Clubs: «Die meisten Ansteckungen geschehen in Familien und auf der Arbeit. Deshalb sind Massnahmen in diesen Bereichen wichtiger.»

Wird das Nachtleben geschlossen, gehen die Leute nicht unbedingt weniger aus, der Ausgang wird einfach in den Privatbereich verlagert. Und damit gehen wiederum wichtige Kontaktdaten bei Neuansteckungen für die Tracer verloren.

Überforderte Politik

Die Schliessung oder Einschränkung des Nachtlebens ist Pflästerlipolitik, um die Contact Tracer zu entlasten. Die Zahlen werden dadurch nicht sinken. Die Politik würde dadurch höchstens offenbaren, wie überfordert sie mit der Situation ist und das Nachtleben für ihre seriöse Arbeit bestrafen. Für eine wirkungsvolle Bekämpfung des Virus müsste der Hebel an einem anderen Ort angesetzt werden: Bei der Rekrutierung von mehr Personal für die Contact Tracer.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 12. Oktober 2020 18:22
aktualisiert: 12. Oktober 2020 13:45