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Ostschweizer Spitäler

«Die Leute wählen teilweise einen sehr aggressiven Ton»

Nico Conzett, 18. September 2021, 07:07 Uhr
Im Thurgauer Kantonsspital kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Personal und den Angehörigen einer Schwangeren. Der Ursprung des Zwists: die Corona-Massnahmen im Spital. Auch andere Ostschweizer Spitäler sehen sich mit Skepsis und teils aggressivem Verhalten konfrontiert.
Im Spital Frauenfeld kam es jüngst zu einer Auseinandersetzung zwischen Angehörigen einer Schwangeren und dem Personal.
© Thurgauer Zeitung/Donato Caspari

Die Vorwürfe in Richtung des Kantonsspitals Thurgau in Frauenfeld haben es in sich: Einer Schwangeren, die bereits in den Wehen lag, soll die Behandlung verwehrt worden sein, weil sie sich weigerte, einen PCR-Test zu absolvieren. Unter anderem sei mit der Verabreichung eines Schmerzmittels zugewartet worden, um die Frau mit Nachdruck zum Testen zu bewegen.

Anschliessend sei die Frau trotz Attest gezwungen worden, bei der Entbindung eine Maske zu tragen. Diese habe am Ende per Notfallkaiserschnitt durchgeführt werden müssen – aufgrund des Stresses, dem sie ausgesetzt war.

Spital weist Vorwürfe entschieden zurück

Diese Vorwürfe äussern Vilson, der Partner der Schwangeren, sowie Reto K., ihr Bruder, in einem Gespräch mit Daniel Stricker, einem bekannten Corona-Massnahmengegner, auf dessen Youtube-Kanal.

Vonseiten des Spitals werden die Vorwürfe in aller Deutlichkeit zurückgewiesen: «Die Anschuldigungen sind frei erfunden und verzerren die Vorgänge. Und die Vorwürfe werden laufend grotesker», sagt Marc Kohler, CEO der Spital Thurgau AG, zum «Blick». Die Frau sei genau gleich behandelt worden wie alle anderen Patientinnen und Patienten. Die Geburt sei medizinisch normal verlaufen und die Frau habe keine Maske tragen müssen. «Der Ablauf wurde allerdings von den beteiligten Angehörigen erheblich gestört, die Vorschriften massiv missachtet und die medizinische Arbeit behindert haben, sodass unsere Mitarbeitenden die Polizei rufen mussten, um diese Personen zu bändigen», so Kohler. Die Kantonspolizei Thurgau bestätigt den Einsatz gegenüber dem «Blick».

Es steht somit Aussage gegen Aussage. Zu beurteilen, wie sich die Geschehnisse tatsächlich entwickelt hatten, wäre spekulativ. Augenscheinlich ist aber, dass sich eskalierende Vorfälle zwischen Massnahmen- und Impfgegnern und solchen, die die Massnahmen befürworten, in jüngerer Vergangenheit häufen.

Hat sich der Umgangston verschärft?

Da waren die Demonstrierenden am Donnerstagabend, die das Bundeshaus mit Feuerwerk unter Beschuss nahmen und mit Wasserwerfern von der Polizei in Schach gehalten wurden. Oder am vergangenen Wochenende die Attacke auf das Restaurant des Thurgauer Gastropräsidenten Ruedi Bartel, der sich öffentlich für die Impfung und das Zertifikat stark gemacht hat.

Hat sich der Umgangston also tatsächlich verschärft? Haben sich gewisse Gegnerinnen und Gegner der Corona-Politik radikalisiert? Oder handelt es sich bei den jüngsten Vorkommnissen doch vielmehr um Einzelfälle?

Graubünden: Diskussionen, aber keine gröberen Zwischenfälle 

In den übrigen Ostschweizer Spitälern kam es bisher nicht zu vergleichbaren Vorfällen – mit skeptischen Personen sind sie aber häufig konfrontiert. Dajan Roman, Leiter Unternehmenskommunikation des Kantonsspitals Graubünden in Chur, sagt: «Eine Tendenz zu massiv häufigeren oder ernsteren Situationen ist derzeit nicht erkennbar. Es gibt seit der Einführung der Zertifikatspflicht zwar leicht mehr Diskussionen mit Leuten, welche die Massnahmen nicht verstehen können, doch bereits von Zwischenfällen zu sprechen, wäre vermessen.» Komme es zu Diskussionen, suche man das Gespräch mit den Leuten und versuche, sie von der Sinnhaftigkeit der Vorschriften zu überzeugen, so Roman.

Seinem Empfinden nach ist die Situation im Kanton Graubünden aber ohnehin vergleichsweise entspannt. Vorfälle wie jener im Kanton Thurgau oder auch kürzlich in Fribourg, wo Personen vor dem Spital demonstriert und teilweise auch unmaskiert in den Eingangsbereich eingedrungen sind, seien bisher nicht vorgekommen.

St.Gallen: Mehr Probleme mit Zuschriften als vor Ort

Ähnlich klingt es beim Kantonsspital St.Gallen. «Grössere Probleme vor Ort im Spital haben wir nicht. Der Besuchsstopp hat sich bewährt. Aber auch wir stellen natürlich fest, dass sich die Fronten in der Gesellschaft verhärtet haben», sagt Philipp Lutz, der Kommunikationsbeauftragte des Kantonsspitals. Ärgerlich ist für Lutz vor allem eines: «Es werden Fakenews verbreitet und wir erhalten sehr viele, nicht gerade nett gemeinte, Zuschriften und Anfragen aus Kreisen, die den Corona-Massnahmen des Bundes sehr kritisch gegenüber stehen.» Diese Leute würden teilweise einen sehr aggressiven Ton wählen – und alles infrage stellen, was bezüglich Zahlen und Auskünften seitens des Spitals kommuniziert wird.

Beim Kantonsspital Thurgau möchte man nicht mehr Stellung zum Thema nehmen: «Wir möchten uns aktuell zu den Vorfällen, zu diesem Thema und dieser Gruppierung nicht mehr äussern», heisst es dort auf Anfrage von FM1Today.

Mehrere Vorfälle im Kanton Thurgau

Beim Vorfall mit der schwangeren Frau musste am Ende die Polizei intervenieren. Gerade im Kanton Thurgau kam es jüngst zu mehreren Zwischenfällen, bei welchen dies der Fall war. Nebst dem Anschlag auf das Restaurant in Balterswil kam es Anfang September auch zu einem Angriff auf Mitarbeitende eines Impfbusses in Diessenhofen und zu Störaktionen in Amriswil. Auch bei einem Prozess gegen eine 56-Jährige, die wegen einer Verletzung der Maskentragepflicht vor Gericht musste, kam es zu erheblichen Störungen und Ausfälligkeiten einer ungefähr 20-köpfigen Gruppe gegenüber des Gerichts und der Polizisten.

Dass der Umgangston rauer geworden ist, merkt auch die Kantonspolizei St.Gallen: «Die Spaltung der Gesellschaft in zwei Lager sehen wir natürlich auch», sagt Mediensprecher Florian Schneider. Es möge auch sein, dass die Polizei seit Pandemiebeginn vermehrt zwischenmenschliche Probleme lösen müsse. Allerdings könne das nicht mit Zahlen manifestiert werden, so Schneider. Und er fügt an: «Zwischenmenschliche Konflikte zu lösen, gehört seit jeher zu den Aufgaben der Polizei.» Im Grunde spiele es keine Rolle, ob es um Covid-19 oder um etwas anderes gehe.

«Einmal durchschnaufen und überlegen»

Nichtsdestotrotz hat Schneider einen Ratschlag, um möglichen Auseinandersetzungen präventiv zuvorzukommen: «Mit einmal durchschnaufen und kurz überlegen, bevor man wütend wird, könnten schon viele Konflikte verhindert werden.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 18. September 2021 06:48
aktualisiert: 18. September 2021 07:07