Persönlicher Brief

Lieber Bundesrat, wie weit ist es noch?

Lara Abderhalden, 14. April 2021, 06:44 Uhr
Können wir nach den nächsten Kurven die Corona-Ziellinie sehen?
© GettyImages
Der Bundesrat soll heute mögliche Lockerungen vorschlagen – das hat er zumindest angekündigt. Unsere Redaktorin Lara Abderhalden wünscht sich vom Bundesrat eine Perspektive.

Lieber Bundesrat

Ich bin traurig, ohne dass mir Leid zugefügt wurde, ich bin wütend, ohne dass mich jemand ärgerte und ich bin erschöpft, ohne dass ich mich gross bewegt habe. Rastlos sitze ich zu Hause auf dem Sofa, starre die Decke an, checke im Fünf-Minuten-Takt meinen Insta- oder Facebook-Feed, im Hintergrund läuft ein spannender Thriller, aber ich habe nicht einmal Lust, mir dieses Schauspiel anzusehen. Das Leben wurde zu einem unaufgeregten Trott, eine anhaltende Unzufriedenheit vernebelt mir die Sicht.

Ich fühle mich schlecht, weil ich mich schlecht fühle. Weil es auf dieser Welt so viel grösseres Leid gibt als mein eingeschränktes Dasein. Weil ich alles habe, was es braucht, um glücklich zu sein. Ich fühle mich schlecht, weil ich eigentlich kein Recht habe, mich schlecht zu fühlen. Weil eine Pandemie die Welt beherrscht, die grösser ist als die Gefühle eines einzelnen. Und dennoch traue ich mich zu fragen, wie lange noch, lieber Bundesrat, wie lange wird unser Leben noch anders sein?

Fordern möchte ich nicht – nur schüchtern mit dem Zeigefinger auf eure Schultern tippen und fragen: «Wie weit ist es noch?» So wie ich es früher auf der Autofahrt in die Toskana getan haben, nachdem wir erst rund eine von acht Stunden hinter uns hatten. Ich wünsche mir vom Bundesrat kein «wir sind gleich da», obwohl das Ziel noch in weiter Ferne ist. Ich wünsche mir ein «noch zwei, drei Kurven, eine Ampel, rechts abbiegen und dann sind wir voraussichtlich da». Eine Perspektive. Im Wissen, dass eine exakte Voraussage nicht möglich ist.

Auf dem Weg in die Toskana haben meine Schwester und ich uns verschiedene Spiele ausgedacht, um die Zeit zu überbrücken. Autokennzeichen suchen: «Wer sieht zuerst einen St.Galler?» oder anderen Menschen in Autos zuwinken. Irgendwann verschwinden die St.Galler Kennzeichen aber und das Zuwinken wird langweilig.

Waren alle Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie und alle Entscheidungen des Bundesrats richtig? Ich weiss es nicht. Was ich weiss ist, dass wir gelernt haben mit der Coronapandemie zu leben. Ein gewisses Selbstverständnis fürs Händewaschen ist in unseren Köpfen, das Händeschütteln gehört längst nicht mehr zu den Begrüssungsformen und die Maske gehört genauso in den Hosensack wie das Smartphone. Wir wurden kreativ, haben alternative Formen fürs Auswärtsessen entwickelt, treiben Sport draussen, treffen uns online. Viele dieser Dinge helfen, die Coronafahrt abwechslungsreich zu gestalten, sind aber nur ein Zeitvertreib auf dem Weg ans Ziel. Und es scheint mir, als würde jemand die Ziellinie immer weiter wegschieben.

Lieber Bundesrat, die Corona-Pandemie ist eine nie dagewesene, unsichtbare und unberechenbare Gefahr, die euch das Regieren schwer macht. Ist es jetzt aber nicht an der Zeit, den Menschen wenigstens auf der Landkarte den Weg zu zeigen, den wir noch fahren müssen? Damit wir uns auf etwas freuen können und nicht weiter Autos suchen und nach Aufmerksamkeit winken müssen.

Heute bin ich nicht traurig, wütend oder erschöpft, ich freue mich, bin voller Tatendrang und neugierig darauf, was kommen wird. Ich hoffe, das Ziel bald sehen zu können und sind wir erst einmal da, sind die Strapazen der Fahrt schnell vergessen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 14. April 2021 06:37
aktualisiert: 14. April 2021 06:44