Testcenter-Reportage

«Manchmal wollen sie uns verarschen und ein Zertifikat erschleichen»

Nico Conzett, 27. Januar 2022, 18:51 Uhr
Ohne Testcenter geht nichts in Zeiten der Pandemie. Aktuell wird wegen Omikron soviel getestet wie noch nie. Wir haben in einem Testcenter vorbeigeschaut und mit den Mitarbeiterinnen über positive und negative Reaktionen, Täuschungsversuche und unseriöse Konkurrenten gesprochen.

«Es tut mir leid, ich finde es nicht.»
«Ich war aber gestern da.»
«Wir haben aber kein ausgefülltes Formular von Ihnen.»
«Das kann nicht sein, es muss hier sein.»

Eine Konversation, wie sie immer mal wieder vorkommt. Katja seufzt, nimmt den Stapel mit den Anmeldeformularen nochmals auf die Knie und blättert ihn erneut durch. Mit dem gleichen Ergebnis, keine Spur vom Formular.

«Es tut mir wirklich leid, aber wenn Sie sich testen lassen wollen, müssen Sie das Formular erneut ausfüllen», erklärt sie der Besucherin. Wider Erwarten will diese nicht. Ohne etwas zu sagen, aber nicht ohne einen missgünstigen Blick zurückzuwerfen, begibt sie sich in Richtung Tür und verlässt das Corona-Testcenter an der Langgasse.

Manche wollen sich ein Zertifikat erschleichen

Wieso sie das Formular nicht einfach ein zweites Mal ausgefüllt hat? Nun, womöglich hat sie das gar kein erstes Mal getan. «Manchmal wollen sie uns verarschen», sagt Naomi, die das Gespräch zwischen Katja und der Besucherin vom Tisch nebenan mitangehört hat. Wie meint sie das genau? «Manchmal sagen sie, sie waren am Vortag oder so da, dabei stimmt es gar nicht. Auf diesem Weg wollen sie sich ein Zertifikat erschleichen», erklärt Naomi.

Naomi und Katja arbeiten im Corona-Testcenter an der St.Galler Langgasse, welches zur gleichnamigen Apotheke einige hundert Meter stadteinwärts gehört. Naomi hat erst vor kurzem angefangen. Sie ist 26, hat beinahe zehn Jahre in der Pflege gearbeitet – ehe sie genug hatte. Genug vom Druck, genug von der Belastung, genug von Corona. «Es war zu viel und zu streng, ich wollte mich eigentlich eine Zeit lang komplett von Corona entfernen», sagt sie. Dann ergab sich die Möglichkeit, im Testcenter zu arbeiten. Ein willkommenes Angebot zur Überbrückung. Auch wenn sie deshalb weiterhin ständig mit dem Coronavirus konfrontiert ist. «Es ist hier schon manchmal stressig und auch belastend, aber es ist kein Vergleich zu vorher», sagt sie.

Kaum fünf Minuten ohne Kundschaft

An der Langgasse wird unter der Woche von 8.30 bis 12.30 und von 14 bis 18.30 Uhr getestet, am Samstag bis 16 Uhr. Pause gibt es nur am Mittag – oder wenn mal keine Kundschaft vorbeischaut. Das ist aber unterdessen selten der Fall, sagt Katja. Sie arbeitet seit vergangenem Sommer im Testcenter. Noch nie seien so viel Leute wie jetzt vorbeigekommen. Das ist auf die Omikronvariante zurückzuführen, die nach wie vor für Rekordfallzahlen sorgt.

Tatsächlich vergehen am Dienstagmorgen kaum fünf Minuten, in denen nicht eine Person hereinspaziert und getestet werden möchte. «Dienstagmorgen und Mittwochnachmittag ist es am ruhigsten, sonst ist immer mehr los als jetzt», so Katja. «Wenn jeweils bereits wieder zehn Leute vor dem Eingang warten und man zu zweit ist, dann wird man schon manchmal nervös.»

«Ein bisschen in der Nase kitzeln reicht nicht»

Katja, Naomi und Britta – die Dritte im Bunde an diesem Vormittag – erledigen sämtliche Arbeiten im Testcenter, von der Registrierung über die Probenahme bis zur Auswertung und dem Versand der Testergebnisse an das BAG und die getestete Person. Sie alle haben eine medizinische Grundausbildung – und sich vor ihrer Anstellung bei der Chefin beweisen müssen. «Ich bin immer der erste Patient», sagt Aida Mustafic, Inhaberin der Langgass-Apotheke. Es sei wichtig, dass die Person, die die Tests durchführt, dies korrekt macht und dafür müsse sie ein gewisses Fingerspitzengefühl beweisen.

Aida Mustafic, Inhaberin der Langgass-Apotheke.

© FM1Today

Mustafic betont, wie wichtig es ihr ist, dass die Tests richtig durchgeführt werden. «Ein bisschen in der Nase kitzeln reicht nicht», sagt sie. Das sei aktuell ein grosses Problem. Es gebe, auch in St.Gallen, Testcenter, die nicht seriös arbeiten. «Das darf eigentlich nicht passieren, sonst bringt das Testen gar nichts.»

Gewisse Unternehmer wittern das grosse Geld mit dem Testgeschäft, sehen es als Goldgrube. Wenn das Testen aber zur Fliessbandarbeit verkomme, passieren mehr Fehler, ist für Mustafic klar. «Man muss bei jeder Registrierung, jedem Test, jeder Auswertung konzentriert sein.»

Sozialkompetenz ist auch gefragt

Nach bald zwei Jahren Pandemie haben wohl die meisten in der Schweiz lebenden Personen einmal einen Coronatest absolviert. Wer im Testcenter arbeitet, begegnet dementsprechend den unterschiedlichsten Menschen. Dem Studenten in Trainerhose, der die Maske unterhalb der Nase trägt und dem es nicht schnell genug gehen kann genauso, wie der übervorsichtigen älteren Dame, die stets auf genauestes Einhalten des Abstands erpicht ist, ihre Hände innert zehn Minuten fünfmal desinfiziert und das Bargeld für den PCR-Test im separaten Plastikbeutelchen überreicht.

Nicht selten kommen auch Menschen ins Testzentrum, die der deutschen Sprache kaum mächtig sind und Unterstützung bei der Vervollständigung des Anmeldeformulars brauchen. Sozialkompetenz ist gefragt. Und Menschenkenntnis. «Ich habe rasch gemerkt, dass man aufpassen muss, worüber man mit den Leuten redet», sagt Naomi. Es sei manchmal besser, wenn man nicht zu viel von sich und seiner Meinung preisgebe.

Einer wurde ausfällig, viel mehr geben Trinkgeld

Wirklich negative Reaktionen habe sie bisher – in den zwei Wochen, in denen sie im Testcenter arbeitet – aber kaum erlebt. Nur einmal sei ein Mann ausfällig geworden, weil seine Frau die Krankenkassenkarte nicht dabei gehabt hatte und sie deshalb den Test verweigern mussten.

Die positiven Reaktionen von Kundinnen und Kunden überwiegen deutlich, sind sich alle drei einig. «Wir bekommen erstaunlich viel Trinkgeld», sagt Katja lachend und zeigt zur Bestätigung eine kleine Kartonschachtel mit jede Menge Münz drin.

Zustupf erhält die Schachtel auch am Dienstagmorgen. Die ältere Dame, die zuvor durch ihre Übervorsicht aufgefallen ist, hat noch einmal kehrt gemacht, nachdem sie bereits zur Tür hinaus war. «Ihr macht das so gut», sagt sie lächelnd und legt eine Zehnernote auf den Tisch. Dieses Mal ohne Plastikbeutelchen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 26. Januar 2022 05:40
aktualisiert: 27. Januar 2022 18:51
Anzeige