Erfahrungsbericht

Spannung bis zum Schluss: So war mein Corona-Date

Krisztina Scherrer, 28. April 2020, 19:04 Uhr
Dies ist eine nachgestellte Szene. (Screenshot)
© FM1Today
Nähe und soziale Kontakte, das fehlt mir in Zeiten von Social Distancing am meisten. Als Single kann einem schnell mal langweilig werden, denn irgendwann ist auch die letzte Netflix-Serie gesehen. Deshalb habe ich mich im Online-Dating versucht – auf einer Plattform, die speziell für Singles während der Corona-Krise ins Leben gerufen wurde.

Kennst du das Gefühl, wenn du ein trauriges Liebeslied hörst, mitsingst und dir dann irgendwann auffällt: «Das ist mein Leben.» Eine Träne rollt über deine gerötete Wange, draussen regnet es und du sitzt verloren am Fenster, starrst hinaus in die Weite. Dir wird bewusst: «Ich bin alleine.»

So geht es mir eigentlich nicht. Auch wenn viele Leute beinahe voraussetzen, dass man diese schwierige Corona-Zeit nicht alleine (also als Single) aushalten kann. Man kann. Ich weiss es.

Auf ins Dating-Abenteuer

Trotzdem fehlen die sozialen Kontakte. Ich denke da speziell an die Frühlingsgefühle, das Herzklopfen und die Neugier, welche das bevorzugte Geschlecht in einem auslösen kann. Aber das einzige, was mir momentan Herzklopfen bereitet, ist der Weg vom vierten Stock hinunter zum Briefkasten und wieder rauf in die Wohnung (ohne Lift versteht sich). Ich wollte wieder etwas erleben, jemand neues kennenlernen – ohne genaues Ziel.

Aber Tinder und Co. habe ich so satt wie die Aussicht meiner Wohnung auf die ganze Stadt (Spass – von der Aussicht kriege ich nie genug). Es musste eine neue Art des Datings her – und, siehe da, «be-my-quarantine.ch» konnte mir genau das geben.

Wer kann dieser Aussicht schon widerstehen?

© FM1Today

Spannung bis zum bitteren Ende

«Be my Quarantine» ist eine Internet-Dating-Plattform, lanciert von einer Bündnerin und ihren zwei Freunden (FM1Today berichtete). Die Seite soll Singles von der Corona-Krise ablenken. Vor dem eigentlichen Date musst du ein Formular mit vielen Fragen ausfüllen, dieses geht dann an die «Be My Quarantine»-Erfinder. Sie suchen anhand deiner Interessen deinen Dating-Partner aus. Wenn dieser gefunden ist, erhältst du einen Zoom-Link zum Video-Online-Date. Bis zum Date kennst du weder den Namen, noch weisst du, wie dein Gegenüber aussieht. Spannend!

Na dann, auf ins Unbekannte

Nachdem ich das Formular ausgefüllt und mein Foto raufgeladen habe, werde ich nervös. War es eine doofe Idee, hier mitzumachen? Habe ich mir beim Beantworten der Fragen genug Zeit genommen? Und, finden die echt jemanden für mich? Die Antwort lässt lange auf sich warten. Zehn Tage später erhalte ich ein Mail mit Datum und Uhrzeit. Es heisst, dass ein Date immer nur eine Stunde dauert. Ehrlich gesagt, habe nicht mehr damit gerechnet, dass es noch klappen würde. Ich bin schon fast etwas genervt und frage mich, ob ich das Date wirklich noch durchziehen möchte. Fairerweise und aus purer Neugier, lasse ich mich doch darauf ein.

Nur Mut, Krisztina

Es ist soweit: 14. April, 18.55 Uhr, ein letzter Blick in den Spiegel. Ich mache es mir auf dem Sofa bequem. 18.59 Uhr: Es gibt kein Zurück, ich starte das Zoom-Date. 19.57 Uhr: Wir verabschieden uns, ich lege auf und klappe den Laptop zu.

Smalltalk fasst das ganze Date recht gut zusammen. Zuerst kommen die Standardfragen: «Wie heisst du?», «Was arbeitest du?» oder «Woher kommst du?». Zehn Minuten sind um. Ich ringe zum ersten Mal um ein Thema, obwohl ich normalerweise keine Mühe habe, drauflos zu plappern. Was ist bloss los mit mir? Ich erzähle von meinem Job und habe das Gefühl, dass ich mich um Kopf und Kragen rede.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Dann endlich: Wir kennen beide das Palace. Ein Kulturlokal in St.Gallen. Hoffnung keimt in mir auf: «Yes, wir haben ein Thema gefunden.» Doch irgendwie eben doch nicht – während er gerne und viel an Kulturanlässen teilnimmt, spazieren geht und Zeitung liest, hüpfe ich von Sportkurs zu Sportkurs, lese gerne, bin viel mit Freunden unterwegs – Hauptsache, es läuft etwas.

30 Minuten sind um. Es beschleicht mich das Gefühl, dass wir uns beide zu sehr bemühen, ein Gespräch aufrecht zu erhalten und die «Übung» aus Nettigkeit nicht abbrechen. In der letzten halben Stunde ist weiterhin nur Smalltalk angesagt. Beim Tschüss-Sagen fragt keiner nach der Nummer des anderen. Ich finde das völlig okay und er wohl auch – wir sind beide fein raus.

Zeitverschwendung? Nein

Fazit: Ich habe eine Stunde lang mit einem netten St.Galler gesprochen, den ich vorher nie gesehen habe. Gemeinsamkeiten habe ich für meinen Teil keine gefunden. Dass wir uns irgendwann wieder sehen oder hören, bezweifle ich stark. Trotzdem haben wir uns beide in ein Abenteuer gestürzt. Wir haben uns auf etwas eingelassen, das wir vorher noch nie gemacht haben – ich denke, das braucht Mut. Und ob dieses Date eine Zeitverschwendung war? Ich hätte sie für blöderes nutzen können, zum Beispiel für das nach links und rechts Swipen auf Tinder.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 26. April 2020 15:38
aktualisiert: 28. April 2020 19:04