«Dank Trash-TV fühlt man sich besser»

Bachelor, Dschungelcamp und Co. fesseln viele vor die Fernseher. (Symbolbild)
Bachelor, Dschungelcamp und Co. fesseln viele vor die Fernseher. (Symbolbild) © iStock
Viele tun es, niemand will es zugeben. Wer dazu steht, Anhänger eines Trash-TV-Formats zu sein, hat nicht wenig mit sozialer Ächtung zu kämpfen. Und doch wissen die meisten immer erstaunlich viel über den neuesten Klatsch aus Wohncontainer oder Liebesinsel. Du auch?

Es ist mindestens 22 Uhr. Mit einer Packung Chips auf dem Bauch und einer lauwarmen Cola in der Hand sitzt du auf dem Sofa und studierst das Fernsehprogramm. Du könntest dich natürlich mit einer Polit-Talkshow oder dem Literaturclub intellektuell stimulieren. Würdest du natürlich auch. Gäbe es da nicht eine Horde leicht bekleideter Mittzwanziger, die auf einer tropischen Insel um die gegenseitige Gunst kämpfen. Du merkst: Je länger du ihnen zusiehst, desto tiefer sinkt dein IQ, desto besser wird aber auch gleichzeitig dein allgemeines Wohlbefinden. Big Brother – der Balsam für die gestresste Seele, das Sommerhaus der Stars – dein Licht am Ende eines langen Tages.

«Trash-TV deckt natürliche Bedürfnisse»

Allerdings gilt der Konsum von Trash-TV als schmutzig. Du schämst dich also auch ein bisschen, wenn du dich um drei Uhr morgens gegen die fünfte Folge der sechsten Staffel Geordie Shore entscheidest und die letzten Chips-Krümel vom Kragen wischst. Aber müssen wir uns überhaupt für den Konsum von «Dschungelcamp», «Love Island» und Co. schämen? «Nein», sagt Stefan Caduff, Medienpsychologe bei der Sapia GmbH. «Der Konsum von Trash-TV deckt ein natürliches Bedürfnis. Der Mensch will emotional bewegt werden.»

Das Trash-TV-Prinzip ist demnach ähnlich wie bei einem Horrorfilm, erklärt Caduff: «Man schaut sich Dinge an, die man eigentlich gar nicht sehen will. Gut zeigt sich dies am Beispiel des Dschungelcamps, wo Würmer und ähnliches gegessen werden. Der Gruselfaktor löst in uns Spannung aus. Somit gibt es auch eine körperliche Reaktion auf Trash-TV.» Hinzu kommt, dass die Fernsehformate den Zuschauern helfen, sich selbst besser zu fühlen: «Man will jemandem zusehen, der Fehler macht. Das lässt uns selbst gut dastehen.» Die hohen Zuschauerquoten der Formate sprechen dafür, dass es vielen so ergeht, auch wenn nur die wenigsten offen zugeben würden, sich den ganzen Montag schon auf die nächste Folge «Bachelor» zu freuen.

Zuschauer ziehen sich aus der Verantwortung

Aufgrund dessen befürchtet Stefan Caduff, dass der Trash-TV-Trend so schnell nicht vorbei sein wird: «Für viele Leute sind die Formate sehr attraktiv. Sie sind einfach zu konsumieren. Natürlich ist es auch bewegend, wenn wir uns über das politische Weltgeschehen oder die Flüchtlingskrise informieren. Allerdings muss man sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Beim Trash-TV sehen wir ein selbstgewähltes Leid. Somit ziehen wir uns aus der Verantwortung.»

Für viele bildet das Trash-TV somit eine Insel im Alltag. Relaxen. Anschauen. Vergessen. Konsum ohne emotionale Belastung. Und als Pluspunkt: ein gutes Gesprächsthema für die nächste Pause.


(dab)


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