Darum ist Jack Stoiker der Geilste

Von Sandro Zulian
Jack Stoiker mit seiner Band Knöppel am Openair St.Gallen.
Jack Stoiker mit seiner Band Knöppel am Openair St.Gallen. © FM1Today/Fabienne Engbers
Jack Stoiker, der selbsternannte Bob Dylan für Arme. Für die einen ein Genie, für die anderen nur Lärm. Seit seine Band Knöppel mit «Prada» den besten Schweizer Rocksong herausgebracht hat, spielte sie praktisch nur noch vor ausverkauften Rängen. Warum ist das so? Ein Kommentar.

«Das Ziel von Knöppel ist es, zu begreifen, dass wir alle Wichser sind», sagte Frontmann Daniel Mittag alias Jack Stoiker letzthin in einem Interview. Seit Dezember war jedes einzelne Konzert der Punkrocker aus St.Gallen ausverkauft. Drei davon waren Auswärtsspiele in Zürich, Winterthur oder Baden. Mitte April steht Knöppel im Solothurner Kofmehl auf der Bühne – auch dort stehen alle Zeichen auf ausverkauftes Haus. Der Wirtschaftsinformatiker Mittag aus St.Gallen, wohnhaft in Fribourg, verdankt seinen Erfolg mitunter auch einer SRF-Umfrage aus dem Januar, bei der sein Song «Prada» zum besten Schweizer Rocksong aller Zeiten gekürt wurde. Richtig gelesen: Der beste Schweizer Rocksong kommt von einem Mann, dessen Lieblingswort Wichser ist.

Woher kommt dieser plötzliche Erfolg einer Musik, die mit deftigem Punk und Ostschweizer Dialekt zwei Komponenten aufweist, die in der Mischung ein Garant für Misserfolg sind? Die Dialektfrage lässt sich schnell aus dem Weg räumen. St.Gallerdialekt ist rau, hart und gesungen arg an der Schmerzgrenze. Und doch haben die kehligen Laute ihren Reiz und ihre Berechtigung, wie ein Redaktor der Musikplattform «Metalinside» nach einem Konzert in Luzern erkannt hat: «Endlich mal was auf Dialekt, das «nid vu Bärn» ist. Und der Hardcore-Nasendialekt passt auch perfekt zu den perfiden Texten von Stoiker. Stellt euch seine Songs in «Bärndütsch» vor? Keine Street Credibility. Nichts staucht einen Nicht-Ostschweizer mehr, als im Ostschweizerdialekt zusammengestaucht zu werden, wegen ein bisschen Senf auf einer Olma-Bratwurst.»

Stoiker ist bei den Leuten – und singt über Probleme

Wer das Album noch nie gehört hat, sollte das jetzt schnellstens nachholen, denn jetzt geht es ums Eingemachte. Wer im Allgemeinen nicht gerne Punk und Stromgitarren hört, kann sich ebenfalls verabschieden. Punk mag man, oder nicht.

Hört man sich beispielsweise den Song «Schlechti Luune» an, wird einem bald klar, dass Daniel Mittag hier nicht über ein leichtes Unbehagen oder eine vorübergehende Lethargie singt. Stoiker behandelt in diesem Song ganz klar die grösste Volkskrankheit der Welt: Depression. Nur schon die ersten Zeilen machen das klar: «Wenn de Himmel volle Wolke isch, grau in grau in grau in grau und alls isch zääch wiä Chaugummi, zääch wiä zäh Kilometer Stau.» Dem entgegnet Stoiker im Refrain mit der unwirschen Lösung: «Worschinli hesch eifach nume e schlechti Luune» und rät dem Depressiven, doch mal ein Bier zu trinken oder es mit Masturbation zu versuchen. Eine Depression mit einem «das wird schon wieder» oder einem motivierenden «Kopf hoch» zu begegnen, ist in etwa genau so zielführend, wie eine kaputte Maschine mit Sand schmieren zu wollen. Stoiker hat das verstanden und macht auf humoristische Art und Weise auf dieses tabuisierte Thema unserer Gesellschaft aufmerksam.

Eine Bier-Odyssee und ein nervender Saugoof

Nicht alle Knöppel-Songs sind so tiefgründig wie dieser. Doch in jedem Song des St.Gallers spiegeln sich alltägliche Situationen wider, in der sich jeder geneigte Hörer wiederfindet. Sei es eine nie enden wollende Suche nach Bier, eine ermüdende Konversation mit einem Neunjährigen, der mit seinen neu gelernten Karate-Skills angibt und jedem Erwachsenen den letzten Nerv raubt, oder die Frustration eines Buben, der es satt hat, auf dem Land zu wohnen und in die Grossstadt abhauen will. Weil er nichts grösseres kennt, ist die Grossstadt halt Uzwil.

Demgegenüber steht das Hadern eines Neureichen, der plötzlich einen Haufen Geld hat und versucht, damit zurechtzukommen oder der Umgang eines Vorgesetzten, der eigentlich nichts anderes im Sinne hat, als seine Unterstellten zu knechten und zu zeigen, wer hier der Chef ist. Geschichten und Probleme aus dem Leben, artistisch verpackt in rauem Punkrock, gespickt mit Fluchwörtern. Oder aber ein Song, dessen Inhalt nur aus den Namen von berühmten Schweizer Skifahrern besteht. Warum? Weil es geil ist!

Jack Stoiker ist nicht perfekt, Jack Stoiker wird mit seiner Musik nie ein Hallenstadion füllen (obwohl man natürlich träumen darf) und Jack Stoiker wird nie auf dem gleichen Level wie teuer produzierte Popmusik sein. Zum Glück. Denn Jack Stoiker macht Musik mit Inhalt, mit Sinn, mit Hand und Fuss und vor allem mit Köpfchen. Jack Stoiker ist, wie Millenials zu sagen pflegen: «real». Ich ertappe mich oft dabei, wie ich meine Kopfhörer aufsetze und ein paar Stoiker-Songs dröhnen lasse. Es beruhigt mich, es holt mich runter und es lässt mich abschalten. Im Ernst. Und ich weiss ganz genau: Damit bin ich bestimmt nicht alleine, ehr Wichser.


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