Das Turnfest in 7 Akten

Von Lara Abderhalden
Das sind Holländer an der Gymnestraeda - An Schweizer Turnfestern geht einiges ab.
Das sind Holländer an der Gymnestraeda - An Schweizer Turnfestern geht einiges ab. © KEYSTONE/Dominic Favre
Turnfester sind eine Welt für sich. Entweder man hasst sie oder man liebt sie. Entweder man ist Teil davon oder man wird niemals Teil davon werden. Ich bin ein eingefleischter Teil davon, mittelmässig stolz darauf, verzichten würde ich aber nie.

Akt 1: Anreise

«Frohen Mutes…», «Mit Sack und Pack…» – so beginnt jeder zweite Vereinsbericht in den Lokalzeitungen über ein vergangenes Turnfest. Dabei ist das erstunken und erlogen. Wenn sich Turner am Morgen versammeln, hat die Hälfte Sack und Pack vergessen und man muss mindestens einen Zwischenstopp einlegen. Zur Verteidigung der Turner: Man muss an ein Turnfest auch allerhand mitnehmen, das geht vom Geräte-Dress über die Nagelschuhe bis hin zum Ausgangs-Shirt und Schlafsack. Den Kater vom Vorabend, den hat man natürlich mitgebracht und der wedelt mit einer deftigen Fahne, sodass mindestens jemandem im Car schlecht wird. Grundsätzlich ist die Anreise aber etwas sehr Harmonisches: Die Frauen machen sich die Haare, die Männer lassen einen fahren. Ausserdem wird hier noch einigermassen in guter Tonlage und mit treffender Melodie gesungen – in den meisten Fällen das Turnerlied.

Die Anreise ist verhältnismässig gesittet. Bild: KEYSTONE/Walter Bieri

Die Anreise ist verhältnismässig gesittet. Bild: KEYSTONE/Walter Bieri

Akt 2: Die Vorbereitung

Es gibt tatsächlich Vereine, denen geht es an Turnfesten um die Leistung: Ja, liebe Arbeitsgspändli, ein Turnverein ist nicht gleich Saufverein. Zumindest nicht nur. Die Wettkampfvorbereitungen variieren von Verein zu Verein. Häufig sind sie für Aussenstehende aber eine Mischung aus wildem Gefuchtel und komischem Auf- und Abspringen. Während man im Leichtathletik gut dehnt und im besten Fall eine kurze Laufschule macht, braucht es bei den Gerätedisziplinen oder beim Team Aerobik noch «Trockendurchgänge»: Dabei werden die Programme, die anschliessend in der Gruppe gezeigt werden, «trocken» geturnt. Trocken heisst ohne Hilfsmittel. Man improvisiert also die Ringe, den Barren oder den Sprung. Wie es Trockenübungen so an sich haben, sind sie weder besonders attraktiv zum Ausüben, noch zum Zuschauen. Da gibt man sich lieber Akt 3: Das Ganze scharf an den Geräten.

Akt 3: Der Wettkampf

Darum geht es eigentlich an einem Wettkampf. Das versucht auf jeden Fall JEDER Hauptleiter JEDEM Turner regelmässig zu sagen. «Wir zeigen, was wir können. Darauf haben wir lange hingearbeitet», sind motivierende Sätze, die in den Bibeln der Oberturner stehen und im Kreis auf dem Wettkampfplatz gesagt werden. Darauf folgt der Kampfschrei, der sich häufig einfach aus dem Namen des Vereins zusammensetzt. Dann beginnt der Wettkampf. Und in diesem Akt gefrieren die Unterschenkel. Die Zehen sind gespannt. Brust raus. Lächeln. Atmen. Musik ab. Alles geben.

Zehen gespannt und Brust raus. (Bild: pd)

Zehen gespannt und Brust raus. (Bild: pd)

Und wer behauptet, ein Turnverein sei ein Auffangbecken für alle, die einen Grund brauchen, um sich betrinken zu können, sollte dringend mal an einem Turnfest tagsüber (!) vorbeikommen. Wir können nämlich ganz schön was, wenn wir wollen.

Akt 4: Vorglühen

Kaum ist der Wettkampf, der meist rund einen halben Tag dauert, beendet, steht schon der verletzte Mitturner mit einer Kiste Bier neben dem Wettkampfplatz (es gibt immer einen Verletzten). Und sonst übernimmt die Aufgabe des Biernachschubs der betrunkene Fähnrich oder die «Festlatschis» – diese müssen den ganzen Tag mit den Hörnern rumlaufen. Aus einer Kiste werden fünf und plötzlich ist noch eine Flasche Röteli im Umlauf. Der eigene, angeschriebene Musikwagen spielt «079» oder «Cotton Eye Joe» und die Masse macht einen Line-Dance und zieht sich gleichzeitig eine Line Schnupf die Nase hoch. Ist der Soundwagen zusätzlich mit einem Mikrofon ausgerüstet, wird auch gerne vom «Schnorri des Vereins» alles kommentiert und bewertet, was ab- und vorbeiläuft. Die unter 16-Jährigen müssen schon bald auf den Zug und der erste 16-Jährige kotzt schon auf dem Weg dahin, weil er zu viel Möhl getrunken hat. Wir haben ungefähr 16 Uhr.

Ein oder zwei Bierchen kann es am Turnfest schon geben. Bild: KEYSTONE/Walter Bieri

Ein oder zwei Bierchen kann es am Turnfest schon geben. Bild: KEYSTONE/Walter Bieri

Akt 5: Duschen

Das Duschen ist des Turners liebste Beschäftigung. Es ist der Moment, in dem man sich jeglicher Kleidung und auch Hemmung entledigen kann. Das viel zu enge, Arsch oder Bierbauch-betonende Dress wird verworfen, die Feiglinge und die Sektflasche rausgeholt, die Musik noch lauter gedreht und los geht die feucht-fröhliche Party. Und hat man sich erst einmal des Schweisses entledigt, füllt man den Körper mit neuen Flüssigkeiten. Denn das Turnen, das muss gefeiert werden. Wer das primitiv findet, der hört jetzt besser auf mit lesen. Es wird nicht besser. Beim Akt des Duschens kommt nämlich immer der Moment, in dem die erste Person des anderen Geschlechts den Duschraum betritt. Während die Männer oft anfänglich schüchtern wegschauen, wird bei den Frauen laut gekichert. Irgendwann verschmelzen aber die Geschlechter im Shampoo-Schnaps-Dampf und man fragt den Mann nebenan plötzlich, ob er Conditioner dabei hat?

Es gibt aber auch wasserscheue Turner. Diese lassen das Duschen meist aus, eben genau, weil man geschlechtergemischt duschen muss und das warme Wasser gefühlt Mittags um 12 Uhr alle ist und man in der Dusche ein erquickendes Bergbächlein-Wasser vorfindet. Dass einige Turner nicht geduscht haben, sieht man ihnen spätestens in der Mitte von Akt 6 nicht mehr an, denn dann stehen eh wieder alle patschnass auf irgendwelchen Festbänken.

Der Garderobenboden gleicht übrigens einer Wiese von Kühen mit Durchfall (ja, ungelogen). Er ist übersät von braunen, undefinierbaren Flecken und Champagnerkorken, in die man «gschider» nicht reinfällt.

Akt 6: Das Fest

Über das Fest selbst könnte man sieben Akte schreiben. Deshalb mache ich das in Kurzform:

  1. Shots
  2. Schnupf
  3. Bier
  4. Shots, Schnupf
  5. Tanzen
  6. Shots
  7. Schnitzelbrot

Enden tut dies entweder gut: schlafend im eigenen Zelt, oder schlecht: kotzend über der Kloschüssel, oder miserabel: Ohne Schuhe und Handy auf oder unter irgendeiner Festbank.

Es gibt Schöneres, als zusammenzupacken und nach Hause zu gehen. Bild: KEYSTONE/Walter Bieri

Es gibt Schöneres, als zusammenzupacken und nach Hause zu gehen. Bild: KEYSTONE/Walter Bieri

Akt 7: Die Heimreise

«Müde, aber zufrieden…», «mit vielen wichtigen Erfahrungen im Gepäck…» machten wir uns auf die Heimreise. Papperlapapp. Frage ich jeden meiner Mitturner am Tag nach einem Turnfest wie es ihm geht (fragt man sowieso nicht), antwortet mir zu 100 Prozent keiner: «Ich bin müde, aber zufrieden» oder «ich habe nach gestern Abend wichtige Erfahrungen im Gepäck». Die wichtigsten Fragen an einem verkaterten Sonntagmorgen sind: «Wo zum Teufel ist mein Handy?», «Sag mal, wie bin ich zum Zelt gekommen?», «Wer hat auf meinen Schlafsack gekotzt?» oder «Warum liegt in meinem Zelt eine Fritteuse?» Ohne Handy, ohne Erinnerung, aber dafür mit Fritteuse unter dem Arm und einem absolut ekligen Geschmack im Mund geht ein erfolgreiches Turnfest-Wochenende zu Ende. Fast. Denn die Turner reisen mit Zug oder Car wieder nach Hause, meist dauert die Reise ein paar Stunden. Da holt man in nullkommanichts die schönste (mittlerweile sehr lädierte) Sing-Stimme heraus und stimmt die Lieblingslieder an. Zwischen «Oh Lieschen» und «Hau drüber abe» gibt man die Flasche Appenzeller herum, die man am Vorabend nicht mehr geschafft hat und radibutz sind die Turner nicht mehr müde und kaputt, sondern wieder frisch und munter.

Zugabe: Das Weiterfeiern zu Hause

Zuhause angekommen scheiden sich die Geister. Die Ältesten gehen heim zu ihren Familien, die Jüngsten ebenfalls. Alle anderen haben aber weder ein Mami, dass sie Zuhause erwartet, noch eine Tochter, die sich freut, einen wiederzusehen. Wer also noch gerade stehen kann, der trifft sich mit Sack und Pack in der Dorfbeiz. Diese ist meist vorbereitet auf eine Rasselbande Turner und hat im besten Fall schon ein paar Schinkeneingeklemmte vorbereitet. So kann man unbekümmert noch weiterfeiern, bis es draussen stockdunkel oder schon wieder Tag ist.

Am Wochenende vom 23. und vom 29. Juni 2018 ist übrigens im Thurgau ein ganz grosses Turnfest angesagt. Wer sich so ein Fest einmal geben will, es lohnt sich, findet weitere Infos hier.
(Angereichert mit der Sicht der Leichtathleten von Fabienne Engbers)


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