«Die absolute Sicherheit gibt es nicht»

Stefan Kühne, Leiter der Kriminalpolizei St.Gallen präsentiert die Kriminalstatistik.
Stefan Kühne, Leiter der Kriminalpolizei St.Gallen präsentiert die Kriminalstatistik. © Urs Bucher/Tagblatt
Mehr Betrug, mehr Drogen, mehr Vergewaltigungen – im ganzen FM1-Land haben im vergangenen Jahr die Straftaten zugenommen. Besonders hoch ist der Anstieg bei den Fällen von Sexualdelikten mit Kindern. Dafür gibt es in allen Kantonen weniger Tote. Die grosse Herausforderung der Zukunft: die Cyberkriminalität.

«Donnerstag 19 Uhr, Abendverkauf in der St.Galler Innenstadt, wir erhalten eine Bombendrohung per E-Mail.» Es ist ein fiktives Szenario, das Martin Reut, Oberster IT-Forensiker der Kriminalpolizei St.Gallen am Montag vorstellt. Er ist Leiter des im September 2018 gegründeten Kompetenzzentrums für Cyberkriminalität der St.Galler Polizei (siehe Kasten). Mit der fiktiven Bombendrohung will Reut aufzeigen, wo die Cyberpolizei überall zum Einsatz kommt.

Erstmals fliessen die Ermittlungen der Cyberpolizisten in die Kriminalstatistik der St.Galler Polizei ein. Beschäftigt haben die Beamten des neu gegründeten Kompetenzzentrums im vergangen Jahr hauptsächlich Internetbetrüger. Dies führt dazu, dass die Anzahl der Betrugsfälle im Kanton St.Gallen – mit einer Zunahme von 42 Prozent gegenüber 2017 – beinahe die Kriminalstatistik der St.Galler Polizei anführt.

133 mehr sexuelle Straftaten gegen Kinder

Die höchste Zunahme registrierte die St.Galler Kriminalpolizei im vergangenen Jahr bei den sexuellen Delikten. Diese nahmen im Jahr 2018 um 55 Prozent zu. Besonders die Delikte im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen mit Kindern haben stark zugenommen. 2017 waren es noch 50, 2018 waren es 183 Straftaten. Stefan Kühne, Leiter der Kriminalpolizei St.Gallen relativiert sogleich aber wieder: «Wir hatten zwar eine Zunahme von Delikten, mehr Fälle hatten wir aber nicht.» Ein «besonders abscheulicher Fall», bei dem ein einzelner Täter mehrfach sexuelle Handlungen mit Kindern begangen hatte, habe die Zahl in die Höhe getrieben, erklärt Kühne. Um welchen Fall es sich genau handelt, will er nicht sagen.

«Konnten jedes Tötungsdelikt aufklären»

Erfreulich für die Kriminalpolizei sei die starke Abnahme bei den Tötungsdelikten. Gegenüber 18 Opfern im Jahr 2017 haben die Tötungen im Kanton St.Gallen mit zwölf Opfern im Jahr 2018 um 33 Prozent abgenommen. «Das freut uns sehr. Besonders, da wir jedes dieser Delikte aufklären konnten», sagt Kripochef Kühne.

Über alle Straftaten hinweg betrachtet, konnten die St.Galler Kriminalpolizisten im vergangenen Jahr 62 Prozent aller Delikte aufklären. Insgesamt gab es im Kanton St.Gallen im Jahr 2018 26’526 Straftaten, das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr.

Mehr Vergewaltigungen im Thurgau

Einen Anstieg der Straftaten gab es auch im Kanton Thurgau. Dort registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 591 Delikte mehr als noch 2017. «Wir hatten zwar eine Zunahme von rund sechs Prozent, wenn wir das aber im langfristigen Mittel anschauen, haben wir im Kanton Thurgau immer noch tiefe Deliktzahlen», sagt Jürg Zingg, Kommandant der Kapo Thurgau.

Auffällig ist auch im Thurgau die Zunahme bei den sexuellen Straftaten. Diese nahmen um 24 Prozent zu. Besonders markant ist der Anstieg der Zahl der Vergewaltigungen. Diese haben um 100 Prozent zugenommen – 2017 waren es 15 Fälle, 2018 30. Auch die Zahl der sexuellen Straftaten gegen Kinder ist gestiegen und lag 2018 bei 37 Fällen.

Zunahme von Drogendelikte in Ausserrhoden

Im Kanton Appenzell Ausserrhoden ist das Auffallendste die Zunahme der Straftaten in Zusammenhang mit Drogen. 190 Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz registrierte die Ausserrhoder Polizei im Jahr 2018, 2017 waren es noch 137 Verstösse. Insgesamt kam es im Kanton Appenzell Auserrhoden zu 1’586 Straftaten, was einer geringfügigen Zunahme gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Zahlen von Innerrhoden werden erst am Mittwoch kommuniziert.

Auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr bewegt sich auch die Kriminalstatistik des Kantons Graubünden. Die Straftaten haben nur gering zugenommen. Allerdings hat die Graubündner Polizei mit einer Aufklärungsquote von 90 Prozent die höchste im FM1-Land.

«Die Ressourcen fehlen»

Mehr Straftaten bedeutet auch mehr Arbeit, für die Polizisten. Wie Stefan Kühne, Leiter der St.Galler Kriminalpolizei sagt, kämen die personellen Ressourcen dabei immer wieder an ihre Grenzen. Besonders bei Tötungsdelikten, wenn sich die Ermittlungen über Monate erstrecken. Dazu komme ein grosser öffentlicher Druck. Gerade in Fällen bei denen Menschen ums Leben kommen, stehe die Polizeiarbeit immer wieder in der Kritik und die Gewährleistung der Sicherheit werde in Frage gestellt. Dabei würden der Polizei in vielen Fällen gesetzliche Grundlagen für umfassende Ermittlungen oder schlicht und einfach die Ressourcen fehlen, wie Kühne betont. «Wir bemühen uns, die absolute Sicherheit gibt es aber nicht.»

(mas)

Im September 2018 hat die St.Galler Kriminalpolizei das Kompetenzzentrums für Cyberkriminalität ins Leben gerufen. «Cyberkriminalität ist zwar kein neues Phänomen», sagt Martin Reute, Leiter des Kompetenzzentrums, «jedoch nehmen die Straftaten im Netz stark zu.» Insbesondere Online-Betrüger seien im Aufwind. Momentan arbeiten zehn Leute im Fachzentrum. Im nächsten Jahr wird es um fünf weitere Stellen aufgestockt. Die IT-Beamten helfen zurzeit hauptsächlich bei Ermittlungen der Kriminalpolizei mit und schulen reguläre Beamten in der Erkennung von Cyberkriminalität. Frühestens im nächsten Jahr wollen die IT-Spezialisten und Cyberpolizisten eigene Ermittlungen führen. Im Gegensatz zur «normalen» Kriminalpolizei agieren die Polizisten des Kompetenzzentrums international. «Verbrecher im Netz machen vor der Kantonsgrenze nicht halt», sagt Martin Reute. Deshalb sei es wichtig, im stetigen Austausch mit Kollegen im In- und Ausland zu sein. Unterstellt ist das neue Kompetenzzentrums für Cyberkriminalität sowohl der Kriminalpolizei als auch der Staatsanwaltschaft in gleichem Masse. Ein Cyber-Staatsanwalt hat die Arbeit bereits aufgenommen, bald soll ein zweiter dazukommen. Es ist ein Unikum in der Schweiz, dass Ermittler und Strafverfolger so eng zusammenarbeiten. (lou)


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