Die FIFA-Generalsekretärin über den Präsidenten

Generalsekretärin Fatma Samoura und Präsident Gianni Infantino (rechts) ziehen beim Weltverband FIFA seit 2016 gemeinsam die Fäden
Generalsekretärin Fatma Samoura und Präsident Gianni Infantino (rechts) ziehen beim Weltverband FIFA seit 2016 gemeinsam die Fäden © KEYSTONE/AP/FRANCOIS MORI
In einem Exklusiv-Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA äussert sich die senegalesische FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura (56) über ihre bislang dreijährige Arbeit bei der FIFA.

Fatma Samoura, wie beurteilen Sie die drei Jahre Ihrer Tätigkeit bei der FIFA? Gab es Aspekte in Ihrer Arbeit, die sie überraschten? Welche Erkenntnisse haben Sie aus Ihrer Tätigkeit gewonnen?

«Ich habe den Eindruck, dass die Zeit extrem schnell vergangen ist. Zwischen der Restrukturierung der FIFA, der Umsetzung der Reformen und der Strategie FIFA 2.0 hatte ich keine Zeit, mir Fragen zu stellen. Ich tat einfach, was notwendig war, um die Administration in dieser Zeit zusammenzuhalten, um gemeinsam eine leistungsstarke FIFA zu erhalten. Nach den Skandalen im Zusammenhang mit der Vorgänger-Administration galt die FIFA-Marke als ‘toxisch’. Es galt vorab, das Vertrauen der Partner wiederherzustellen. Ich glaube, dass dies gelungen ist. Denn das Netto-Ergebnis von zuvor 1,2 Milliarden Dollar steigerten wir auf eine noch nie gekannte Reserve von 2,7 Milliarden Dollar.»

Weshalb übernahmen Sie den Job?

«Als mich FIFA-Präsident Gianni Infantino kontaktierte und mir den Posten anbot, stiess ich bei meinen damaligen UNO-Kollegen auf viel Skepsis. Immer wieder wurde ich auch gefragt, weshalb ich mir dies antun wolle. Ich antwortete: ‘Der Fussball besitzt eine unheimliche Macht. Es ist eine positive Kraft, und wir können das Leben der Menschen durch Fussball verändern.’ In meinen 21 Jahren bei der UNO habe ich viele Staaten bereist, die Krisenherde waren. Sei es durch Hungersnöte oder Krieg. Überall, wo ich war, stellte ich fest, dass der Fussball den Menschen Trost spendete. In Liberia ruhten die Waffen nur aus zwei Gründen: entweder wegen des Regens oder wegen des Fussballs. Deshalb war für mich klar: Ich will als FIFA-Generalsekretärin mit dem Fussball mithelfen, entsprechende Friedensprozesse zu unterstützen. Denn schliesslich spricht der Fussball eine universelle Sprache.»

Wie sieht es seit Ihrem Amtsantritt mit der Frauenförderung bei der FIFA aus?

«Der Zug des Fortschritts hat den Bahnhof verlassen, und ich bin stolz, Ihnen sagen zu können, dass der Wind des Wandels durch die FIFA weht – und in der Fussball-Gemeinschaft generell. Es sind so viele Frauen wie nie zuvor auf Direktionsebene tätig. Und wir unterstützen ein Programm, um die Entwicklung von Leadership durch Frauen im Fussball weiter voranzutreiben. Das Ziel ist es, noch mehr Frauen auf Führungsebenen zu bringen. Wichtig ist aber auch, dass sich bei der FIFA alle Regionen der Welt zugehörig und gehört fühlen. Da war auch einer der zielgerichteten Reformen der FIFA: Wir wollten eine ausgewogenere Regionen-Vertretung aus allen Erdteilen bei der FIFA. Ich bin glücklich, sagen zu können, das wir dies erreicht haben. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Bei der vorherigen Administration besass Afrika lediglich vier Sitze im Exekutiv-Komitee der FIFA. Heute sind es sieben. Das ermöglicht diesem Kontinent, sich auf der Entscheidungsebene mehr Gehör zu verschaffen. Heute sieht man bei der FIFA Gesichter aus Afrika, Asien, Ozeanien oder Südamerika an unserem Sitz und in unserer Organisation. Da ist eine Vielfalt vorhanden. Ich hoffe, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird.»

Was liegt Ihnen sonst noch am Herzen?

«Es gibt das Projekt »Football for Schools«. Unter anderem werden elf Millionen Bälle an Schulen in der ganzen Welt verteilt. Fussball leistet einen wichtigen Beitrag, um die sozialen Kompetenzen von Kindern auszubilden.»

In wenigen Tagen beginnt in Frankreich die Frauen-WM.

«In den letzten drei Jahren habe ich zu meiner eigenen Überraschung festgestellt, dass sich viele Männer bei der FIFA nicht scheuten, sich für die Förderung des Frauenfussballs einzusetzen- und zwar auf allen Hierarchie-Stufen innerhalb der FIFA. Die vielleicht wirkungsvollste Unterstützung kam von den männlichen FIFA-Legenden. Sie setzten sich öffentlich für die Unterstützung des Frauenfussballs und dieser Frauen-WM ein. Wenn dies Grössen wie Michael Essien, Mikaël Silvestre, Michel Salgado oder Marcel Desailly tun, ist dies einfach grandios.»

Wie ist die FIFA in Ihren Augen aufgestellt?

«Das ist eine dynamische Organisation. Sie wird viel offener als bei meinem Amtsantritt vor drei Jahren geführt. Es gibt noch viel zu tun und noch weitere Ziele zu verfolgen. Ich persönlich liebe meine Arbeit. Aber es liegt nicht an mir, über die Fortsetzung meiner Tätigkeit zu entscheiden. Es wäre nicht korrekt von mir, einen nicht von mir zu fällenden Entscheid vorwegzunehmen.»

Wie ist Ihre Ansicht zu FIFA-Präsident Gianni Infantino?

«Für mich ist er einer, der Neues bewirkt und Grenzen verschiebt. Und er ist ein Feminist! Er ging ein hohes Risiko ein, eine Frau zur ersten Generalsekretärin der FIFA zu machen. Er traf diesen Entscheid, noch bevor der Rest der Welt damit begonnen hatte, sich Fragen zu Vorverurteilungen oder Sexismus zu stellen. Meine Installierung löste zahlreiche Reaktionen in der Fussball-Welt aus. Mit der Ernennung einer Afrikanerin sandte Infantino eine klare Botschaft und eine Vision aus. Die Zeit der Vielfalt ist gekommen!»

(SDA)


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