Die heiligen vier Wände des Bischofs

Von Lara Abderhalden
Wir dürfen die Türe zur Bischofs Wohnung öffnen.
Wir dürfen die Türe zur Bischofs Wohnung öffnen. © FM1Today/Lara Abderhalden
Es ist soweit. In unserem Adventskalender wird das letzte Türchen geöffnet. Dieses führt uns fast schon zu Gott selbst oder zumindest dem Menschen, dessen Aufgabe es ist, uns jedes Jahr die Weihnachtsbotschaft zu überbringen. Wir durften die Wohnung des St.Galler Bischofs Markus Büchel betreten und erfahren, wie dieser Heiligabend verbringt.


Es ist, als würde man das Weisse Haus betreten. Alles wirkt mächtig, edel, irgendwie heroisch, mit den vergoldeten Gemälden früherer Bischöfe an den weissen Wänden. Es gibt lange Flure und etliche Zimmer, rot gepolsterte Holzstühle und lange Tische. Fast schon, als würde man in einem Palast stehen. Schon sieht man vor dem geistigen Auge Barack Obama und Angela Merkel am Tisch sitzen, über einen Braten gebeugt, die Weltsituation beratend.

Die schönste WG St.Gallens

Diese wunderbare Wohnung befindet sich aber nicht in den USA und gehört keinem Präsidenten. Der Inhaber, Hausherr und Bewohner ist Markus Büchel, Bischof von St.Gallen. Seine Mitbewohnerin ist seine Schwester. Die wohl schönste WG in St.Gallen ist dreistöckig und befindet sich direkt neben der Kathedrale. Im Wohnzimmer des Bischofs steht ein grosser Christbaum mit farbigen Glaskugeln: «Weil am Tag hier stets Besucher sind, mussten wir den Christbaum in der Nacht schmücken. Da helfe ich jeweils mit», sagt der 67-Jährige. Jedes Jahr werden dieselben Kugeln an den Baum gehängt. «Sie waren sehr teuer und sehen einfach schön aus.»

Friede statt Kriege

Für Markus Büchel ist die Weihnachtszeit die emotionalste Zeit des Jahres. «Vor Weihnachten sind die Menschen sensibler. Sie haben die Sehnsucht nach Frieden, nach Menschenwürde.» Eine grosse Herausforderung für den Bischof: «Die Weihnachtszeit ist wunderschön, ich erhalte Post aus der ganzen Welt, dennoch gibt es in dieser Zeit auch viel Leid zu erfahren». Bilder aus Kriegsgebieten wie beispielsweise Aleppo lassen auch ihn nicht kalt. «Solche Bilder tun weh. Es tut weh, zu sehen, dass es nicht möglich ist, Kriege diplomatisch zu lösen, sondern durch Bomben, Mord und Totschlag.»

Umso wichtiger ist es dem Bischof, an Weihnachten eine frohe Botschaft zu übermitteln. «An Weihnachten darf man Dinge sagen, die man sonst nicht sagt. Es ist die Zeit, einem Freund zu sagen, dass man ihn mag oder sich bei jemandem zu bedanken. Es ist auch die Zeit, in der man sich Zeit für die Liebsten nehmen kann und sollte.»

Weihrauch in der Wohnung

«Für meine Familie da zu sein, mit ihr zu feiern, das erfüllt mich mit Freude», sagt der Bischof. Zeit hat Markus Büchel vor Weihnachten nicht sehr viel. «Es ist eine angespannte Zeit», auch er müsse Weihnachtsgeschenke einkaufen. «Meine Nichten und Neffen wären enttäuscht, wenn sie keine Geschenke erhalten würden. Nichts Grosses, wir schenken kleine Dinge.»

Heiligabend verbringt Markus Büchel zusammen mit seiner Schwester in der Bischofswohnung. «Sie kocht etwas Feines und der Esstisch wird mit Kerzen geschmückt. Ich arbeite dann jeweils in Ruhe an meiner Predigt, vielleicht gibt es noch ein bisschen Weihrauch im Wohnzimmer, damit ich mich an den Geschmack für den Gottesdienst gewöhnen kann.» Ohne Vorbereitung könne der Bischof seine Weihnachtsgottesdienste nicht halten. «Ich habe noch nie ein Fest aus dem Stand gefeiert. Es braucht eine Vorbereitung und diese kann recht nervös und ‹strudelig› sein. Aber auch schön.»

Der Bischof wird zum Kind

Der Höhepunkt folgt um Mitternacht: «Der schönste Moment an Weihnachten ist für mich der Mitternachts-Gottesdienst», es sei jedes Jahr überwältigend, die übervolle Kathedrale zu sehen. «Es ist eine Freude, mit so vielen Menschen zu feiern. Ich freue mich auf diesen Gottesdienst wie ein kleines Kind.»

Hätte Markus Büchel einen Wunsch beim Christkind frei, wäre dieser, dass er das, was er tut, noch Jahre weiter tun kann: «Es ist etwas vom Schönsten im Leben, wenn man gebraucht wird und es ist umso schöner, wenn das, was man tut, einen Sinn ergibt. Das gibt mir eine tiefe Befriedigung».

Die letzten Worte des Bischofs hallen durch die langen Flure, durch den Saal mit dem langen Tisch und die früheren Bischöfe an den weissen Wänden scheinen wohlwollend zu nicken.

FM1Today


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