Die Leiden einer Barkeeperin an der Olma

Von Lara Abderhalden
Trotz nerviger Gäste hält Lara wacker die Stellung.
Trotz nerviger Gäste hält Lara wacker die Stellung. © FM1Today
An der Olma in einem pumpenvollen Partyzelt zu arbeiten, ist nicht immer ganz so lustig, wie man sich das vorstellt. Lara Abderhalden schildert ihre Erfahrungen.

«Warum? Warum mache ich das?», frage ich mich zum zehntausendsten Mal und schlängle mich mit einer vollen Kiste Vodka durch eine dampfende Meute betrunkener und testosterongeladener Halle-4/5-Opfer. Immer wieder hakt sich ein Arm in meinen und begleitet mich schunkelnd ein Stück weit, ein anderer stellt sich mir in den Weg und findet es saulustig, immer dorthin zu stehen, wo ich gerne durchlaufen würde. Haha, habe schon lange nicht mehr so gelacht.

«Machsch Grupperabatt, Schätzli»

Ich habe die unglaubliche Ehre, an der Olma hinter der Bar zu arbeiten. Und in so einer Nacht bekommt man, im Vergleich zum Publikum vor der Bar, einen Haufen mit. Da wäre zum Beispiel der Typ Fünftliga-Hobby-Fussballer. Dieser kommt am Montagabend mit seiner elfköpfigen Mannschaft und bestellt fünf Vodka Red Bull: «80 Franke», sage ich, worauf mich der betrunkene, leicht schielende Typ anstarrt und eine 50er Note in die Hand drückt: «Passt so», sagt er. «Ähm nein, da fehlen noch 30 Stutz», sage ich. Der Angesprochene grinst, beugt sich über die Bar, zwinkert mir zu und lallt: «Machsch Grupperabatt, Schätzli.»

Das wird durch kräftiges Gejohle, Schulterklopfen und High Fives seiner Mannschaftskollegen als unglaublich lustiger «Gspass» aufgenommen, lässt mich aber gekünstelt lächeln und wiederholen, was ich soeben gesagt habe: «30 Stutz bitte noch.» Sichtlich verärgert reicht er mir das Geld und sagt: «Nögscht mol denn», wieder mit diesem Zwinkern. Ich könnte mich übergeben. Das übernimmt aber gleich eine kleine Blondine. Mitten über die Bar rein in das frisch zubereitete Mineralwasser. Da sagt noch einer, ein Mineral habe keine Kalorien.

«Ich knutsche, also bin ich»

Einer meiner Lieblinge ist aber der «Fang mich doch»-Schieler. Keine zwei Millimeter weit sieht er aus den Augen und bestellt zwei Appenzeller. «Zwölf Franken», sage ich ihm, worauf er das Geld aus dem Portemonnaie klaubt. Hat der Alkoholgehalt im Blut einen gewissen Grad überschritten, dauert dieser Akt mindestens fünf Minuten. Hat der Mann sehr viel Münz im Portemonnaie, multipliziert sich der Zeitfaktor immens und droht meinen Geduldsfaden zu reissen. Macht man aus dem Bezahlen ein Spiel, wie Typ «Fang mich doch», wackelt und rüttelt es ganz schön an meiner Toggenburger Gelassenheit. Immer, wenn ich nach dem Geld in seiner Hand greifen will, zieht er es wieder weg. Nachdem das ungefähr zehn Runden so geht, schnappe ich die beiden Appenzeller und kippe sie selbst. So geht das!

Was ich auch unglaublich schön finde, ist, wenn zwei Menschen sich an der Olma finden und lieben. Nein, wirklich! Nur, müssen sie das an der Bar tun? Nach dem Motto «Ich knutsche, also bin ich», bestellen die beiden zwei Sex on the Beach. Fünf Minuten später stehe ich mit den Getränken vor ihnen, räuspere mich nun schon zum 17. Mal und sage: «32 Franke». Zehn Minuten später hat sich an der Situation noch nicht viel verändert, nur dass die Hand des Mannes nun von der einen Backe am Kopf zu derjenigen am Po gewandert ist und die beiden womöglich mittlerweile zu 50 Prozent aus dem Speichel des jeweils anderen bestehen. Erneut schreie ich, dieses Mal direkt ins Ohr: «32 Franke», endlich werde ich erhört, nur beginnt jetzt der Streit, wer den Sex im Glas bezahlt. Aaaaaaaaaaaah!

«Laraaaaaaaaaaaaa»

Es gibt aber auch nette Leute, dachte ich zumindest. Diejenigen, die sagen: «Hey, dich kenne ich doch? Wie heisst du schon wieder?» Erfreut, unter den rot unterlaufenen Schlitzaugen endlich ein bekanntes Gesicht zu sehen, schreie ich im Takt von «Atemlos» meinen Namen. Ein Fehler. Ein sehr verhängnisvoller Fehler. Wie sich später herausstellt, kennt dieser Typ meinen Namen keinesfalls, nutzt ihn aber, um mich immer wieder zu sich zu dirigieren, damit er seine Bestellung aufgeben kann. Und nach der siebten Runde Gin Tonic weiss die ganze Belegschaft, dass ich «Laraaaaaaaaaaaaaaa» heisse und blöderweise seit meiner Geburt auf den Namen höre.

Männerliebe

Einige Gesellen können sich aber weder den Namen, noch sonst irgendetwas mehr merken. Die einzige Stütze in deren Leben ist der Bierbecher, an dem sie sich mit beiden Händen festhalten oder der Kollege im Fussballverein, den sie schon zum 700. Mal umarmen und ihm ins Ohr schreien, wie fest sie ihn mögen und dass er wirklich «ein vo de Guete» ist.

Es ist fünf vor elf. Der letzte Song läuft: «Die immer lacht», welch Zufall, denke ich lächelnd. Kippe ein letztes Mal den Bierbecher und lasse die gelbe Brühe vom Zapfen in den Becher fliessen. Ich stelle den Becher vor den Kollegen des FC Möchtegern, sage «acht Franke» und nehme kopfschüttelnd, aber ohne Kommentar den Fünfliber entgegen. «Danke für nüt!»

Aber es ist mir egal. Resignation ist an die Stelle der Enervierung getreten und ich nehme kaum mehr wahr, wie die schreienden Menschen versuchen, erneut ihre Bestellungen abzugeben. «Es gibt nichts mehr», diesen Satz auszusprechen, fühlt sich an, als würde ich jemandem mitteilen, dass ich gerade Millionärin geworden wäre. Und während die letzten Besucher torkelnd von den Securitas heraus geführt werden, stehe ich aus tiefstem Herzen lächelnd da und denke ein klein bisschen schadenfroh: «Liebe Freunde, morgen früh werdet ihr diejenigen sein, die sich fragen: Warum? Warum mache ich das?»


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