«Die Leute haben Tränen in den Augen»

Nicole und Bernhard Knechtle vor «ihrem» Berggasthaus Äscher
Nicole und Bernhard Knechtle vor «ihrem» Berggasthaus Äscher © Tagblatt/Raphael Rohner
Am Sonntag serviert das Wirtepaar Knechtle ihre letzte Rösti. Nach fünf Jahren im Berggasthaus Äscher ist Schluss, die Familientradition wird nicht weitergeführt. Ein emotionaler Moment für Bernhard und Nicole Knechtle.

Dächlikappe, breites Grinsen, die Hand ist zum Peace-Zeichen geformt. Im Hintergrund thront das halbe Haus aus dem Berg. Ein halbes Haus, das unterdessen um die ganze Welt ging. Diesen Sommer gab es mehr Selfies vor dem Äscher als Mücken in einer lauen Nacht. Dank eines Berichts in der Reisezeitschrift «National Geographic» wurden der Äscher und das Berggasthaus regelrecht überrannt. Ein strenger aber würdiger Abschluss für das Wirtepaar.

Ein Abschluss und ein Neuanfang

Bereits seit 31 Jahren führt die Familie Knechtle das Berggasthaus Äscher. Bernhard Knechtle ist im halben Haus aufgewachsen. «Dass wir aufhören, nimmt vor allem meinen Vater mit.» Die Eltern hätten alles aufgebaut. Beispielsweise eine Stammkundschaft, die sie weiterführen und ausbauen konnten, sagt Knechtle zum SRF. «Viele Leute kamen in letzter Zeit, um sich zu verabschieden. Viele davon mit Tränen in den Augen.» Und auch seine Frau Nicole pflichtet bei: «Es ist emotional, aber wir waren in den letzten Tagen so in unserem Trott, dass wir gar nicht wirklich Zeit dafür hatten. Das kommt dann, wenn Ruhe eingekehrt ist.» Es sei ein Abschluss und ein Neuanfang, resümiert Knechtle.

«Hier oben hast du nur Arbeit»

Die schöne Aussicht auf das Nebelmeer, das herrliche Bergpanorama und die klaren Nächte. Was nach einem Traumjob am Berg tönt, ist pickelharte Arbeit. Bernhard und Nicole Knechtle arbeiteten Sommer für Sommer sieben Tage die Woche. Oftmals von morgens um sechs bis abends um zehn Uhr. «Hier oben hast du nur Arbeit», so Knechtle im SRF-Interview. «Viel Freizeit gibt dir niemand.» Aber sie genossen die Zeit mit der Familie, die könne man sich «selbst rausnehmen». Und man sehe jeden Tag neue Leute, das sei klar ein Vorteil dieses Berufs. «Wir haben hier oben alles erlebt, unsere drei Kinder durften hier aufwachsen und wir haben daneben diesen Betrieb geführt.» Eine sehr schöne Zeit, die nun zu Ende gehe, gibt sich Bernhard Knechtle wehmütig.

Das Berggasthaus Äscher-Wildkirchli in der Felswand unterhalb der Ebenalp bei Weissbad im Kanton Appenzell Innerrhoden

Wunderschönes Panorama: Das Berggasthaus Äscher-Wildkirchli in der Felswand unterhalb der Ebenalp (Bild: keystone)

Ein Glas Appenzeller hilft

Wer Sommer für Sommer zusammen auf engstem Raum zusammenarbeitet, der braucht teilweise starke Nerven. Aber schon bei seinen Eltern früher sei Hand in Hand gearbeitet worden und der Vater helfe jetzt noch in der Küche mit. Klar gebe es manchmal Meinungsverschiedenheiten, aber «me muess halt schwätze metenand». Am besten sei das am Abend bei einem Glas Appenzeller gegangen, erinnert sich Knechtle.

Wie weiter?

Der Appenzeller, die strengen Tage, die Aussicht, die Touristen – all das gehört ab Sonntag für Bernhard und Nicole Knechtle der Vergangenheit an. Da das Wirten immer anstrengender wurde und die Infrastruktur des Äscher nicht mit den vielen Besuchern mithalten konnte, mussten sie die Reissleine ziehen. Und haben dabei natürlicherweise auch an ihre drei Kinder gedacht. «Sie freuen sich, wenn Mama und Papa bald wieder mehr Zeit für sie haben», sagt Nicole Knechtle gegenüber SRF. Aber trotzdem sei das letzte Mal mit den Kindern ins Tal fahren auch für diese etwas Spezielles. «Sie haben bereits gefragt, ob sie ihre Spielsachen alle mitnehmen müssen.» Wie es weiter geht, will das Ehepaar dann im Januar entscheiden. Sie seien noch nicht aktiv auf der Suche nach etwas Neuem. Zuerst wollen sie ihre letzte Saison gut abschliessen. «Anfangen ist schwer, aber aufhören noch viel schwerer», so Bernhard Knechtle.

(dac)

 


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