«Die Nostalgie ging verloren»

Von Krisztina Scherrer
Louis Jäckli erinnert sich gerne an seine Zeit bei den SBB zurück.
Louis Jäckli erinnert sich gerne an seine Zeit bei den SBB zurück. © FM1Today/Krisztina Scherrer
Louis Jäckli aus St.Margrethen nimmt uns mit auf eine Zeitreise. In eine Zeit, als an einem Bahnhof noch dutzende Arbeiter der SBB beschäftigt waren und man ungeduldigen Passanten die Zugbarriere nochmals raufgelassen hat.

«Plötzlich war ich überflüssig», sagt Louis Jäckli. Der 76-Jährige hat 40 Jahre lang am Bahnhof St.Margrethen gearbeitet. Als dieser umgebaut wurde, brauchte es Jäckli nicht mehr. Die heutigen kleinen Bahnhöfe gefallen dem Pensionär nicht. Sie sind ihm zu leblos.

«Die SBB war mein Wunsch»

Louis Jäckli ist ein kleiner Mann mit aufmerksamem Blick, freundlichem Gesicht und einem schallendem Lachen. Auf seinem Esszimmertisch liegen Fotos von früher. Mit 19 Jahren hat Jäckli mit seiner Arbeit am Bahnhof St.Margrethen angefangen. «Es war immer mein Wunsch, zu den SBB zu gehen», sagt er. Seine Augen leuchten, wenn er die Bilder anschaut.

Von Hand bediente Bodenweichen

«Zuerst habe ich im Güterschuppen gearbeitet und war für die Umladung der Güter zuständig.» Nach acht Jahren hat er in die Gepäck-Abteilung gewechselt. Schlussendlich war er Rangierer: «Ich musste Züge zusammenstellen, kuppeln, abhängen und den Lokwechsel machen. Wir hatten noch die alten Bodenweichen, die ich von Hand bedienen musste.»

Pünktlich und anständig

«Bei den SBB konnte man richtig gut ‹fürschi› machen. Wenn man hart gearbeitet hat, ist man in eine andere Lohnklasse gekommen und konnte gut aufsteigen», sagt Jäckli. Es habe ihm geholfen, dass er immer pünktlich und anständig war.

«Es ist nicht mehr schön am Bahnhof»

Nach dem Bahnhofsumbau 1996 hat sich für Louis Jäckli alles geändert: «Die verschiedenen Posten wurden nicht mehr benötigt.» Die letzten fünf Jahre vor seiner Pensionierung war er beim Gepäck tätig, bis auch diese Arbeitsstelle abgeschafft wurde. «Es ist nicht mehr so schön am Bahnhof. Als ich 1961 angefangen habe, waren wir 80 bis 90 Angestellte – heute ist es leer. Die Nostalgie ist verloren gegangen, weil jetzt alles automatisiert ist.»

«Hopp, Hopp»

40 Jahre lang war Louis Jäckli der «Mann für alles» am Bahnhof St.Margrethen. Eine Bewohnerin kann sich gut an Jäckli erinnern: «Louis war zu allen, egal ob klein oder gross, sehr freundlich. Ich weiss noch, wie er die Barriere nochmals raufgelassen hat, wenn jemand noch rasch über die Gleise musste – er hat dann immer ‹Hopp, hopp› gerufen.» Auch das ist heute unvorstellbar.

Viel «Glatts» erlebt

Schöne Erinnerungen hat auch Louis Jäckli an seine Zeit am St.Margrether Bahnhof: «Ich habe viel ‹Glatts› erlebt. Einmal musste ich einen Wagen abhängen und pressieren. Dann hat mir ein kleiner Junge zugeschaut und gefragt, weshalb ich so grimmig schaue – dann musste ich laut lachen und der Bub hat mich angestrahlt.»

Kein Skirennen verpasst

Heute sieht man den 76-Jährigen viel auf seinem Velo durch das Dorf fahren. Er winkt immer fröhlich und hat einen Spruch auf den Lippen. Zu seinen grössten Hobbys zählt das Skifahren: «Ich war früher im Eisenbahner-Sportverband und bin 33 Jahre lang immer zu den Skirennen gegangen, ausserdem bin ich im Skiclub St.Margrethen.»

Die Freude an den Zügen ist ihm nie vergangen: «Manchmal setze ich mich einfach in den Zug und reise durch die Schweiz.» Diese Liebe kann ihm niemand wegnehmen.

FM1Today hat Louis Jäckli im Rahmen der Serie «Die Letzten ihrer Art» besucht. Während des Dezembers werden weitere Persönlichkeiten, welche die letzten in ihrem Handwerk sind oder einen speziellen Beruf ausüben, vorgestellt. Alle Porträts im Überblick gibt es hier.


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