Die Welt zu Gast bei einer 89-Jährigen

Irma Ionescu führt seit fast 20 Jahren ein Bed and Breakfast in St.Gallen.
Irma Ionescu führt seit fast 20 Jahren ein Bed and Breakfast in St.Gallen. © FM1Today/Tobias Bruggmann
Es gibt Rentner, die Falschparker aufschreiben, an der Kasse das Kleingeld zusammensuchen oder den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Und es gibt Rentner wie Irma Ionescu. Sie führt mit 89 Jahren ein Bed and Breakfast in St.Gallen.

Die kunterbunten Blumen, die auf dem Salontisch stehen, sind noch frisch. Am Sonntag hatte Irma Ionescu Geburtstag. 89 Jahre jung ist sie geworden. Das Haus war voll, mit Familie und Freunden hat sie gefeiert. Doch im Haus waren auch noch andere Gäste: Ionescu führt ein Bed and Breakfast in St.Gallen und beherbergt dort Gäste aus aller Welt.

«Ich habe gerne Leute um mich herum, sie geben mir Lebensfreude», sagt Ionescu mit klarer und überzeugter Stimme. Für sie ist es deshalb auch selbstverständlich, dass das Frühstück in der eigenen Küche serviert wird. «Wir sitzen dann alle zusammen, reden über Gott und die Welt und danach gehen alle wieder ihren eigenen Weg.»

«Airbnb frisst alles weg»

Begonnen hat das Bed-and-Breakfast-Abenteuer vor fast 20 Jahren, als Ionescu 71 war. Damals war sie die erste, die in St.Gallen eine solche Übernachtungsmöglichkeit angeboten hat. Dementsprechend unkonventionell suchte sie ihre Gäste. «Ich habe bei der Universität angefragt und den Studenten einen guten Preis gemacht.» Noch heute beherbergt sie viele Studenten, meistens Austauschstudenten aus fernen Ländern. Sie bezahlen 50 Franken pro Nacht, andere 10 Franken mehr. Auch viele Touristen oder Temporärarbeiter finden bei ihr ein Bett. Im Moment ist das Haus voll, doch: «Airbnb frisst alles weg. Aber auch das ist okay», sagt Ionescu ruhig.

Das Bed and Breakfast Orion muss sich gegen Airbnb behaupten. (Bild: FM1Today/Tobias Bruggmann)

Dass ihre Kundschaft einiges jünger ist, stört sie nicht. «Ich mag die jungen Leute, sie sind lebendig und stecken mich damit an.» Dazu sei sie sich den Rummel gewohnt, hat Ionescu doch fünf Kinder.

«Im Notfall mit den Händen sprechen»

Das Telefon klingelt. Mühelos wechselt Ionescu von Deutsch über Englisch ins Französische. Darauf angesprochen lacht sie: «Naja, Englisch spreche ich nicht so gut. Vielleicht sollte ich das noch lernen.» Die Verständigung sei aber noch nie ein grosses Problem gewesen. «Im Notfall kann man mit den Händen sprechen.»

Und das Französisch bereitet ihr erst recht keine Probleme: Ionescu, in Uzwil aufgewachsen, hat lange in Paris gelebt und dort als Schneiderin gearbeitet. In die Schweiz kehrt sie zurück, als sie sonst den französischen Pass hätte annehmen müssen. Das wollte sie nicht, packte ihre fünf Kinder und zog nach Zürich. «Meine Mutter wollte das nicht und rief ständig, ich solle zurück nach Paris gehen.»

Noch heute schneidert Ionescu viel selbst. (Bild: FM1Today/Tobias Bruggmann)

Die Familie blieb in der Limmatstadt, wagte den Neuanfang und gründete eine eigene Nähschule. Doch dann liess die Sehkraft nach, Ionescu konnte nicht mehr als Schneiderin arbeiten. «Das war ein Weltuntergang für mich.» Zum Glück war da noch das Haus der Grossmutter in St.Gallen. Der nächste Neuanfang stand an. Die damals 71-Jährige zog nach St.Gallen und eröffnete ihr Bed and Breakfast.

Selbstgenähte Bettwäsche

Die 89-Jährige, die mittlerweile fast ihre ganze Sehkraft eingebüsst hat, erledigt alle Arbeiten im Betrieb beinahe alleine: empfängt Gäste, putzt die Zimmer und richtet sie wieder her. «Ich habe eine Putzhilfe. Aber die kommt nur vier Stunden in der Woche.» Auch ihre alte Arbeit als Schneiderin kommt ihr ab und an zugute: «Wenn es nach Weihnachten wieder ruhiger wird, muss ich neue Leintücher nähen.»

Viel Zeit für andere Beschäftigungen bleibt da nicht. Doch einen fixen Termin hat Ionescu, die sich selbst als topfit bezeichnet: Jeden Montag fährt sie mit dem Zug nach Zürich zum Turnen. «Die Leiterin dort macht es sehr gut. Und sie ist 94 Jahre alt.»


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