E-Mail an Flows Powers

Diese E-Mail schrieb Sascha im Namen des Grabenhalle-Kollektivs an Rapper Flows Powers:

Hallo …….

Ich hab dich versucht zu erreichen, um mit dir telefonisch darüber zu sprechen und dich über dieses Schreiben hier zu informieren. Leider hat’s nicht geklappt, aber vielleicht hast du mein Mail gesehen, wo ich dich «vorgewarnt» habe. Wie du weisst, steht die Grabenhalle grundsätzlich allen Veranstaltenden, aber auch allen KünstlerInnen offen, die das Manifest der Grabenhalle anerkennen und respektieren. Dieses bezieht sich in seiner Haltung zu einem Teil auch auf grundsätzliche Werte, welche die Stadt und der Kanton St.Gallen als Subventionsgeber der Grabenhalle vertritt. So lehnt die Grabenhalle sexistische, rassistische, aber auch gewaltverherrlichende Inhalte ab und distanziert sich entschieden davon.

Mit Bezug auf dieses Manifest hat die Grabenhalle entschieden, dem Künstler Flows Powers einen Auftritt in der Grabenhalle, konkret: als Vorband des Rappers Azad, zu untersagen. Wir begründen dies wie folgt:

Durch fast sämtliche Texte des St.Galler Rappers ziehen sich frauenverachtende, sexistische und gewaltverherrlichende Inhalte. Diese reichen von einfachen Ausdrücken bis hin zu konkreten Gewaltphantasien. Durch sämtliche Texte zieht sich das Bild der Frau als verfügbarem sexualisiertem Objekt, als «Bitch», als «Schlampe», und dem Mann als starkes, Gewalt ausübendes Subjekt, dem die Frauen unterlegen und unterworfen sind. Ein solch selbstherrlicher Machismus, möge er sich noch so ironisch geben, ist uns fremd.

In einem Interview mit SaitenOnline bezeichnet Flows Powers seinen Rap als «extrem direkt, extrem ignorant und klar humoristisch». Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass gerade Battle-Rap häufig von Überzeichnung und Provokation lebt. In der Menge der Aussagen, aber auch in ihrer verbalen Brutalität wurde jedoch ein Mass
überschritten, dass wir in dieser Form nicht mittragen möchten und werden. Einem Humor, der nach unten tritt, der sich über Homosexualität, über Frauen, Gewalt an Frauen, an transgender Personen lustig macht, möchten wir keine Bühne bieten. Eine Persiflage verliert dann seine Wirkung, wenn man sie dem Künstler, der sie benutzt,
nicht mehr abnimmt.

Es gibt durchaus KünstlerInnen, die das Stilmittel der Provokation und Persiflage bewusst einsetzen, um auf konkrete Missstände, wie beispielsweise sexualisierte Gewalt gegen Frauen, aufmerksam zu machen. Bei Flows Powers erkennen wir jedoch nicht auch nur den Hauch an Absicht, sich kritisch mit Sexismus, Homophobie, Gewaltverherrlichung oder anderen Formen der Diskriminierung und Herabwürdigung auseinanderzusetzen. Im Gegenteil: In zahlreichen Fällen wird Engagement für die Rechte von Frauen lächerlich gemacht. Das ist nicht in unserem Sinne.

Und nur mal angenommen, die Aussagen wären wirklich alle ironische und persifliert, was uns schwer fällt, zu glauben: Auch dann reproduzieren sie noch extrem gewaltförmige und diskriminierende Bilder und Aussagen, denen wir keine Plattform bieten wollen.

Uns geht es nicht im Geringsten darum, Kunst zu zensieren oder die Meinungsfreiheit zu beschränken (auch wenn wir mit diesem Vorwurf rechnen). Wir erachten die Freiheit der Kunst als hohes Gut. Wir glauben auch nicht, dass Verbote das einzige Mittel sind, sich gegen Sexismus und gewaltverherrlichende Strukturen zu wehren. Wichtiger als Dinge zu verbieten, ist es uns, grundsätzliche Debatten darüber anzustossen, wie Gleichberechtigung zwischen allen Geschlechtern erreicht werden kann, wie wir uns gemeinsam gegen Diskriminierung und Herabwürdigung wehren können. Auch geht es nicht darum, dass wir als Grabenhalle jemandem verbieten wollen, Dinge zu sagen oder zu singen. Was wir jedoch nicht wollen ist, sexistischen Inhalten eine Bühne bieten. Flows Powers hat mit seinen Songs eine rote Linie überschritten, die für uns die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und klar diskriminierenden Texten darstellt. Meinungsfreiheit, auch in der Kunst, hört da auf, wo sie verletzt, diskriminiert, Menschen herabsetzt. Die Texte von Powers tun all dies in einer erschreckenden Selbstverständlichkeit, die man mit dem plumpen Verweis auf «Humor» und «Ironie» zu wenig ernst nähme.

Ab wann ein Künstler oder eine Künstlerin problematische Inhalte vertreten, kann nie nach allgemeingültigen Kriterien beurteilt werden, sondern ist stets Aushandlungssache der Betriebsgruppe der Grabenhalle. Relevant ist für uns jedoch stets, ob es sich um einzelne, zu einem gewissen Grad isolierte Aussagen oder Begriffe handelt, oder ob diskriminierende Aussagen sich konzeptuell durch die Lieder eines Künstlers, einer Künstlerin ziehen.

Gerade auch als städtisch subventionierte Institution sehen wir unsere Rolle auch darin, Jugendliche, die bei uns ein- und ausgehen, für das Thema Gleichberechtigung und Diskriminierung zu sensibilisieren. In diesem Sinne ist auch unsere aktuelle Kampagne zu verstehen. Unter dem Slogan «No means No» möchten wir unser Publikum, aber auch unsere Mitarbeiter*innen für sexistische Übergriffe im Nachtleben sensibilisieren und ein Zeichen gegen Sexismus setzen. Auch im Namen dieser Kampagne können und möchten wir dem Künstler Flows Powers keine Bühne bieten.

Hier eine unvollständige Auflistung einiger für uns äusserst problematischer Passagen und Aussagen:
– «denn klatschi bitches mit de handflächi vode tanzflächi, tight wie ihres arschlöchli»
– «sprech bitches ah (..) i will nume eis, bitches an äss grabsche»
– «well die biatch alles mit sich mache loht»
– «Ellei scho über Sexismus i raptext z’rede sött dezue füehre dass mer ufem Dorfplatz öffentlich uspeitscht wird, de Post do isch eigentlich au scho grenzwertig» #werkunstzensierewillchagradsoguetmitnazisbüecherverbrenne
– «mir wixed uf dini fründin»
-« i fühl de scheiss nöd wiene beschnitteni bitch»
– «well du de sohn vo paar vättere bisch, chasch devo usgo, dass i der e paar flettere gib. well i han homophobie, i lohnen in arsch figge biser seit, dasser kein homo me wött si»
– «i find, dasser stock schwul sind.»
– «wiiiterlaufe, fraue belästige, di geile bitches, aber au di hässliche»
– «er isch liecht behindert, well während de schwangerschaft het sini mueter gsoffe.»
– «Bim aablick vo dere gottverfluechte schwuchtle werded sogar homosexuelli homphob.»
– «und srf Virus 3 mol am Tag Transgender Propaganda uf ihrer Facebook Site bringt.»
– «Du wirsch gfickt wiene Schlampe»
– «mir mached ethnischi süberig»
– «bang die hoes und sprütz id rosette und gib währendesse paar füst id fresse»
– «Drumm stinkt sie noch schwanz wennt si küssisch»
– «während i ihre id fresse wixe!»
– «sie seit nei, aber i machs glich.»

Es tut mir leid, dir diesen Entscheid mitteilen zu müssen und hoffe auf dein Verständnis.

Vielen Dank und beste Grüsse
Betriebsgruppe Grabenhalle
i. V. Sascha


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