Eine Portion Talent für die Formel 1

Einer der drei Neulinge in der Formel 1: Lando Norris
Einer der drei Neulinge in der Formel 1: Lando Norris © KEYSTONE/EPA AAP/JAMES ROSS
Der Nachwuchs macht in der Formel 1 mobil. Am Sonntag bestreiten gleich drei junge Fahrer zum ersten Mal einen Grand Prix. Nicht selten hat der Entscheid, in der Formel 1 auf junge Fahrer zu setzen, Unverständnis und Skepsis ausgelöst.

Peter Sauber hatte sich einst bei der Verpflichtung von Kimi Räikkönen sogar anhören müssen, verantwortungslos zu handeln. Kritische Voten sind mittlerweile keine mehr zu hören. Die Talente werden kontinuierlich an ihre Aufgabe herangeführt. Nachwuchsakademien garantieren eine perfekte Vorbereitung.

George Russell und Lando Norris gehören zu jenen, die bis zuletzt von der teaminternen Schulung profitiert haben. Die zwei Engländer und ihr Landsmann Alexander Albon sind die drei Herren, die sich fortan Formel-1-Fahrer nennen dürfen. Konkurrenten sind sie schon lange, gemeinsam haben sie nun den grossen Karriereschritt vollzogen, zusammen hatten sie der vergangenen Formel-2-Saison den Stempel aufgedrückt. Der seit zwei Jahren von Mercedes geförderte Russell sicherte sich den Meistertitel vor Norris, der dem Nachwuchsprogramm von McLaren entspringt, und Albon. Die Formel 1 erhält eine grosse Portion zusätzliches Talent.

Der 21-jährige Russell, nunmehr in Diensten des Teams Williams, und der zwei Jahre jüngere Norris, von McLaren zum Formel-1-Fahrer befördert, sind die aktuell grössten Zukunftshoffnungen im britischen Automobilrennsport. Ihr Aufstieg war ein erwarteter und logischer Schritt.

Überraschender war, dass die Wahl der Verantwortlichen von Toro Rosso auf den bald 23-jährigen Alexander Albon fiel. Der Sohn eines Engländers und einer Thailänderin war Ende September als Teamkollege von Sébastien Buemi in der Formel E präsentiert, zwei Monate später aber als zukünftiger Formel-1-Fahrer angekündigt worden. Mit der Rennorganisation von Red Bull, zu der Toro Rosso gehört, war Albon in seiner Jugendzeit schon einmal verbunden gewesen, hatte seinen Status als förderungswürdiger Fahrer vor sieben Jahren jedoch eingebüsst.

Aber Albon biss sich durch. Finanziell kam er dank der Unterstützung seines Managements und seiner Familie über die Runden. Er kämpfte um seine Karriere. Der Durchbruch in der vergangenen Saison war der Lohn für seinen Durchhaltewillen. Dank seinen Leistungen in der Formel 2 war er im Nachwuchsbereich wieder ein Faktor geworden.

Den Arbeitsplatz bei Toro Rosso verdankt Albon womöglich auch seiner Herkunft. Als «halber» Thailänder ist er für Südostasien ein idealer Botschafter der Marke Red Bull, die zu 51 Prozent im Besitz der Familie Yoovidhya aus Thailand ist. Die restlichen Anteile hält der besser bekannte Österreicher Dietrich Mateschitz. Dass Albon unter thailändischer Flagge fährt, kommt der Marketing-Abteilung des Konzerns selbstredend gelegen.

Russells Aufstieg zum Formel-1-Fahrer war trotz hoher Begabung kein Selbstläufer. Es brauchte Eigeninitiative, um mit Mercedes eine erste Verbindung herzustellen. Ende 2014, während GP3-Testfahrten in Abu Dhabi, sandte er ein E-Mail an Toto Wolff – und erhielt prompt Antwort. Zwei Wochen später sass er im Büro des Chefs des Formel-1-Teams. Der Österreicher riet Russell, die folgende Formel-3-Meisterschaft in der von Mercedes mit Motoren belieferten deutschen Equipe Mücke zu bestreiten. Doch Russell entschied sich für das britische Team Carlin mit Partner Volkswagen.

Nach jener Saison schien Russells Karriere eine noch grössere Wendung zu nehmen. BMW trat auf den Plan. Die Bayern unterbreiteten ihm ein lukratives Angebot für ein Engagement in der DTM. Für 2016 garantierten sie ihm die Rolle des Ersatzfahrers und zwei Renneinsätze, für 2017 ein Cockpit als Stammfahrer. Russell schien seinen sportlichen Weg gefunden zu haben. Die Formel 1 und Mercedes waren zu jenem Zeitpunkt weit weg.

Doch die neuerliche Wende folgte auf dem Fuss. Gwen Lagrue, der Russell schon als Kart-Fahrer unterstützt hatte und mittlerweile bei Mercedes als Verantwortlicher des Entwicklungsprogramms für junge Fahrer tätig war, arrangierte für den Youngster einen Testtag am Simulator. Russell überzeugte, die Aufnahme in die von Lagrue noch heute geleitete Fördergruppe war perfekt.

Um einiges gradliniger verlief bisher die Karriere von Lando Norris. Seit seinem Übertritt aus dem Kart-Bereich vor vier Jahren stand für ihn immer der Formelsport im Mittelpunkt. Eine Konstante ist seit jeher seine hohe Erfolgsquote. Norris reihte Sieg an Sieg und Titel an Titel – bis er sich im vergangenen Jahr in der Formel 2 Russell geschlagen geben musste.

Norris hätte es wohl auch ohne seine überragende sportliche Bilanz in die Formel 1 geschafft. Für seinen Vater wäre es ein Leichtes gewesen, sich bei einem Team einzukaufen. Adam Norris, der als Manager von Pensionskassen-Fonds viel Geld verdient hat und nunmehr im Finanzbereich tätig ist, hätte es sich leisten können. Sein Vermögen wird auf umgerechnet 250 Millionen Franken geschätzt.

Der Filius kann auf finanzielle Mitgift getrost verzichten. Der Hochbegabte zahlt in anderer Währung. Mit Leistung.

(SDA)


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