Er ist der einzige Teenager seines Dorfs

Von Krisztina Scherrer
Enjo Schnellmann auf dem Walensee.
Enjo Schnellmann auf dem Walensee. © zVg
Enjo ist der einzige männliche Jugendliche, der in Quinten lebt. Das Dörfchen am Walensee ist nur mit dem Schiff oder zu Fuss erreichbar und der Altersdurchschnitt der 38 Einwohner liegt bei 56 Jahren. Er erzählt, wie es ist, dort aufzuwachsen.

Der Wind saust durch die Haare und das Wasser fügt sich dem Schiff, das über den Walensee fährt. Von Murg aus geht es nach Quinten, dem idyllischen Dörfchen, das nur mit dem Schiff oder zu Fuss erreichbar ist. Ein paar verstreute Häuser, Wege, die sich drum herum schlängeln und Reben, die am Hang wachsen – die Ortschaft ist eine wahre Perle. Zahlreiche Touristen, die wandern gehen und dort verweilen, bestätigen das.

Was für andere ein Wander- oder Ausflugsziel ist, ist Enjo Schnellmanns täglicher Weg in die Schule. Der 15-jährige Teenager lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Quinten und hat in Murg den Kindergarten und in Unterterzen die Schule besucht. Mittlerweile geht er in der Kanti Sargans zur Schule. «Für meinen jetzigen Schulweg brauche ich eineinhalb Stunden», sagt Enjo.

Quinten will junge Menschen anlocken

In Quinten leben 38 Menschen, das Durchschnittsalter liegt bei 56 Jahren. Der älteste Einwohner ist 86 Jahre alt, der jüngste zehn. «Quinten hat ein Problem, das Überalterung heisst», sagt Hanspeter Stüssy, Gründer der Stiftung «Quinten lebt».

Die Stiftung gibt es seit drei Jahren und sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Wohnraum und Arbeitsplätze für junge Menschen in Quinten zu schaffen und gegen die schlechten öV-Anbindungen vorzugehen. Ein Bed & Breakfast mit einer Beiz und Wohnungen soll junge Leute nach Quinten locken. «Die Wohnungen werden wir nur an junge Leute, wenn möglich mit Familie, vermieten. Dafür braucht es aber zwingend eine bessere Verbindung», so Stüssy. Im Sommer fährt das letzte Schiff um 22 Uhr und im Winter sogar schon um 21 Uhr nach Quinten.

«Es fällt keiner jungen Familie ein, schon um 21 Uhr ins Bett zu gehen. Man kann weder in den Turnverein, noch jassen gehen oder politisch aktiv sein», sagt Stüssy. Nur wenn man ein eigenes Schiff habe, sei dies möglich. «Das ist schwierig, wegen der Anlegeplätze und weil Schiffe teuer sind.»

Bessere Verbindungen machen Quinten attraktiver

Das Problem mit den Verkehrsmitteln kennt Enjo nur allzu gut. «Es ist wirklich nervig, dass man so schlecht nach Quinten und wieder wegkommt. Man kommt zwar mit dem Schiff nach Murg, doch die öV-Anschlüsse von dort aus sind schlecht», sagt Enjo. «Wenn man schneller hin- und wegkommen würde, wäre Quinten um einiges attraktiver.»

Enjo ist einer von drei Teenagern, die in Quinten aufwachsen. Es leben noch zwei Mädchen im Alter von 15 und 17 Jahren im Dörfchen, Enjos 21-jähriger Bruder Janni ist schon weggezogen. Dass in Quinten vor allem ältere Menschen leben, sei ihm bis jetzt nie wirklich negativ aufgefallen: «Jetzt wo ich etwas älter bin, bin ich auch weniger in Quinten und darf oft bei Freunden übernachten.» Seine Freunde kennt er von der Schule und von seinen Freizeitaktivitäten. «Ich habe lange OL gemacht und bin jetzt in der Pfadi Walenstadt.»

In Quinten hat man seine Ruhe

Wenn Enjo mal seine Ruhe möchte, habe er sie in Quinten definitiv: «Das hat seine Vorteile. Auch wenn Freunde von mir vorbeikommen, ist es schön, wenn man mal für sich ist», sagt Enjo. Früher habe er es vermisst, draussen mit Gleichaltrigen Fussballspielen zu können. Seine Freunde hätten aber grosses Verständnis für seine Wohnsituation und seine Eltern würden ihm erlauben, ab und zu mal spät nach Hause zu kommen. «Von dem her ist es sehr angenehm, in Quinten aufzuwachsen.»

Schwierig, junge Leute anzulocken

Die Idee der Stiftung, für eine bessere Verbindung über den See zu kämpfen, um junge Menschen anzulocken, findet Enjo gut: «Ich denke, wenn man die öV-Situation in den Griff bekommt und einmal ein paar junge Menschen nach Quinten ziehen, könnte es funktionieren», sagt Enjo. Solange man sich nicht daran störe, dass man weniger spontan sein könne. «Ich denke, Leute in meinem Alter wollen auch weggehen können – das ist hier einfach schwierig.» Er selber möchte nach seiner Matura studieren gehen. Ob er danach Quinten für immer den Rücken zukehrt, weiss der 15-Jährige noch nicht. «Quinten, St.Gallen oder irgendwo im Ausland, ich weiss noch nicht, wohin es mich nach dem Studium verschlägt.»

«Dorf wird sterben»

«Ohne junge Familien in Quinten wird das Dorf tatsächlich sterben und wir von der Stiftung wollen junge Menschen hierher bringen», sagt Hanspeter Stüssy von der Stiftung «Quinten lebt». Im Herbst soll deshalb der Bau des Bed and Breakfast starten.

Für Enjo ist und bleibt Quinten ein schöner Ort: «Die Aussicht hier ist schön, man findet viele Flecken, wo man was unternehmen kann, und die Nähe zum See gefällt mir besonders gut.»


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