Fake News: Darum haben es Fakten schwer

Der Soziologe Franz Schultheis weiss: Veränderung macht unsere Welt grösser
Der Soziologe Franz Schultheis weiss: Veränderung macht unsere Welt grösser © FM1Today/Dario Cantieni
Im zweiten Teil zum Thema Veränderung sprechen wir mit dem Soziologen Franz Schultheis über die weltpolitische Lage. Über Fake News und über Populismus. Weil viele dafür empfänglicher sind, als für effektive Veränderung. Mit dieser hat auch die Kirche zu kämpfen.

Beim Thema Veränderung ist die Kirche bestimmt nicht an erster Stelle. «Konservative Kräfte stehen dem Fortschritt oft im Weg», sagt FM1-Pfarrerin Charlotte Küng. Dies geschehe aus einem Gemisch verschiedener Ängste. «Die Angst vor Machtverlust ist nur eine davon.» Zudem fällt den vielmals älteren Oberhäuptern der Kirche Veränderung rein psychologisch schwerer. «Da man im Alter viel mehr zu verlieren hat, als noch in jungen Jahren, ist man auch kritischer gegenüber Veränderung. Veränderung könnte nämlich Verschlechterung bedeuten», sagt Soziologe Franz Schultheis von der Universität St.Gallen. Also konkret: Veränderung in Konstrukten der Kirche könnte für diverse Personen Machtverlust bedeuten.

Herr Schultheis, der Mensch hat Angst vor Veränderung. Das hält den Fortschritt oft auf, nicht nur in der Kirche, sondern eben auch in der Politik?
Sehr viele politische Tendenzen heute, wie die populistischen in den USA, in Deutschland oder Frankreich nähren sich von dieser, in der Bevölkerung stark vorhandenen, Angst vor der Zukunft. Sie bauen auf die Menschen, die das Gestrige gegenüber dem Morgen bevorzugen. Somit entstehen konservative Revolutionen, sogenannte reaktionäre Bewegungen, die die Uhr zurückdrehen wollen und in einen Zustand zurückkehren wollen, den sie für besser halten, als die Gegenwart.

Und das ist dann der perfekte Nährboden für Fake News?
Diese Leute scheinen effektiv ein Gehör dafür zu haben und darauf gepolt zu sein, Hiobsbotschaften zu konsumieren. Weil sie sich darin bestätigt fühlen, dass die Befürchtungen, die sie haben, von anderen geteilt werden. Und wenn ich jetzt mit rationalen Erwägungen daherkomme und sage: Moment mal, hier sind Zahlen, die etwas anderes sagen, habe ich bei Weitem nicht die offenen Ohren, die andere mit ihren Hiobsbotschaften haben. Somit wird es ganz schwer, Aufklärung zu betreiben.

Also sind wir wieder beim Thema, das wir letzten Sonntag besprochen haben: Wer Angst vor Veränderung hat und diese nicht selber erfährt, kommt nicht wirklich weiter im Leben?
Richtig. Weil Öffnung wird dann als Gefahr angesehen. «Was kann da alles reinkommen, wenn ich die Tür öffne?» Es wird nicht als Chance gesehen, den eigenen Horizont zu erweitern, sondern nur als einen Gefahrenherd für eindringende, riskante neue Erfahrungen.

Franz Schultheis (Bild: franzschultheis.ch)

 

Franz Schultheis ist ein deutscher Soziologe. Er lehrt als Professor an der Universität St.Gallen. Schultheis studierte an der Universität Freiburg und an der Universität Nancy II, er hat an der Universität Konstanz promoviert, wo er von 1989 bis 1992 Wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent war.

 

Die Radiobeiträge zur Veränderung in der Politik und der Kirche gibt es hier:


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