Gökhan Inler über die Herzensangelegenheit Napoli

Gökhan Inler war Captain von Napoli
Gökhan Inler war Captain von Napoli © KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Gökhan Inler spricht vor der Europacup-Begegnung mit dem FCZ über seine intensive Zeit bei Napoli.

Es geht ihm gut in Istanbul. Gökhan Inler spielt erneut um eine Trophäe. Der Ex-Captain der Schweizer Nationalmannschaft führt mit Basaksehir die türkische Liga an. Am Bosporus schweift er im Telefonat mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA für ein paar Augenblicke vom spannenden Alltag ab; zwei seiner früheren Vereine treffen in der Europa League aufeinander: der FCZ empfängt Napoli.

In Zürich lancierte er mit einer Meister-Doublette seine beeindruckende Karriere, im Süden Italiens prägte der Mittelfeldspieler zwischen 2011 und 2015 die wichtigste Etappe der Società Sportiva Calcio seit ihrem Comeback auf Serie-A-Ebene. An den beispiellosen Empfang nach dem ersten Cupsieg seit 24 Jahren und der goldenen Maradona-Ära erinnert sich Inler im Detail: «Wir wurden am Bahnhof königlich empfangen. Für den knapp eineinhalb Kilometer langen Rückweg benötigten wir über drei Stunden.»

Inler hat in 89 Länderspielen und über 15 Profi-Saisons aussergewöhnlich viel erlebt. Er war in Leicester hautnah dabei, als Wundersames passierte und ein Ensemble von unterschätzten Aussenseitern die beste Champion-Story der Premier-League-Geschichte produzierte. Aber jene rauschende Nacht in Neapel bewegt ihn noch heute: «Es fühlte sich an, als hätten wir die Meisterschaft gewonnen.»

Die Begeisterung in der Millionen-Metropole nahm skurrile Formen an: «Die Fans waren überall – auf Dächern, Strassenlampen und Bäumen.» Fussball ist in italienischen Kreisen nahezu immer eine Herzensangelegenheit, aber Napoli vereinnahmt die Stars. «Sie machen alles für diesen Sport, die Stadt gab mir viel. Im Fussball vergessen die Menschen ihre Sorgen und Ängste», erzählt Inler.

Und die Tifoseria pflegt die Mythen, verehrt alte und auch gefallene Helden. Manchmal bleibt die Zeit im uralten Stadio San Paolo stehen. Diego Maradonas Magie ist kein Klischee, Inler spürte den früheren Superstar an jeder Ecke: «Die Kinder wachsen mit diesem gloriosen Namen auf. Von ihm leben sie noch immer.»

Ab und an taucht Inler wieder ein in den SSC-Kosmos. «Es ist wie ein Heimkommen. Die Anhänger erkennen mich sofort.» Die Berührungspunkte verschwanden nicht, mit aktuellen Klubgrössen wie Marek Hamsik, Dries Mertens oder Kalidou Koulibaly unterhält Inler weiterhin Kontakt. «Als wäre ich erst gestern gegangen.»

Vor dem Duell mit Zürich gibt er keine Prognose ab. In seiner Brust schlagen zwei Herzen. Für den Herausforderer Napolis hält Inler freundliche Worte bereit: “In 180 Minuten kann viel passieren. Mister Ludo (Magnin) macht einen guten Job. Zu Hause haben die Zürcher eine Chance.”

Im Zusammenhang mit der seit Wochen ausverkauften Affiche kommt Inler der 13. Mai 2006 in den Sinn: «Damals hätte uns eine solche Finalissima auch niemand zugetraut. Aber in der Euphorie kann man Grenzen verschieben. Im vollen Letzigrund erwarte ich ein Highlight, das der FCZ geniessen muss – bis zum letzten Tropfen.»

(SDA)


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