Wenn die eigene Mutter fremd wird

Dario Cantieni, 12. Mai 2019, 08:47 Uhr
Beim Spielen mit Bällen werden die grobmotorischen Fähigkeiten trainiert.
Beim Spielen mit Bällen werden die grobmotorischen Fähigkeiten trainiert.
© FM1Today/Dario Cantieni
Sie hat sie zur Welt gebracht. Sie hat sie gross gezogen. Sie hat Demenz. Zum Muttertag erzählt Jolanda wie es ist, wenn die eigene Mutter immer mehr verschwindet. Und in welchen Situationen sie besonders spürbar ist.

Gemütliche Mensa-Atmosphäre, an den Wänden Bilder von bekannten Persönlichkeiten, irgendwo im Hintergrund pfeifft ein Milchschäumer. Wir sitzen in der Cafeteria des Alters- und Pflegeheims Lindenhof in St.Gallen. Der Lindenhof führt hier eine Tagesbetreuung für Menschen mit einer Demenz. Jolanda, die ihren wahren Namen zum Schutz ihrer Mutter nicht im Internet lesen möchte, hängt ihre Jacke über die Stuhllehne und beginnt zu erzählen.

Verdrängen, akzeptieren und viel lachen

Wenn eine ältere Frau hie und da ein Wort vergisst, so macht man sich keine grossen Gedanken darüber. Wenn dies jedoch immer häufiger vorkommt, so wird man doch irgendwann skeptisch. Und lässt die eigene Mutter, unterdessen 84 Jahre alt, abklären. «Damit hatte sie überhaupt kein Problem», sagt Jolanda. «Die grosse Stärke meiner Mutter ist die Kommunikation und so haben wir bereits zu Beginn der Krankheit offen über alles gesprochen.» Auch als bestätigt wurde, dass die Mutter an Demenz erkrankt ist. «Sie hat es nie bestritten. Nie gesagt, dass beispielsweise die Tests falsch waren. Und trotzdem, man verdrängt am Anfang gerne.» Nicht nur die Mutter selbst, auch die Angehörigen. Sich dieser Trauer zu stellen, dem Bewusstsein, dass ein geliebter Mensch sich ein Stück weit verabschiedet, ist ein enorm schwieriger, aber wichtiger Teil im ganzen Prozess. «Es ist der erste Schritt - und den muss man zulassen. Man muss sich die Frage stellen: Wie gehen wir damit um?»

Antworten auf diese Frage findet die Familie oft im Humor. «Meine Mutter lacht gerne und wir lachen viel zusammen.» Über alltägliche Sachen, aber auch über die Krankheit selber. Wenn beispielsweise Jolanda ihrer Mutter Fotos zeigt, die sie schon ein paar Mal gesehen hat. «Sie fragt mich dann: Habe ich diese Fotos nicht schon einmal gesehen? Und ich antworte: Ja, hast du. Aber ich möchte sie auch nochmals anschauen.» Klar, die Mutter wiederholt viele Sachen, spricht gerne über dieselben Themen. Vom Krieg, den sie erlebt hat. Vom Leben mit ihrem Mann, Jolandas Vater. Von ihrer Wohnung, in der sie zusammenleben, wenn sie nicht tagesbetreut wird. «Ich sage dann nicht: Das habe ich schon einmal gehört, sondern überlege mir, was ich ihr neues darauf antworten könnte. Ich muss Ideen haben, über was man mit ihr sprechen könnte, aber sie hat grosses Interesse an allem und freut sich, wenn ich ihr von mir erzähle. Wenn sie mit jemandem spricht, dauert es eine Weile, bis man merkt, dass sie an Demenz erkrankt ist.»

Die guten Momente sehen

Aus solchen Situationen zieht Jolanda viel Stärke. Aus den guten Momenten. Den Momenten, in denen ihre Mutter wieder ganz ihre Mutter ist. So wie früher. «Ich sage auch immer der Familie: Wir müssen sehen, was sie noch kann und nicht das, was nicht mehr geht.» Natürlich gibt es Momente, in denen die Trauer über den «Verlust» eines geliebten Menschen überwiegt. Aber genau dann besinnt sich Jolanda auf das Jetzt. Etwas, das ihre Mutter oftmals vergisst.

Zwei Tage in der Woche verbringt Jolandas Mutter in der Tagesbetreuung im Lindenhof. Wird betreut, beschäftigt und immer mal wieder von ihrer Tochter besucht. Als Jolanda den Raum betritt, scheint die Mutter kurz verwirrt, freut sich im nächsten Moment aber sehr über den Besuch. «Du heute hier? Das ist ja schön.» Dann widmet sie sich wieder dem Gespräch mit ihren Tischnachbarn und Jolanda wechselt ein paar Worte mit Lisa Tralci, Leiterin Tagesbetreuung im Lindenhof. Ihr ist es wichtig, dass die Menschen einer sinnvollen Aufgabe nachgehen können. «Wir produzieren nichts für den Abfall, wir gestalten Dekorationen, pflegen ein Hochbeet oder kochen beispielsweise zusammen. Unser Team orientiert sich am Potenzial der Tagesgäste und nicht an ihren Defiziten.»

Den Menschen ernst nehmen

Wenn Tralci über die Gäste der Tagesbetreuung Lindenhof spricht, so spürt man schnell, sie nimmt jeden einzelnen Menschen ernst. Das sei das A und O. «Wenn jemand beispielsweise erzählt, dass sie auf ihren Mann warte, der schon lange verstorben ist, so wiederspreche ich nicht, sondern sage beispielsweise: Es ist schön, wenn man jemanden hat, auf den man warten kann.» Auf keinen Fall darf man jemandem widersprechen und sagen, dass dies nicht die Realität ist. «Denn für diese Menschen ist es nunmal so, dass sie auf ihren Mann warten oder sich an ihrem alten Arbeitsplatz fühlen.» Die Erinnerung gehe bei den meisten Menschen mit Demenz-Erkrankung zurück in die Kindheit, die Jugend, das junge Erwachsenenalter. Eher selten würden sie über ihre Ehe oder ihre Kinder sprechen, da dies Phase oft schlichtweg kein so grosses Thema sei. «Es kommt punktuell vor, aber am meisten erinnern sie sich an früher.»

Wie weiter?

Eine Frage, die sich Jolanda und ihre zwei Schwestern immer wieder stellen: Wie weiter, wenn der 90-jährige Vater stirbt, der sich aktuell am meisten um die Mutter kümmert? Der sich an fünf Tagen die Woche zurücknimmt, um für seine Frau da zu sein. Der lernen musste, wie er mit der Demenz-Erkrankung umgehen muss. «Meine Mutter kann teils Situationen nicht einordnen und ihn mitten aus dem Schlaf reissen, wenn sie das Gefühl hat, er habe genug geschlafen. Er musste lernen, dass sie dies nicht aus böser Absicht macht, sondern schlicht vergessen hat, dass er jetzt Erholung braucht.»

Trotzdem, die ständige Präsenz des Vaters ist auch belastend für ihn. Und hier schüttelt Jolanda den Kopf, wenn sie von der Krankenkasse erzählt, die für die Erholung des Vaters kein Geld in die Hand nehmen will. «Wenn er beispielsweise ein paar Tage Auszeit braucht und sich diese in einem Wellness-Hotel gönnen will. Dann muss auch meine Mutter irgendwo anders untergebracht werden und dann meint die Krankenkasse, könne mein Vater auch zu Hause bleiben, da er ja dann ohne meine Mutter genug Erholung habe.» Natürlich sieht sich auch Jolanda selber in der Pflicht, sich um ihre Mutter zu kümmern. Das Ringen mit ihr selber ist gross, sie macht sich viele Gedanken zum Thema. «Im Moment muss ich ehrlich sagen, bin ich nicht bereit, mich fast ununterbrochen um meine Mutter zu kümmern. Aber wenn es dann soweit ist, weiss ich selber nicht, wie ich reagieren werde.»

Heute, am Muttertag, werden alle zusammen Zeit mit der Mutter verbringen. Auch wenn sich die Verhältnisse in der Familie verschoben haben. «Meine Mutter hat mich geboren, sah wie ich aufgewachsen bin und musste dann quasi Abschied von mir nehmen. Nun ist das Gegenteil der Fall. Ich sehe meine Mutter, die je länger, je mehr Sachen verliert. Ich muss sie je länger je mehr betreuen.» Und dann wiederholt Jolanda den Satz, der ihr im ganzen Prozess am meisten hilft: «Ich konzentriere mich auf das, was noch ist und nicht auf das, was verloren ging.»

Die Gott und d'Welt-Sendung zum Thema gibt es hier:

"GuW 488 Mutter mit Demenz - BEITRAG 1".

"GuW 488 Mutter mit Demenz - BEITRAG 1".

"GuW 488 Mutter mit Demenz - BEITRAG 2".

"GuW 488 Mutter mit Demenz - BEITRAG 2".

"GuW 488 Mutter mit Demenz - BEITRAG 3".

"GuW 488 Mutter mit Demenz - BEITRAG 3".

Dario Cantieni
veröffentlicht: 12. Mai 2019 08:47
aktualisiert: 12. Mai 2019 08:47