«Ich sehe die Leichen atmen»

Von Lara Abderhalden
Bestattungen sind im realen Leben nicht ganz so wie in der SRF-Serie. (Symbolbild)
Bestattungen sind im realen Leben nicht ganz so wie in der SRF-Serie. (Symbolbild) © iStock
Heute Abend wird die letzte Folge der SRF-Serie «Der Bestatter» ausgestrahlt. Einer, der den Bestatter Luc Conrad regelmässig bei den Ermittlungen vor dem Fernseher beobachtet hat, ist Beat Sacchet. Der Bündner Bestatter spricht über atmende Leichen, veränderte Kundenbedürfnisse und das Tabuthema Tod.

«Ich habe die ersten beiden Staffeln gesehen und finde die Serie sehr unterhaltsam», sagt Beat Sacchet. Es gebe einige Parallelen zum Beruf im realen Leben. «Wie jeder, der seinen Job im Fernsehen sieht, gibt es aber auch Dinge, die ich nur belächeln kann und nicht annähernd so sind im Alltag.» Dass beispielsweise Bestatter um Rat gefragt werden oder als Polizisten ermitteln, komme so natürlich nie vor. Die Serie könne natürlich auch niemals 1:1 zeigen, mit was ein Bestatter konfrontiert ist: «Du kannst keine Wasserleiche oder einen Mann, der durch einen Kopfschuss starb, im Fernsehen zeigen.»

«Meine Frau bekommt beinahe eine Krise»

Häufig würden die «üblichen» altersbedingten Toten gezeigt und diese sieht Beat Sacchet im Fernsehen noch atmen: «Ein Problem, das ich habe, ist, dass ich immer schaue, ob die Leichen atmen und im Fernsehen sehe ich immer wieder, wie der Brustkorb auf und ab geht», sagt der Bündner, der seit acht Jahren als Bestatter in Chur arbeitet. Auch ein feines Blinzeln könne ab und zu entdeckt werden. «Meine Frau neben mir bekommt jeweils beinahe eine Krise und sagt, ich solle mich doch auf die Geschichte konzentrieren, statt zu schauen, ob die Leichen noch atmen.»

Beat Sacchet ist seit acht Jahren Bestatter (Bild: zVg).

Beat Sacchet ist seit acht Jahren Bestatter. (Bild: zVg)

Abgesehen davon findet Beat Sacchet es aber sehr gut, dass es eine Serie gibt, die sich mit dem Thema Tod auseinandersetzt. «Der Tod ist und bleibt ein absolutes Tabuthema. Die Hemmschwelle, darüber zu reden, ist sehr hoch.» Es sei gut, dass das Thema angesprochen werde, denn gestorben werde immer. «Bestattungen sind für viele etwas Traditionelles, Organisatorisches. Man ist froh, wenn sie so schnell wie möglich vorbei sind. Dabei vergessen viele, mit der Trauer umzugehen. Sie verarbeiten den Verlust eines Menschen erst im Nachhinein.»

«90 Prozent der Verstorbenen werden kremiert»

Die Serie vermittle ein bisschen zu wenig die Möglichkeiten, die es bei Bestattungen gibt. «Vieles im Hintergrund wird nicht gezeigt. Beispielsweise die Gespräche über mögliche Bestattungsformen oder Zeitrahmen. Das würde die Serie aber bestimmt sehr lange und langweilig für den Zuschauer machen.» Vor allem in der Schweiz seien Bestattungen sehr vielseitig. Es gebe viele verschiedene Formen der Beisetzung oder des Abschiednehmens, von der Aufbahrung zuhause bis zur Bestattung, beispielsweise im Wald.

Mittlerweile sehr beliebt sind Urnenbestattungen: «Bei weit über 90 Prozent der Verstorbenen gibt es eine Kremation.» Diese Entscheidung falle hauptsächlich aus praktischen Gründen. «Rein aufwandtechnisch sind Kremationen einfacher. Erdbestattungen müssen innerhalb von fünf Tagen nach dem Tod durchgeführt werden. Kremationen müssen zwar auch innerhalb von fünf Tagen gemacht, die Beisetzung kann aber geschoben werden.» Dadurch hätten die Angehörigen mehr Zeit, die Beisetzung zu organisieren. In vielen Familien würden mittlerweile viele Bekannte oder Verwandte im Ausland wohnen, auf Reisen oder geschäftlich nicht ganz so flexibel sein. Diese können bei einer Urnenbeisetzung in Ruhe anreisen.

Angehörige wünschen personalisierte Särge und Urnen

Beat Sacchet und seine Mitarbeiter versuchen, wenn möglich alle Wünsche der Kunden zu erfüllen. Immer häufiger werde der Wunsch geäussert, die Urne oder den Sarg verzieren zu dürfen. «Regelmässig kommen Enkelkinder oder Kinder, um Särge oder Urnen zu schmücken, zu bekleben oder zu bemalen. Erst vergangene Woche haben Kinder Farbstifte mitgenommen, um die Innenseite eines Sargdeckels zu bemalen, damit die verstorbene Grossmutter etwas Farbiges innwändig hat, wenn der Deckel geschlossen wird.»

Es seien solche kleinen Gesten und Freuden, die für Beat Sacchet den Beruf interessant machen. Dass durch die Serie der Beruf des Bestatters Aufwind bekam, das war nicht der Fall, zumindest in Chur nicht. «Vielleicht liegt es daran, dass wir für euch Oberländer Hinterwäldler sind, aber uns hat die Serie überhaupt nicht grossartig beeinflusst», sagt Beat Sacchet und lacht.


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