Der erste Schweizer in einem WM-Final

Wichtiger Eckpfeiler in Kroatiens Spiel: Ivan Rakitic, hier im Duell mit Englands John Stone
Wichtiger Eckpfeiler in Kroatiens Spiel: Ivan Rakitic, hier im Duell mit Englands John Stone © KEYSTONE/EPA/ABEDIN TAHERKENAREH
Als erster Schweizer Spieler bestreitet der Doppelbürger Ivan Rakitic mit Kroatien gegen Frankreich einen WM-Final. Sein 99. Länderspiel wird zum Höhepunkt einer Karriere, die im Aargau begonnen hat.

«Die Worte, um die Gefühle zu beschreiben, gibt es nicht», sagte Ivan Rakitic. «Dafür muss man im Duden richtig lange suchen – oder etwas Neues erfinden.» Auch gut zwei Stunden nach dem Ende des aufwühlenden Halbfinals, in dem Kroatien England in der Verlängerung dank des Treffers von Mario Mandzukic 2:1 niederrang, tat sich der 30-Jährige in den Katakomben des Moskauer Luschniki-Stadions schwer, das Erlebte einzuordnen. «Für uns alle in Kroatien ist dieser Final eine Riesen-Geschichte.» Gut vier Millionen Einwohner zählt das Land, in dem nach der politischen Unabhängigkeit 1991 ein vierjähriger Krieg tobte.

Noch am Tag vor dem Halbfinal hatte Rakitic gedroht, das Spiel gegen England zu verpassen, lag er doch mit knapp 39 Grad Fieber im Bett. «Ich versuchte, mich so gut es ging zu erholen und alle meine Kräfte zu mobilisieren. Es hat sich gelohnt», so Rakitic, der gegen Frankreich als erster Spieler mit Schweizer Pass einen WM-Final bestreiten wird. «Durch die Art und Weise, wie wir während des ganzen Turniers gespielt haben, haben wir uns diesen Final verdient.»

Der Sonntag im Luschniki-Stadion in Moskau wird zum Höhepunkt einer Tellerwäscher-Karriere, die in den Neunzigerjahren im aargauischen Möhlin ihren Anfang genommen hat. Schritt für Schritt arbeitete sich Rakitic in die Weltspitze hoch. Bereits mit 17 debütierte er in der ersten Mannschaft des FC Basel, zwei Jahre später folgte nach dem Cupsieg mit dem FCB der Transfer in die Bundesliga zu Schalke. Es war der Sommer, als sich Rakitic nach Einsätzen in der Schweizer U21-Auswahl entschied, fortan für Kroatien, die Heimat seiner Eltern, zu spielen.

Rakitics Reise ging 2011 weiter nach Sevilla, wo er die Europa League gewann und auch seine Frau kennenlernte. 2014 unterschrieb er einen Vertrag mit dem FC Barcelona, der später bis 2021 verlängert wurde. 2015 holte er mit den Katalanen die Champions League und schoss dabei im Final gegen Juventus Turin das 1:0. An jeder seiner Stationen half Rakitic eine Gabe, die ihn bereits als Junior des FC Basel ausgezeichnet hatte. Er passte sich dem höheren Niveau jeweils schnell und problemlos an.

Rakitics Effort am Mittwoch nach überstandener Grippe stand sinnbildlich für den Kampfgeist und die Leidensfähigkeit der Kroaten in diesem Turnier. Traten sie in der Vorrunde, in der sie das Punktemaximum holten, noch äusserst souverän auf, machen sie es in der K.o.-Phase auf die harte Tour. Auch gegen England drehte Kroatien die Partie nach einem Rückstand – wie im Achtelfinal gegen Dänemark (1:1 n.V.) und im Viertelfinal gegen Russland (2:2 n.V.), als Rakitic als jeweils letzter Schütze den Sieg im Penaltyschiessen sicherstellte.

«Die Moral dieser Mannschaft ist unglaublich», sagte Rakitic. «Auf diese Art und Weise noch einmal zurückzukommen, ist brutal.» Trotz der dritten Verlängerung innert zehn Tagen war Kroatien am Ende stärker. «Während die Engländer etwas kaputt zu sein schienen, machten wir weiter Druck.» Für Rakitic ist der Sieg der Lohn für die Mühen der vergangenen Jahre. Immer wieder war die Generation um ihn und Captain Luka Modric an Endrunden als Geheimfavorit gehandelt worden, immer wieder scheiterte sie frühzeitig. «Wir arbeiten schon so lange zusammen, nun kommt endlich alles zurück.»

Am Sonntagnachmittag soll nun die Krönung folgen, auch wenn Kroatien gegen Frankreich die Rolle des Aussenseiters einnehmen wird. «Es wird sehr schwer, sie haben eine super Mannschaft», sagte Rakitic, der bei Barcelona mit den beiden Franzosen Samuel Umtiti und Ousmane Dembélé zusammenspielt. «Wir müssen unser bestes Spiel an dieser WM machen», so der Aargauer. Auch wenn es um viel gehen würde, versuche er die Partie und die Tatsache, einen WM-Final bestreiten zu dürfen, auch geniessen zu können. «Und wenn Gott will, bringen wir den Pokal nach Kroatien mit.»

(SDA)


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