«Männer in Kitas sind wichtig»

Männer in der Kinderbetreuung haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. (Symbolbild)
Männer in der Kinderbetreuung haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. (Symbolbild) © iStock
Der Missbrauchsfall aus einer St.Galler Kinderkrippe durch einen männlichen Betreuer regt zu Diskussionen an. Sind Männer in Kinderkrippen am falschen Ort? Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten.

«Männer gehören nicht in Kitas» oder «Du krankes Arschloch» heisst es in den Kommentarspalten zum Bericht über den Kita-Mitarbeiter, der in St.Gallen zwei Buben missbraucht haben soll. Das Image der männlichen Kinderbetreuer leidet stark, wird gar zerstört, die Vorurteile ihnen gegenüber werden grösser. Das weiss auch Nadine Willi aus Domat/Ems. Sie ist pädagogische Leiterin in einer Kindertagesstätte und kennt die Probleme, mit welchen ihre männlichen Kollegen zu kämpfen haben.

Strafregisterauszug und Verhaltenskodex

«Als sich der erste Mann bei uns beworben hat, mussten wir unseren Verhaltenskodex verschärfen», sagt Nadine Willi. In diesem Kodex wird unter anderem festgehalten, wer das Recht hat, die Kinder beim Mittagsschlaf zu betreuen: «Es wird klar definiert, wo Kinder berührt werden dürfen, wenn sie eine Einschlafhilfe brauchen.» Des Weiteren steht im Kodex, dass Wickelräume nicht verschlossen werden dürfen und, dass bei den Kindern nur zu zweit Fieber gemessen werden darf.

Nadine Willi, pädagogische Kita-Leiterin (Foto: zVg)

«Solche Vorgaben sind in den meisten Kindertagesstätten mittlerweile Standard. Jeder, egal ob Mann oder Frau, muss dies unterschreiben, bevor er oder sie angestellt wird», erklärt die Emserin. Einen zusätzlichen Backgroundcheck oder eine psychologische Abklärung der potenziellen Mitarbeiter gebe es nicht. Allerdings müssen alle Bewerber laut Willi einen Auszug aus dem Strafregister ihrer Bewerbung beilegen.

«Auch Frauen können pädophile Tendenzen haben»

Wie es trotz dieser Massnahmen zu Missbräuchen kommen kann, ist für Nadine Willi nur schwer zu erklären: «Ich denke, es gibt Leute, die gar nicht wissen, dass sie pädophile Neigungen haben, bevor sie eine Stelle als Kinderbetreuer antreten. Dies herauszufinden, ist auch für uns von der Leitung sehr schwierig.» Männer in Kinderbetreuungsberufen pauschal als Pädophile abzustempeln, sei aber falsch: «Es gibt auch Frauen, die pädophile Tendenzen aufweisen. Nur werden diese Fälle weniger publik gemacht.»

In der Kindertagesstätte von Nadine Willi arbeiten drei männliche Betreuungspersonen. Über Fälle von Kindsmissbrauch in Tagesstätten seien diese genauso empört wie die weiblichen Mitarbeiterinnen. Verunsichern würden diese sich dadurch aber nicht lassen: «Grundsätzlich prallt es eher an ihnen ab. Sie wissen, was ihr Auftrag ist, was ihr Job beinhaltet und diesen machen sie gut.» Probleme mit Eltern habe es bisweilen noch keine gegeben. Die Teamstrukturen würden bei einem ersten Gespräch direkt offengelegt: «Die Eltern sind männlichen Betreuern gegenüber sehr offen. Auf den Webseiten der Kitas sehen sie direkt, ob auch Männer angestellt sind. Bis jetzt habe ich es noch nie erlebt, dass Eltern explizit verlangt haben, die Männer im Voraus kennenzulernen.»

«Männer, lasst euch nicht unterkriegen»

Die Kinder selbst hätten Freude daran, neben weiblichen auch männliche Betreuer zu haben: «Für die Kinder ist es lässig, wenn sie auch einmal von einem Mann betreut werden. Die Kinder können selbst wählen, wen sie sich als Bezugsperson wünschen und bei vielen sind dies die Männer. Auch für das Team ist es toll, eine männliche Meinung bei anfallenden Fragen zu haben.» Jungen Männern, welche den Beruf ergreifen wollen, rät Nadine Willi darum, an ihrem Wunsch festzuhalten: «Die Männer sollen sich von solchen Meldungen nicht unterkriegen lassen. Sie wissen, was sie können und was sie wert sind. Das sollen sie sich nicht wegnehmen lassen.»

(dab)


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