«Männer warfen den Degen ins Tobel»

Elsbeth Sulzer kämpfte für das Frauenstimmrecht.
Elsbeth Sulzer kämpfte für das Frauenstimmrecht. © TVO
Vor 30 Jahren führte Appenzell Ausserrhoden als zweitletzter Kanton das Frauenstimmrecht auf Kantonsebene ein. TVO hat mit Elsbeth Sulzer (85) gesprochen, die sich damals für die Rechte der Frauen eingesetzt hat.

Elsbeth Sulzer, wie war es als Frau ohne Stimmrecht?
Elsbeth Sulzer: Ganz ehrlich: Gestört hat mich das nie. Ich bin ohne Brüder aufgewachsen und bekam mit meiner Schwester schon früh Verantwortung aufgetragen. Ich habe mich nie als minderwertig gesehen.

Aber Sie waren benachteiligt.
Betroffen machte es mich, nachdem ich verheiratet war. Ich hatte als Ehefrau keine Rechte, der Mann durfte alles bestimmen. Auch wenn mein Mann nicht von diesem Recht Gebrauch machte. Mir wurde es erst richtig bewusst, als ich nach drei sehr intelligenten Töchtern einen Bub als Nachzügler bekam. Ich fragte mich: Wieso soll der jetzt mehr Rechte haben als ich oder meine Töchter? Das war der Auslöser für meinen Kampf fürs Frauenstimmrecht.

Wie haben Sie sich organisiert?
Wir haben eine Interessengemeinschaft für Gleichberechtigung der Frauen im Kanton Appenzell Ausserrhoden gegründet. Wir gingen mit einer Petition, die das Frauenstimmrecht forderte, nach Bern. Ins Bundeshaus durften wir aber nicht, da gerade Session war. Aber auf dem Bundesplatz haben wir den Parlamentarierinnen und Parlamentariern Biberli verteilt und ihnen gesagt, sie sollen sich bitte für uns einsetzen. Unterstützung bekamen wir vor allem von den Westschweizerinnen. In der Ostschweiz gab es auch Nationalrätinnen, die uns sagten, dass wir das Stimmrecht nicht brauchten.

Die Petition war aber nicht erfolgreich.
Nein, es gab zu grossen Widerstand.

«Die Frauen haben ja genug Einfluss auf ihre Männer»

An der Landsgemeinde wurde das Frauenstimmrecht mehrmals abgelehnt.
Zusammen fanden wir in der IG, dass es so nicht weitergehe. Wir haben vor den Landsgemeinden jeweils Blumensträusse verteilt und so um Unterstützung fürs Frauenstimmrecht geworben. Weil das nichts nützte, haben wir keine Blumen mehr verteilt. Die Männer fragten uns dann, wo die Sträusse blieben.

Wie wurde gegen das Frauenstimmrecht argumentiert?
Die Männer sagten: Die Frauen haben ja genug Einfluss auf ihre Männer. Aber das betraf ja höchstens die verheirateten Frauen. Dann wurde argumentiert, dass es an der Landsgemeinde zu wenig Platz habe oder dass der Charakter der Landsgemeinde verändert werde.

Aber auch Frauen waren gegen das Stimmrecht.
Das störte mich am meisten. Sie sagten: Wir brauchen das nicht. Wer das Frauenstimmrecht will, ist eine Feministin, ist eine Auswärtige oder drängelt nur, weil alle anderen Kantone das schon haben. Dabei stimmte das natürlich nicht. In unserer Gruppe gab es viele Frauen, die hier aufgewachsen sind. Wir fanden einfach: Jetzt reicht es! Wir wollen auch sagen, was wir wollen!

«Es gab Männer, die fuchsteufelswild waren»

Dann kam es 1989 erneut zur Abstimmung.
Ja, irgendwann hat die Regierung gesagt, dass es mit der ewigen Abstimmerei nicht mehr weitergehen könne. Es gab eine Umfrage und eine Kommission klärte ab, ob es für die Frauen überhaupt Platz habe. Man kam zum Schluss: Es gibt keine Gründe gegen das Frauenstimmrecht.

Wie haben Sie die Abstimmung erlebt?
Es war sehr knapp. Die Regierung liess die Abstimmung wiederholen. Dann war klar: Das Frauenstimmrecht ist angenommen. Es war eine unglaubliche Erlösung.

Wo waren Sie damals?
Ich stand ausserhalb des Rings und bangte. Dann waren wir alle natürlich sehr glücklich.

Wie haben die Gegner im Ring auf das Resultat reagiert?
Es gab Männer, die fuchsteufelswild waren. Die gingen danach aus dem Ring und warfen ihre Degen, das Zeichen, dass man in den Ring durfte, ins Hundwiler Tobel. Wir haben hingegen geklatscht und gejubelt.

Wurde noch gross gefeiert?
Nein. Wir gingen nach Hause. Es gab kein Fest.

«Mädchen sollen früher über politische Rechte sprechen»

Wie hat sich die Landsgemeinde in den Jahren, in denen es sie noch gab, mit den Frauen verändert?
Es waren immer sehr viele Leute dort. Es war ein wunderbares Gefühl. Auch als dann an der ersten Landsgemeinde gleich zwei Frauen in den Regierungsrat gewählt worden sind. Es war eine richtige Aufbruchstimmung, eine riesige Freude.

Es gab auch Veränderungen ausserhalb der Landsgemeinde.
Nicht so sehr. Natürlich wurden plötzlich Frauen in Ämter gewählt. Aber es wurde mit der Zeit selbstverständlich. Manchmal finde ich es schade, dass sich viele Frauen heute gar nicht so bewusst sind, dass es ein Privileg ist, dass man abstimmen darf.

Was hätte man rückblickend anders machen müssen?
Natürlich das Frauenstimmrecht schon viel früher einführen. Vielleicht bräuchte es viel früher Staatskundeunterricht in der Schule. Die jungen Mädchen sollen früher über politische Rechte sprechen.

(Das Interview führte Nicole Milz/red.)


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