Medaillenfeier mit der ersten Schweizer Europameisterin

Nun hält sie sie endlich in den Händen: Lea Sprunger strahlt mit ihrer Goldmedaille.
Nun hält sie sie endlich in den Händen: Lea Sprunger strahlt mit ihrer Goldmedaille. © KEYSTONE/EPA/HAYOUNG JEON
Lea Sprunger schreibt am Freitagabend mit dem Sieg über 400 m Hürden als erste Leichtathletik-Europameisterin aus der Schweiz Geschichte. Die Nacht danach ist kurz.

Sprunger wartet in einem Zelt mit der Aufschrift «Victory Home» zusammen mit Trainer Laurent Meuwly auf den grossen Moment, die Entgegennahme der Goldmedaille am Breitscheidplatz im Herzen von Berlin. Es sind viele Schweizer Fans zugegen, welche die 28-jährige Waadtländerin frenetisch feiern, als sie Richtung Podium schreitet. Als sie dort oben steht, schlägt sie plötzlich die Hände vors Gesicht: Sie sieht unter den Zuschauern ihren Bruder, von dem sie nicht wusste, dass er in Berlin ist. Als die Schweizer Nationalhymne läuft, hat sie Tränen in den Augen.

«Ich kann nicht wirklich sagen, was auf dem Podest passiert ist», so Sprunger. «Ich sah meine ganze Familie, dann kommen alle Emotionen hoch. Man denkt an die ganze Saison». Dachte sie auch an die schwierigen Zeiten, die sie auf dem Weg zu EM-Gold durchlebt hatte? «Nein. Ich dachte die ganze Woche positiv. Ich wusste, zu was ich fähig bin.» Nach dem Rennen war sie dann einfach nur erleichtert, da sie sich mit dem Ziel EM-Gold selber viel Druck auferlegt hatte. «Langsam realisiere ich, dass ich es geschafft habe.»

Den Triumph feierte Sprunger zusammen mit ihrer Familie und Freunden in der Stadt. «Ich schlief etwa zwei Stunden und habe etwas mehr als Wein getrunken», beschreibt sie die Nacht.

Nach der Siegerehrung war dann allerdings nicht Ruhe angesagt, sondern es geht zu einem gut besuchten Treff mit den Schweizer Fans im Tiergarten, wo sie mit der Goldmedaille um den Hals nochmals gefeiert wird und ein begehrtes Sujet für Fotos ist. Dort gönnt sie sich eine Pizza, schliesslich ist sportlicher Erfolg mit grossem Verzicht verbunden. Unter den Leuten weilt auch der Schaffhauser Hansjörg Wirz, von 1999 bis 2015 Präsident des Europäischen Leichtathletik-Verbandes – auch er ein Hürdenläufer.

Trotz aller Feierlichkeiten hat Sprunger aber auch im Kopf, dass sie am kommenden Wochenende am Diamond-League-Meeting in Birmingham wieder bereit sein muss. Danach steht noch Weltklasse Zürich im Letzigrund in ihrem Programm. Sie ist überzeugt, dass der neue Status positiv sein wird für die Zukunft. «Ich bin nun die Europameisterin, und das wird die nächsten zwei Jahre so bleiben.»

Auch Laurent Meuwly ist nach den vielen Auf und Abs erleichtert. Der Westschweizer betreut Sprunger seit ihrem 17. Lebensjahr. «Es ist eine schöne Geschichte, die es nicht jeden Tag gibt», sagt Meuwly. «Es war eine langfristige Entwicklung». Zwar hatte er für Sprunger schon 2010 den Langsprint im Kopf. Nach dem Ende als Mehrkämpferin entwickelte er mit ihr aber zunächst über 200 m die Grundschnelligkeit, auch mit dem Hintergrund, dass sie sich nur in dieser Disziplin kurzfristig für Grossanlässe qualifizieren konnte.

Als Sprunger dann 2015 zu den 400 m Hürden wechselte, war sie physisch schon dermassen stark, dass sie «nur» noch die technischen und taktischen Komponenten lernen musste und deshalb bereits 2016 fähig war, EM-Bronze zu holen. Nun will Meuwly mit ihr den nächsten Schritt machen. Der Traum ist eine Olympia-Medaille 2020 in Tokio. «Das wäre etwas Unglaubliches», so Meuwly. Er weiss auch, was sie dafür braucht: mehr Erfahrung über 400 m Hürden.

(SDA)


Newsletter abonnieren
0Kommentare
noch 500 Zeichen