Mit 77 Jahren den Doktortitel geholt

Trudi Schmid hat es geschafft: Mit 77 Jahren hält sie ihre Doktorarbeit in den Händen.
Trudi Schmid hat es geschafft: Mit 77 Jahren hält sie ihre Doktorarbeit in den Händen. © Tagblatt/Astrid Zysset
Rentner haben sie im Überfluss – Zeit. Diese nutzte eine 77-jährige Appenzellerin, um ihren Doktortitel zu machen. Ganz nach dem Motto: «Ich hatte ja sonst nichts zu tun.»

Für Trudi Schmid aus Trogen ist es nie zu spät. Mit 77 Jahren hat sie ihre Doktorarbeit geschrieben. Vier Jahre lang hatte sie an ihrem Buch über die Schweizer Kriegsnothilfe im Ersten Weltkrieg gearbeitet. Dieses erschien letztes Jahr im Wiener Böhlau Verlag. Eine Doktorarbeit in vier Jahren zu schreiben, ist relativ schnell. Trudi Schmid sagt dazu im Interview mit dem St.Galler Tagblatt: «Ich hatte ja sonst nichts zu tun. Andere müssen einer Arbeit nachgehen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ich nicht. Ich hatte Zeit.»

Nicht stolz, aber dankbar

Überraschend: Die Witwe betont, dass sie nicht stolz auf ihre Leistung sei. Nur dankbar sei sie, dass sie gesundheitlich in der Lage war und im privaten Umfeld nichts passierte, was sie aus der Bahn geworfen hätte. Mit 77 Jahren ist das keine Selbstverständlichkeit. Trudi Schmid hat bis zu ihrer Pensionierung als Korrektorin gearbeitet. Danach holte sie ihre Matura an der Interstaatlichen Maturitätsschule für Erwachsene (ISME) nach.

Ermutigt von einem Lehrer, schrieb sie sich danach an der Universität Zürich für das Studium der Allgemeinen Geschichte ein. Damit wollte sie verhindern, dass sie den jungen Leuten Arbeitsplätze wegnimmt, wie dies beispielsweise bei einem Chemiestudium der Fall wäre. Das Pendeln nach Zürich ging ganz gut.

Mit 77 die Welt neu entdecken

Ein schlechtes Gewissen hat Trudi Schmid nicht, auch wenn die Investition ihres Studienplatzes weder der Forschung noch der Arbeitswelt zugute kommt. Schliesslich habe sie vier Jahre lang gratis an ihrem Buch gearbeitet, wovon nun die Allgemeinheit profitieren kann. Negative Reaktionen auf ihr Studium hat sie ohnehin nie bekommen.

In Zukunft möchte die Rentnerin die Welt mit ihrem neu erworbenen Wissen entdecken. Eventuell wird sie auch noch den einen oder anderen geschichtlichen Beitrag veröffentlichen. Zeit zum Schreiben hat sie schliesslich genug.

(red.)


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