Mit oder ohne Senf? – Hört auf damit!

Von Andreas Forster
In St.Gallen immer für einen Verlegenheitslacher gut: Isst du deine Bratwurst mit oder ohne Senf?
In St.Gallen immer für einen Verlegenheitslacher gut: Isst du deine Bratwurst mit oder ohne Senf? © iStock/Bildmontage FM1Today
Mit oder ohne Senf? – Originell ist die Frage schon längst nicht mehr, wenn’s um die St.Galler Bratwurst geht. Darum: «Hört endlich auf damit», findet FM1-Moderator Andreas Forster. Ein stolzer Neu-St.Galler und ebenso stolzer Exil-Bündner.

Ich hab’s kapiert. Die beste Bratwurst gibt es in St.Gallen. Ist einfach so. Punkt. Ich war skeptisch, als ich vor zehn Jahren hierher kam. Mittlerweile bin ich selbst zum Verfechter der Kalbs- und Schweinebrätmasse in der Pelle geworden. Ja, ich mische mich sogar in pseudo-fachmännische Diskussionen ein, welche Metzgerei in der Stadt St.Gallen nun die beste sei. Eine Glaubensfrage.

Die Olma ist ein Volksfest, manche sagen eine mustergültige «Hundsverlochete»

Doch dann kommt die Olma. Es riecht nach Maroni, Magenbrot, geschmolzenem Käse und ausgeschüttetem Bier. An mancher Ecke kommt eine herb-säuerliche Note dazu. Die Überbleibsel des Vorabends. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Wieso auch nicht! Alles in Ordnung. Kein Grund, schnaubend auf die Hinterbeine zu stehen, und zur Hasstirade anzusetzen. Die Olma ist ein Volksfest, manche sagen eine mustergültige «Hundsverlochete», wie das St.Galler Openair übrigens auch. Get over it!

Nun aber zum eigentlichen Übel: Der Frage nach dem Senf.
Als ich vor Jahren nach St.Gallen kam, schien die Senf-Frage durchaus originell zu sein. Das bildete ich mir als selbstgefälliger Radio-Schnösel zumindest ein. Die stets netten St.Gallerinnen und St.Galler lächelten meine Frage weg. Aus Höflichkeit wahrscheinlich. Sogar der wohl angesehenste St.Galler, Kurt Felix himself, gab mir stets eine höfliche und träfe Antwort. Jedes Mal an der Olma. Jedes Mal bei der «Brodwurscht-Verteilete», an der sich die Lokal-Prominenz vor dem Olma-Gelände die Beine in den Bauch steht. By the way: Der einzig wirklich Prominente war jeweils besagter Kurt Felix in Begleitung seiner nicht minder prominenten wie charmanten Frau Paola.

Die St.Galler lassen sich die Senftube folgsam um die Ohren hauen

Heute weiss ich diese bereitwilligen, stets freundlichen Antworten umso mehr zu schätzen. Die St.Galler spielen das Spiel mit. Sie lassen sich die Senftube folgsam um die Ohren hauen. Diese plumpe, offenbar alles entscheidende und einordnende Frage, die die St.Galler aus der Reserve locken soll. Tut sie nicht, imfall! Und wer nun meint, der ganze Senf-Firlefanz beschränke sich auf die Generation 50 plus, der täuscht sich gewaltig. Die Hanswursterei hat kein Ablaufdatum. Sogar zeitgeistige Levis-T-Shirt-Trägerinnen und -Träger lassen sich zur ewigen Senf-Lustigfinderei hinreissen. Kicher, Kicher! Posting auf Instagram.

Die Senf-Frage ist keine aufrichtige Frage. Sie ist ein Ärgernis, eine Qual

«Ich darf das!» – mich über die ewige Senf-Frage echauffieren. Ich bin ein Auswärtiger, ein Nicht-St.Galler, ein Bündner. HCD statt FCSG. «Grüe-wiis, üsi Liebi», sagt aber das Bauchgefühl. Nun: Ich war selbst einer jener, einer dieser duseligen Frager. Shame on me. Ich entschuldige mich. Sorry, St.Gallen! Die Senf-Frage ist keine aufrichtige Frage. Sie ist ein Ärgernis, eine Qual. Abgedroschen. Ausdruckslos. Notdürftig. Die St.Galler sind wohl einfach zu anständig, um die Sticheleien zu kontern. Aus Höflichkeit wahrscheinlich.
Übrigens: Der Olma-Wurstverkäufer am Gasgrill lächelt schon wieder so verdächtig, und dreht mit der Grillzange währenddessen routiniert seine Lieblinge. Ihm hat wohl wieder jemand die Senf-Frage gestellt? Bestimmt!

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