Marie Kondo macht Aufräumen cool

Von Dario Brazerol
Die Japanerin Marie Kondo zeigt auf Netflix, wie man richtig aufräumt.
Die Japanerin Marie Kondo zeigt auf Netflix, wie man richtig aufräumt. © Instagram/mariekondo
Die Serie ist einer der Netflix-Hits des neuen Jahres. Die Japanerin Marie Kondo zeigt, wie man richtig aufräumt. Auch in der Schweiz ist diesbezüglich ein Trend erkennbar.

«Does it spark joy?» – «Löst es Freude bei dir aus?» Mit dieser Frage fordert Marie Kondo ihre Klienten dazu auf, zu entscheiden, ob unnötiger Krimskrams ausgemistet werden kann. In der Netflix-Serie «Aufräumen mit Marie Kondo» hilft die Japanerin Menschen dabei, ihr Heim und auch ihr Leben in Ordnung zu bringen. Die vierköpfige Familie, die Witwe, das junge Paar – sie alle wollen die Hilfe von Marie Kondo und ihrer «KonMari»-Methode.

Vier Bücher hat Kondo bereits zum Thema Aufräumen verfasst. Im ersten Band stellte sie ihre eigene, die KonMari-Methode vor. Das Prinzip ist einfach: Aufräumen nach Kategorien und nicht nach Räumen. Laut der offiziellen Webseite von Kondo sind Personen auf der ganzen Welt von dieser Art des Aufräumens überzeugt. Und auch die Protagonisten in der Netflix-Serie schwören auf die Tipps und Tricks von Kondo. Meist steht bei diesen die Unordnung im Heim mit Schicksalsschlägen oder psychischen Problemen in Zusammenhang. Das Aufräumen hilft – vermutlich – dabei, die privaten Probleme zu überwinden.

«Bin Leitplanke und Motor»

Mit dem «Puff» anderer Leute beschäftigen sich auch in der Schweiz die Profis. Seit 2016 gibt es gar einen eigenen Verband für professionelle Aufräumer, die Association of Professional Organizers. Das selbsterklärte Ziel dieses Verbandes ist es, «die Kunden auf dem Weg zu mehr Effizienz und Freiraum zu unterstützen». Mitglied dieses Verbandes ist auch Karine Paulon. Die 43-Jährige ist seit 2017 als Ordnungscoach tätig. Ihr Job ist für sie eine Herzensangelegenheit: «Ich diene als Leitplanke und Motor für meine Kunden. Ich gehe zu den Leuten nach Hause, schaue, was ihre Probleme sind und dann räumen wir zusammen auf.»

Ordnungscoach Karine Paulon (Foto: zVg)

Was einfach klingt, kann aber auch sehr persönlich werden: «Während meiner Sitzungen wird oft gelacht, aber auch geweint. Mein Job ist dann etwas zwischen Putzfrau und Psychologin.» Wer denkt, dass ausschliesslich Messies zur Kundschaft eines Ordnungscoaches zählen, hat weit gefehlt: «Zu meinen Kunden zählen viele Frauen, aber auch Männer, junge Leute und alte, eigentlich jede soziale Schicht. Die Leute schätzen die Verbindlichkeit meines Coachings. Man nimmt sich effektiv Zeit zum Aufräumen.»

«KonMari» kein Wunderheilmittel

Um auf die Bedürfnisse der Schweizer Kundschaft einzugehen, hat Karine Paulon die Methode der Japanerin noch ergänzt: «In den Büchern von Kondo wird zu wenig auf die Entsorgung der Sachen eingegangen. Ich schaue mit meinen Kunden, ob etwas gespendet oder verkauft werden kann.» Ausserdem solle man nicht pauschal auf eine Besserung der psychischen Verfassung hoffen. Kleinere Änderungen des Verhaltens seien aber durchaus denkbar: «Es kann sein, dass die Leute nicht mehr so viel konsumieren, den Job ändern oder an Gewicht verlieren.»

Auch Andres Schneeberger, Psychiater und Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Dienste Graubünden, rät vom Aufräumen als Therapie ab: «Einem psychisch gesunden Menschen kann es nach dem Aufräumen sicher besser gehen. Bei Personen mit einer ernstzunehmenden psychischen Erkrankung kann es aber gefährlich werden.» Unordnung im Eigenheim könne beispielsweise ein Symptom für eine Depression sein. Durch die Krankheit entstehe eine Antriebslosigkeit, welche dazu führt, dass zu Hause nicht mehr aufgeräumt wird. «In diesen Fällen sollten die Betroffenen lieber einen Hausarzt, Psychiater oder Psychologen aufsuchen, als auf die Hilfe von Aufräumcoaches zu setzen», rät Andres Schneeberger.

Schadenfreude macht Reiz aus

Den Hype um die Netflix-Serie kann er aber nachvollziehen: «Die Leute sind neugierig. Der Blick in eine unaufgeräumte Wohnung zeigt etwas sehr Intimes. Vielleicht ist bei den Zuschauern auch eine gewisse Schadenfreude dabei. Man kann sich mit anderen vergleichen und sieht, dass es einem selbst besser geht.» So sieht es auch FM1Today-Redaktorin Fabienne Engbers. Sie hat sich die Serie zu Gemüte geführt und bestätigt: «Man fühlt sich besser, wenn man sieht, was andere Leute für ein ‹Puff›zu Hause haben.» Sie hat auch einige Tipps von Marie Kondo mit in den Alltag genommen: «Ich habe meinen Kleiderschrank neu eingeräumt. Die T-Shirts sind jetzt nach Farben in Boxen sortiert.» Allgemein sei sie aber schon ein ordentlicher Mensch. Einen eigenen Aufräumcoach würde sie deshalb nicht engagieren.

So sieht es bei FM1Today-Redaktorin Fabienne Engbers nach Marie Kondo aus. (Foto: FM1Today/Fabienne Engbers)

Ob aus rein voyeuristischen oder ausschliesslich praktischen Gründen, Marie Kondo gibt den Zuschauern das, was sie brauchen: Einen intimen Einblick in das Leben verschiedener Persönlichkeiten. Die Unterhaltung steht im Vordergrund. Auf eine zweite Staffel werden die «Netflixer» also wahrscheinlich nicht lange warten müssen.


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